Ghost Tabby bei Katzen | Warum schwarze Katzen plötzlich Streifen zeigen

Eine schwarze Katze sitzt im Schatten und wirkt tief einfarbig. Dann fällt Sonnenlicht auf ihr Fell – und plötzlich zeichnen sich feine Streifen an den Flanken oder ein angedeutetes „M“ auf der Stirn ab.

Manchmal verschwinden diese Linien wieder, sobald die Katze sich bewegt oder das Licht verändert.

Dieses Phänomen wird häufig als Geisterzeichnung oder Ghost Tabby bezeichnet.

Und tatsächlich steckt dahinter keine Einbildung: Auch genetisch einfarbig wirkende Katzen können Spuren einer Tabby-Zeichnung sichtbar werden lassen. Besonders bei jungen Katzen und unter bestimmten Lichtbedingungen kann sie überraschend deutlich erscheinen.

Was ist eine Geisterzeichnung?

Als Ghost Tabby bezeichnet man eine sehr schwache Tabby-Zeichnung, die auf einer ansonsten einfarbig wirkenden Katze sichtbar wird.

Typisch können beispielsweise sein:

  • feine Streifen an den Körperseiten,
  • Ringzeichnungen an Schwanz oder Beinen,
  • eine schwache Zeichnung im Gesicht,
  • oder das für Tabbykatzen typische angedeutete „M“ auf der Stirn.

Je nach Katze ist die Zeichnung kaum wahrnehmbar oder bei günstigem Licht plötzlich erstaunlich deutlich.

Die Katze bekommt dabei nicht plötzlich neue Streifen. Die Zeichnung war bereits vorhanden – sie war nur kaum sichtbar.

Warum kann eine einfarbige Katze überhaupt Tabby-Streifen haben?

Dafür müssen wir ein kleines bisschen in die Genetik des Katzenfells eintauchen.

Bei der Fellzeichnung wirken mehrere Gene zusammen. Besonders wichtig ist dabei der sogenannte Agouti-Locus.

Das Agouti-Signalprotein beeinflusst, wie Pigmente während des Haarwachstums verteilt werden. Bei einer typischen Tabbykatze wechseln sich in bestimmten Haaren unterschiedlich pigmentierte Bereiche ab. Dadurch entsteht das charakteristische gebänderte sogenannte Agouti-Haar.

Beim Agouti-Locus werden vereinfacht zwei Varianten unterschieden:

  • A = Agouti: die typische Bänderung der Haare kann sichtbar werden
  • a = Non-Agouti: die Bänderung wird unterdrückt und das Haar erscheint weitgehend gleichmäßig pigmentiert

Eine Katze mit zwei Non-Agouti-Varianten – also a/a – erscheint deshalb normalerweise einfarbig beziehungsweise „solid“ oder „self“.

Das Tabby-Muster verschwindet genetisch aber nicht einfach

Hier wird es besonders interessant.

Der Agouti-Locus entscheidet nicht allein darüber, welches Tabby-Muster eine Katze besitzt.

Weitere Gene beeinflussen beispielsweise, ob eine Zeichnung eher:

  • getigert beziehungsweise mackerel,
  • klassisch beziehungsweise blotched,
  • gepunktet
  • oder auf andere Weise ausgeprägt ist.

UC Davis beschreibt deshalb ausdrücklich, dass das Tabby-Muster auch bei einer Non-Agouti-Katze genetisch vorhanden bleibt. Normalerweise ist es nur schwer beziehungsweise gar nicht sichtbar, weil die Haare innerhalb und außerhalb der Musterbereiche sehr ähnlich dunkel pigmentiert sind.

„Einfarbig“ bedeutet also nicht unbedingt, dass genetisch überhaupt kein Tabby-Muster vorhanden wäre.

Warum sieht man die Streifen trotzdem manchmal?

Auch bei einer a/a-Katze ist die Unterdrückung der sichtbaren Zeichnung nicht unter allen Bedingungen vollkommen.

UC Davis weist darauf hin, dass bei Non-Agouti-Katzen unter bestimmten Lichtbedingungen gelegentlich schwache Tabby-Muster am Körper sichtbar werden können.

Dazu kommt, dass Haare Licht je nach:

  • Winkel,
  • Pigmentdichte,
  • Fellstruktur,
  • Länge
  • und Position am Körper

unterschiedlich reflektieren.

