Die faszinierende Welt der Tasthaare

Sie sehen vielleicht einfach nur niedlich aus – tatsächlich sind die langen Schnurrhaare einer Katze hochsensible Sinneswerkzeuge.

Der Fachbegriff lautet Vibrissen oder Tasthaare. Mit ihnen bekommt eine Katze zusätzliche Informationen über ihre unmittelbare Umgebung: Sie nimmt Berührungen und Luftbewegungen wahr, erkennt Hindernisse in ihrer Nähe und kann sich besonders bei wenig Licht besser orientieren.

Und Tasthaare sitzen nicht nur rechts und links der Nase.

Was macht Tasthaare so besonders?

Ein Tasthaar selbst enthält keine Nerven. Entscheidend ist der Haarfollikel, aus dem es wächst.

Dieser ist besonders tief verankert und reich mit Nerven und Blutgefäßen versorgt. Wird das Haar berührt oder durch eine Luftbewegung ausgelenkt, wird diese Bewegung an die sensiblen Strukturen im Follikel weitergegeben.

So erhält das Gehirn Informationen darüber, was sich direkt in der Nähe der Katze befindet.

Orientierung – besonders aus nächster Nähe

Katzen können Dinge direkt vor ihrer Nase nicht so scharf sehen wie weiter entfernte Objekte.

Hier ergänzen die Tasthaare den Sehsinn.

Berührt ein Schnurrhaar einen Gegenstand oder verändert ein Hindernis den Luftstrom, kann die Katze zusätzliche Informationen über ihre unmittelbare Umgebung erhalten.

Das hilft ihr unter anderem dabei, Hindernisse zu erkennen und sich auch bei wenig Licht sicherer zu bewegen.

Wie breit ist dieser Durchgang?

Auch beim Erkunden enger Stellen liefern die Tasthaare räumliche Informationen.

Berühren sie beim Vorwärtsgehen die Umgebung, bekommt die Katze Hinweise auf Begrenzungen und Hindernisse.

Die oft erzählte Regel „Passt der Kopf samt Schnurrhaaren hindurch, passt auch die ganze Katze hindurch“ sollte man allerdings nicht zu wörtlich nehmen.

Katzen können ihre Tasthaare bewegen und nach hinten anlegen, und auch Körperform sowie Fell spielen eine Rolle. Die Tasthaare sind also wichtige Orientierungshilfen – aber kein eingebautes Maßband.

Auch bei der Jagd sind Tasthaare hilfreich

Bei der Jagd befindet sich Beute häufig sehr dicht am Gesicht der Katze.

Gerade in diesem Nahbereich liefern die Tasthaare zusätzliche Informationen über Bewegungen und die Position eines Objekts.

Sie ergänzen damit Augen, Ohren und Geruchssinn – besonders dann, wenn die Lichtverhältnisse schlecht sind.

Warum sitzen Tasthaare auch über den Augen?

Die auffälligsten Vibrissen befinden sich an der Schnauze.

Aber Katzen besitzen spezielle Tasthaare auch:

  • über den Augen,
  • im Wangen- und Kinnbereich
  • und an den Vorderbeinen.

Die Haare über den Augen können beispielsweise einen Schutzreflex unterstützen. Werden sie von einem Gegenstand berührt, kann die Katze schnell reagieren und unter anderem die Augen schließen.

Die Tasthaare an den Vorderbeinen helfen ebenfalls dabei, Informationen aus der direkten Umgebung aufzunehmen.

Was verrät die Stellung der Schnurrhaare?

Tasthaare gehören auch zum sichtbaren Ausdrucksverhalten einer Katze.

Locker seitlich stehende Schnurrhaare sieht man häufig bei einer entspannten Katze.

Nach vorne gerichtete Tasthaare können beispielsweise bei Aufmerksamkeit oder Neugier auftreten.

Eng nach hinten gezogene Schnurrhaare können dagegen zu Unsicherheit, Angst oder Anspannung passen.

Aber auch hier gilt:

Nie nur die Schnurrhaare betrachten.

Ohren, Augen, Schwanz, Körperhaltung und die jeweilige Situation gehören immer dazu. Eine einzelne Stellung der Tasthaare ist kein zuverlässiger Gefühlsmesser.

Darf man Schnurrhaare abschneiden?

Absichtlich sollte man das nicht tun.

Das Abschneiden des Haars selbst verursacht zwar normalerweise keinen Schmerz, weil die Nerven im Follikel und nicht im Haarschaft sitzen.

Aber der Katze fehlen anschließend vorübergehend wichtige sensorische Informationen aus ihrer Umgebung.

Ausreißen ist etwas völlig anderes: Dabei wird der empfindliche Follikel belastet und das kann schmerzhaft sein.

Fällt gelegentlich von selbst ein Schnurrhaar aus, ist das dagegen normalerweise kein Grund zur Sorge. Wie andere Haare können auch Vibrissen natürlicherweise ausfallen und nachwachsen.

Kurz & knapp

  • Tasthaare sind hochsensible Sinneswerkzeuge.
  • Sie reagieren auf Berührungen und Veränderungen der Luftbewegung.
  • Sie liefern Informationen über Gegenstände in unmittelbarer Nähe.
  • Sie unterstützen die Orientierung bei wenig Licht.
  • Auch bei Jagd und Erkundung spielen sie eine Rolle.
  • Vibrissen sitzen nicht nur an der Schnauze, sondern unter anderem auch über den Augen und an den Vorderbeinen.
  • Ihre Stellung kann Teil der Körpersprache sein – muss aber immer zusammen mit der gesamten Katze betrachtet werden.
  • Schnurrhaare sollten nicht absichtlich abgeschnitten oder ausgerissen werden.

Kleine Antennen im Gesicht

Schnurrhaare sind also deutlich mehr als ein hübsches Detail im Katzengesicht.

Sie bilden zusammen mit den anderen Sinnen ein erstaunlich ausgefeiltes System, mit dem Katzen ihre unmittelbare Umgebung wahrnehmen und auf Veränderungen reagieren können.

Oder etwas weniger wissenschaftlich gesagt:

Mo trägt seine kleinen Antennen einfach mitten im Gesicht. 😅🐾

Quellen

VCA Animal Hospitals – „Why Do Cats Have Whiskers?“
Veterinärmedizinische Informationen zu Aufbau, Lage und Funktion der Vibrissen, zur Wahrnehmung von Luftbewegungen, Orientierung im Nahbereich und Bedeutung der Tasthaare für Katzen.
https://vcahospitals.com/know-your-pet/why-do-cats-have-whiskers

Cats Protection – „Why do cats have whiskers?“
Informationen zu Orientierung, Schutzfunktion und Körpersprache der Tasthaare.
https://www.cats.org.uk/cats-blog/why-do-cats-have-whiskers

Cats Protection – „Cat Body Language“
Informationen zur Stellung der Schnurrhaare im Zusammenhang mit Entspannung, Neugier und Stress sowie zur Beurteilung der gesamten Körpersprache.
https://www.cats.org.uk/help-and-advice/cat-behaviour/cat-body-language

Grant RA, Goss VGA, Starinieri E. et al. – „Mechanosensory Hairs and Hair-like Structures in the Animal Kingdom“
Wissenschaftliche Übersichtsarbeit zur Funktion mechanosensorischer Haare. Sie beschreibt unter anderem die Bedeutung der Vibrissen von Katzen für Erkundung und Navigation, insbesondere bei schlechten Lichtverhältnissen.
Frontiers in Bioengineering and Biotechnology, 2021.

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