Eine Katze schnuppert konzentriert an einer Stelle – und plötzlich bleibt sie mit leicht geöffnetem Maul stehen.
Der Gesichtsausdruck sieht für uns manchmal aus, als hätte sie gerade etwas ausgesprochen Ekliges gerochen.
Doch mit Ekel hat das meistens überhaupt nichts zu tun.
Die Katze flehmt.
Dabei nutzt sie ein zusätzliches chemisches Sinnessystem, um bestimmte Duft- und Signalstoffe genauer zu untersuchen.
Was passiert beim Flehmen?
Typischerweise beginnt das Flehmen mit intensivem Schnuppern oder direktem Kontakt mit einer interessanten Geruchsquelle.
Anschließend hebt die Katze häufig den Kopf etwas an, öffnet das Maul und verändert die Stellung von Lippen und Zunge.
Dieser Ausdruck wird manchmal auch als „Flehmen-Gesicht“ oder „Gape Response“ bezeichnet.
Der Sinn dahinter:
Chemische Stoffe können so zum Vomeronasalorgan gelangen und dort zusätzlich untersucht werden.
Das Vomeronasalorgan – ein zusätzliches chemisches Sinnessystem
Das Vomeronasalorgan, kurz VNO, wird auch Jacobsonsches Organ genannt.
Bei Katzen liegt es im Bereich oberhalb des harten Gaumens und steht über kleine Gänge mit dem Mund- und Nasenbereich in Verbindung.
Es gehört zum sogenannten akzessorischen olfaktorischen System.
Die normale Nase und das Vomeronasalorgan erfüllen dabei nicht einfach exakt dieselbe Aufgabe.
Über die Nase nehmen Katzen eine große Vielzahl flüchtiger Gerüche aus ihrer Umgebung wahr.
Das Vomeronasalorgan ist dagegen besonders an der Verarbeitung bestimmter chemischer Signale beteiligt – darunter Stoffe, die Informationen über Artgenossen vermitteln können.
Riecht eine Katze beim Flehmen also mit dem Mund?
Nicht ganz.
Das geöffnete Maul gehört zu dem Mechanismus, mit dem bestimmte chemische Reize zum Vomeronasalorgan gelangen können.
Das ist jedoch nicht dasselbe wie das normale Riechen über die Nase.
Man kann sich das eher als zwei miteinander verbundene Systeme vorstellen:
- die normale Geruchswahrnehmung über das Riechsystem
- und die zusätzliche Analyse bestimmter chemischer Signale über das Vomeronasalorgan.
Das Flehmen hilft der Katze dabei, dieses zweite System zu nutzen.
Welche Gerüche lösen Flehmen aus?
Besonders gut untersucht ist Flehmen im Zusammenhang mit Uringerüchen und anderen Körpersekreten von Katzen.
Solche Duftquellen können Informationen über andere Tiere enthalten.
In einer klassischen Untersuchung von Benjamin Hart und Mitzi Leedy wurde Flehmen bei Katzen fast immer beobachtet, nachdem die Tiere zuvor mit Nase oder Mund Kontakt zur untersuchten Duftquelle aufgenommen hatten.
Das stützt die Annahme, dass Flehmen dabei hilft, solche chemischen Stoffe zum Vomeronasalorgan zu transportieren.
Katzen können aber auch an anderen interessanten Gerüchen flehmen.
Das offene Maul bedeutet deshalb nicht automatisch, dass die Katze gerade Sexualpheromone untersucht.
Flehmen nur Kater?
Nein.
Kater zeigen Flehmen besonders häufig im Zusammenhang mit Fortpflanzungsverhalten und den Duftspuren weiblicher Katzen.
Das hat vermutlich dazu beigetragen, dass Flehmen oft als typisches Katerverhalten beschrieben wird.
Aber auch weibliche Katzen können flehmen.
Die Untersuchung von Hart und Leedy zeigte beispielsweise, dass Katzen beider Geschlechter auf entsprechende Geruchsreize mit Flehmen reagieren können.
Flehmen ist also kein Verhalten, das ausschließlich Katern vorbehalten ist.
Was kann eine Katze daraus erfahren?
Chemische Kommunikation ist für Katzen ausgesprochen wichtig.
Über Urin, Drüsensekrete und andere Duftstoffe können Informationen über Artgenossen übermittelt werden.
Dazu können beispielsweise Hinweise auf:
- die Anwesenheit einer anderen Katze,
- deren individuellen Geruch,
- soziale oder territoriale Informationen
- und in bestimmten Situationen den Fortpflanzungsstatus
gehören.
Wie genau eine Katze einzelne chemische Signale wahrnimmt und welche Information sie daraus im jeweiligen Moment gewinnt, können wir allerdings nicht für jedes Flehmen eindeutig bestimmen.
Warum sieht das aus wie ein „Igitt-Gesicht“?
Weil menschliche und katzentypische Gesichtsausdrücke leicht falsch interpretiert werden.