Dadurch kann eine Zeichnung, die im normalen Raumlicht praktisch verschwindet, im schrägen Sonnenlicht plötzlich deutlich hervortreten.

Warum fällt Ghost Tabby bei schwarzen Katzen so schön auf?

Bei tiefschwarzem Fell erwartet unser Auge zunächst eine vollkommen gleichmäßige Fläche.

Schon kleine Unterschiede in Lichtreflexion oder Pigmentierung fallen deshalb besonders auf.

Im Schatten wirkt die Katze vielleicht nahezu komplett schwarz.

Im direkten oder schrägen Sonnenlicht können dagegen dunkelbraune, rötliche oder fast schwarze Streifen gegeneinander sichtbar werden.

Gerade dadurch entsteht manchmal der Eindruck, eine schwarze Katze würde sich im Sonnenlicht plötzlich in eine Tabbykatze verwandeln.

Besonders bei Kitten sieht man Geisterzeichnungen häufig

Bei jungen Katzen können solche schwachen Muster besonders deutlich auftreten.

Auch TICA weist darauf hin, dass bei ansonsten einfarbigen Katzen – mit Ausnahme von Weiß – im Kittenalter schwache Tabby-Zeichnungen vorkommen können und als ghost markings bezeichnet werden.

UC Davis nennt ebenfalls Kitten als eine Gruppe, bei der solche schwachen Zeichnungen auffallen können.

Mit zunehmendem Alter und der Entwicklung des erwachsenen Fells kann die Zeichnung:

  • schwächer werden,
  • fast vollständig verschwinden
  • oder bei manchen Katzen weiterhin in bestimmten Lichtverhältnissen sichtbar bleiben.

Es gibt deshalb kein bestimmtes Alter, in dem eine Geisterzeichnung zwingend verschwinden muss.

Auch erwachsene Katzen können Ghost Tabby zeigen

Geisterzeichnungen sind keineswegs ausschließlich ein Kittenphänomen.

Auch erwachsene einfarbige Katzen können eine schwache Zeichnung behalten.

Vielleicht siehst du sie nur:

  • im Sonnenlicht,
  • bei Licht von der Seite,
  • nach dem Fellwechsel
  • oder aus einem ganz bestimmten Blickwinkel.

Und manchmal fällt einem die Zeichnung erst nach Jahren auf, obwohl sie vermutlich schon lange vorhanden war.

Warum sieht man bei roten Katzen fast immer Streifen?

Vielleicht ist dir schon aufgefallen, dass wirklich völlig zeichnungslose rote Katzen kaum zu finden sind.

Das hängt mit einer Besonderheit der roten beziehungsweise orangefarbenen Fellfarbe zusammen.

Das Gen für Orange liegt auf dem X-Chromosom und beeinflusst die Pigmentbildung so, dass die Wirkung von Non-Agouti auf die sichtbare Tabby-Zeichnung nicht genauso funktioniert wie bei schwarzen Katzen.

UC Davis beschreibt deshalb ausdrücklich, dass orangefarbene Katzen ihre Tabby-Zeichnung zeigen können, unabhängig davon, ob sie am Agouti-Locus genetisch Agouti oder Non-Agouti sind.

Deshalb sind bei roten und cremefarbenen Katzen Streifen besonders häufig sichtbar.

Ist Ghost Tabby dasselbe wie eine normale Tabbykatze?

Nicht ganz.

Bei einer genetisch sichtbaren Tabbykatze gehört die Zeichnung zum normalen deutlich ausgeprägten Erscheinungsbild des Fells.

Bei einer einfarbigen Non-Agouti-Katze wird das Muster dagegen weitgehend verdeckt und scheint nur schwach durch.

Deshalb spricht man bildlich von einer „Geisterzeichnung“.

Der Begriff beschreibt also vor allem das Erscheinungsbild – eine nur schemenhaft sichtbare Zeichnung auf einer eigentlich solid wirkenden Katze.

Und ist eine schwarze Katze mit Ghost Tabby dann eigentlich gar nicht schwarz?

Doch.

Eine genetisch schwarze Non-Agouti-Katze bleibt eine schwarze Katze, auch wenn im Fell schwache Tabby-Spuren sichtbar sind.

Genau das ist ein häufiger Irrtum:

„Wenn sie Streifen hat, kann sie nicht wirklich schwarz sein.“

So einfach funktioniert die Fellgenetik nicht.

Schwarze Grundfarbe und schwach sichtbare Tabby-Zeichnung können problemlos zusammen auftreten.

Rötlich im Sonnenlicht ist nicht automatisch Ghost Tabby

Hier lohnt sich noch eine wichtige Unterscheidung.

Schwarzes Fell kann im Sonnenlicht nicht nur Streifen zeigen, sondern insgesamt braun oder rötlich wirken.

Das muss nicht dieselbe Ursache haben.

Die dunkle Farbe schwarzen Fells entsteht vor allem durch das Pigment Eumelanin. Längere intensive Sonneneinstrahlung kann dunkles Haar optisch aufhellen, sodass schwarze Fellbereiche brauner oder rötlicher erscheinen.

Zusätzlich gibt es einen ernährungsphysiologischen Zusammenhang: Für die Bildung dunkler Pigmente werden unter anderem die Aminosäuren Phenylalanin und Tyrosin benötigt.

In experimentellen Untersuchungen führte eine sehr niedrige Tyrosinversorgung bei schwarzen Katzen zu einer rötlich-braunen Veränderung der Haarfarbe.

Bei einer normal ernährten gesunden Katze bedeutet ein warmer brauner Schimmer im Sonnenlicht deshalb nicht automatisch, dass ein Nährstoffmangel vorliegt.

Ein rötlicher Gesamtschimmer und klar erkennbare Streifen sind also zwei unterschiedliche Phänomene, die gleichzeitig auftreten können.

Ghost Tabby ist auch nicht dasselbe wie Smoke

Eine weitere Fellfarbe, die auf den ersten Blick verwirrend sein kann, ist Smoke.

Bei einer Smoke-Katze sind die Haarspitzen dunkel, während der Haaransatz deutlich heller beziehungsweise silbrig erscheint.

Das fällt häufig besonders auf, wenn man das Fell auseinanderstreicht oder wenn sich die Katze bewegt.

Eine Geisterzeichnung dagegen beschreibt ein schwach sichtbares Tabby-Muster.

Ein hellerer Haaransatz allein macht deshalb noch keine Ghost-Tabby-Zeichnung – und schwache Streifen machen eine Katze nicht automatisch zu einer Smoke.

Ist eine Geisterzeichnung ein Krankheitszeichen?

In der Regel nein.

Eine schwache Tabby-Zeichnung bei einer ansonsten gesunden Katze ist eine normale Besonderheit der Fellfarbe und kein Hinweis darauf, dass etwas mit der Katze nicht stimmt.

Wenn die Streifen immer nur bei bestimmten Lichtverhältnissen auftauchen und das Fell ansonsten gesund aussieht, gibt es normalerweise keinen Grund zur Sorge.

Wann sollte man Fellveränderungen trotzdem ernst nehmen?

Etwas anderes ist es, wenn sich das Fell nicht nur optisch je nach Licht verändert, sondern tatsächlich deutlich anders wird.

Tierärztlich abgeklärt werden sollte beispielsweise eine auffällige Fellveränderung zusammen mit:

  • Haarausfall,
  • stumpfem oder brüchigem Fell,
  • starker Schuppenbildung,
  • Juckreiz,
  • Hautveränderungen,
  • ungeklärter deutlicher Farbveränderung,
  • Gewichtsverlust,
  • Appetitveränderungen
  • oder anderen Krankheitssymptomen.

Dann geht es nicht mehr um eine harmlose Geisterzeichnung, sondern möglicherweise um ein separates Haut-, Ernährungs- oder Gesundheitsproblem.

Lässt sich am Ghost Tabby erkennen, welches Muster die Katze genetisch trägt?

Manchmal kann die schwach sichtbare Zeichnung einen Hinweis geben.

Zeigen sich beispielsweise schmale, senkrechte Streifen an den Körperseiten, erinnert das an ein Mackerel-Tabby-Muster.

Breitere Wirbel oder größere Zeichnungselemente können eher an Classic Tabby erinnern.

Bei sehr schwacher Zeichnung ist eine zuverlässige Zuordnung allein nach dem Aussehen jedoch schwierig.