Das leicht geöffnete Maul und die veränderte Oberlippe erinnern uns an eine Grimasse.
Deshalb wird das Flehmen im Englischen manchmal scherzhaft als „stinky face“ bezeichnet.
Für die Katze bedeutet der Gesichtsausdruck aber nicht:
„Das riecht schrecklich!“
Sie untersucht den Geruch vielmehr besonders genau.
Flehmen oder Atemnot?
Diese Unterscheidung ist wichtig.
Normales Flehmen ist meist:
- kurz,
- direkt mit vorherigem Schnuppern verbunden,
- ohne sichtbare Atemanstrengung
- und nach wenigen Sekunden wieder vorbei.
Etwas ganz anderes ist es, wenn eine Katze mit offenem Maul atmet oder hechelt.
Besonders bei:
- schneller oder angestrengter Atmung,
- deutlichen Bewegungen von Brustkorb oder Bauch,
- gestrecktem Hals,
- auffälliger Körperhaltung,
- blassen, grauen oder bläulichen Schleimhäuten
- oder anhaltender Maulatmung
sollte man nicht von Flehmen ausgehen.
Offene Maulatmung bei einer Katze kann ein Zeichen schwerer Atemnot sein und sollte umgehend tierärztlich abgeklärt werden.
Flehmen gehört zur normalen Katzenkommunikation
Katzen erleben ihre Umwelt sehr stark über Gerüche.
Sie hinterlassen selbst Duftsignale beim Reiben, Kratzen oder Markieren und untersuchen die Spuren anderer Tiere.
Das Vomeronasalorgan erweitert dabei die Möglichkeiten ihrer chemischen Wahrnehmung.
Flehmen ist deshalb kein merkwürdiger Tick und auch keine angeekelte Reaktion.
Es ist Teil der ganz normalen Sinneswelt einer Katze.
Kurz & knapp
- Beim Flehmen hält eine Katze nach intensivem Schnuppern häufig kurz das Maul geöffnet.
- Das Verhalten unterstützt die Untersuchung bestimmter chemischer Signale über das Vomeronasalorgan.
- Das Vomeronasalorgan wird auch Jacobsonsches Organ genannt.
- Besonders häufig wird Flehmen nach dem Untersuchen von Duftspuren und Körpersekreten anderer Katzen beobachtet.
- Sowohl Kater als auch weibliche Katzen können flehmen.
- Der Gesichtsausdruck bedeutet nicht automatisch Ekel.
- Flehmen ist meist kurz und ohne Atemanstrengung.
- Anhaltende oder angestrengte offene Maulatmung ist dagegen kein normales Flehmen und sollte sofort tierärztlich abgeklärt werden.
Und Mo?
Wenn Mo plötzlich mit leicht geöffnetem Maul dasteht, sieht das für uns manchmal ziemlich verblüfft aus.
Für ihn passiert dabei allerdings etwas wesentlich Interessanteres:
Er untersucht eine chemische Nachricht, von der wir Menschen vermutlich nicht einmal bemerkt hätten, dass sie überhaupt da ist. 🐱👃
Jede Nase erzählt eben ihre eigene Geschichte.
Quellen
Hart B. L., Leedy M. G. (1987): „Stimulus and hormonal determinants of flehmen behavior in cats“ – Hormones and Behavior.
Klassische experimentelle Untersuchung zum Flehmen bei Katzen. Flehmen folgte fast immer auf nasooralen Kontakt mit dem untersuchten Reiz. Die Studie zeigt außerdem, dass sowohl männliche als auch weibliche Katzen flehmen können und der Kontext eine wichtige Rolle spielt.
DOI: 10.1016/0018-506X(87)90029-8
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/3557332/
Salazar I. et al. (1996): „The vomeronasal organ of the cat“ – Journal of Anatomy.
Anatomische Untersuchung des Vomeronasalorgans der Hauskatze und seiner Verbindung zum chemischen Sinnessystem.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC1167581/
Merck Veterinary Manual – „Social Behavior of Cats“
Veterinärmedizinische Übersicht zur sozialen und chemischen Kommunikation von Katzen. Beschreibt das Flehmen als Verhalten, mit dem interessante chemische Reize zum Vomeronasalorgan gelangen können.
https://www.merckvetmanual.com/behavior/behavior-of-cats/social-behavior-of-cats
American Veterinary Society of Animal Behavior – „What Are Cat Pheromones and What Do They Do?“
Veterinärmedizinische Einordnung des Vomeronasalorgans, der nasopalatinalen Verbindungen und des Flehmens bei Katzen.
https://avsab.org/what-are-cat-pheromones-and-what-do-they-do/
VCA Animal Hospitals – „Emergencies in Cats“
Hinweise zur Abgrenzung von normalem Verhalten und Atemnot. Offene Maulatmung oder Hecheln bei einer Katze in Verbindung mit Atemproblemen sollte als dringender tierärztlicher Notfall behandelt werden.
https://vcahospitals.com/know-your-pet/emergencies-in-cats

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