Felllänge, Licht und geringe Kontraste können das Muster stark verändern.

Wer aus genetischem Interesse tatsächlich wissen möchte, welche Farb- und Zeichnungsvarianten eine Katze trägt, kann bestimmte Fellfarbgene heute auch über DNA-Tests untersuchen lassen.

Warum sieht man das „M“ auf der Stirn manchmal zuerst?

Die Gesichtszeichnung gehört zu den typischen Merkmalen eines Tabby-Musters.

Bei einer Ghost-Tabby-Katze können deshalb feine Linien rund um Augen, Wangen oder Stirn sichtbar werden, obwohl am Körper zunächst fast nichts zu erkennen ist.

Das angedeutete „M“ auf der Stirn fällt dabei häufig besonders schnell ins Auge.

Auch hier gilt jedoch: Nicht ein einzelner Streifen entscheidet darüber, welche genetische Fellzeichnung eine Katze besitzt.

Kurz & knapp

  • Ghost Tabby bezeichnet eine sehr schwache Tabby-Zeichnung auf einer ansonsten einfarbig wirkenden Katze.
  • Bei Non-Agouti-Katzen wird die sichtbare Agouti-Bänderung genetisch weitgehend unterdrückt.
  • Das zugrunde liegende Tabby-Muster kann trotzdem genetisch vorhanden sein.
  • Unter bestimmten Lichtbedingungen können deshalb schwache Streifen sichtbar werden.
  • Bei Kitten fällt eine Geisterzeichnung häufig besonders deutlich auf.
  • Auch erwachsene Katzen können schwache Ghost-Markings behalten.
  • Bei schwarzen Katzen können die Streifen im Sonnenlicht besonders eindrucksvoll hervortreten.
  • Ein rötlicher oder brauner Gesamtschimmer schwarzen Fells ist nicht automatisch dasselbe wie Ghost Tabby.
  • Eine Geisterzeichnung ist normalerweise eine harmlose Fellbesonderheit und kein Krankheitszeichen.

Manche Zeichnungen warten einfach auf das richtige Licht

Vielleicht ist genau das das Faszinierende an einer Geisterzeichnung.

Man kennt seine Katze als schwarz, blau oder scheinbar vollkommen einfarbig – und dann fällt eines Tages die Sonne genau richtig auf das Fell.

Plötzlich erscheinen Streifen, die im nächsten Moment schon wieder verschwunden sind.

Die Katze hat ihre Fellzeichnung dabei natürlich nicht gewechselt.

Man sieht für einen Augenblick nur etwas, das genetisch die ganze Zeit im Hintergrund vorhanden war.

Quellen & weiterführende Informationen

  • Veterinary Genetics Laboratory, University of California Davis: Agouti – Cat – genetische Grundlagen von Agouti und Non-Agouti, Vererbung sowie das Auftreten schwacher Tabby-Zeichnungen bei genetisch einfarbigen Katzen.
  • Veterinary Genetics Laboratory, University of California Davis: Feline Coat Color – Überblick über Fellfarbgene und das Zusammenspiel von Agouti, Grundfarben, Verdünnung und weiteren Fellmerkmalen.
  • The International Cat Association (TICA): What Color Is My Cat? – Beschreibung von „ghost markings“ bei ansonsten einfarbigen Katzen und insbesondere bei Kitten.
  • The International Cat Association (TICA): Uniform Color Descriptions & Glossary of Terms – Beschreibung von Solid-Farben und Ghost-Tabby-Markierungen bei jungen Katzen.
  • Eizirik E et al. (2003): „Molecular genetics and evolution of melanism in the cat family“, Current Biology, 13(5), 448–453 – genetische Grundlagen von Non-Agouti und melanistischer Fellfarbe.
  • Kaelin CB et al. (2012): „Specifying and sustaining pigmentation patterns in domestic and wild cats“, Science, 337(6101), 1536–1541 – genetische Grundlagen der Tabby-Musterbildung bei Haus- und Wildkatzen.
  • Yu S, Rogers QR, Morris JG (2001): „Effect of low levels of dietary tyrosine on the hair colour of cats“, Journal of Small Animal Practice, 42(4), 176–180 – Zusammenhang zwischen Tyrosinversorgung, Melaninbildung und rötlich-brauner Fellveränderung bei schwarzen Katzen.

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