Der Hahn, die Katze und das Mäuschen – warum der erste Eindruck täuschen kann

Ein junges Mäuschen verlässt zum ersten Mal seine vertraute Umgebung.

Dabei begegnet es zwei Tieren, die unterschiedlicher kaum wirken könnten.

Das eine ist laut, hektisch und ziemlich furchteinflößend. Das andere erscheint ruhig, weich und freundlich.

Für das unerfahrene Mäuschen ist die Sache schnell klar.

Nur leider liegt es mit seinem ersten Eindruck vollkommen daneben.

Eine beängstigende Begegnung

Jean de La Fontaine erzählt die Geschichte in seiner Fabel Le Cochet, le Chat et le Souriceau – auf Deutsch etwa Der junge Hahn, die Katze und das Mäuschen.

Das junge Mäuschen ist noch kaum in der Welt herumgekommen, als ihm plötzlich ein Hahn begegnet.

Für uns ist ein Hahn nichts Ungewöhnliches.

Durch die Augen des Mäuschens wirkt er jedoch ausgesprochen bedrohlich:

  • Er macht gewaltigen Lärm.
  • Er schlägt mit den Flügeln.
  • Auf seinem Kopf trägt er einen auffälligen roten Kamm.
  • Sein ganzer Auftritt wirkt wild und unruhig.

Das Mäuschen bekommt Angst und flüchtet.

Und dann ist da diese freundliche Katze …

Ganz anders wirkt das zweite Tier.

Die Katze erscheint dem Mäuschen ruhig und sanft.

Ihr Fell ist weich, ihre Bewegungen wirken weniger bedrohlich und sogar ihre Ohren erinnern das Mäuschen ein wenig an die eigenen.

Beinahe wäre es zu ihr gegangen.

Nur das laute Auftreten des Hahns hatte es rechtzeitig vertrieben.

Zu Hause erzählt das Mäuschen seiner Mutter begeistert von dem freundlichen Tier – und von dem schrecklichen Hahn.

Die Mutter kennt die Welt etwas besser

Die Mäusemutter erklärt ihrem Jungen, dass seine Einschätzung genau verkehrt herum war.

Der laute Hahn stellt für eine Maus keine große Gefahr dar.

Die scheinbar freundliche Katze dagegen ist ein natürlicher Fressfeind von Mäusen.

Das Tier, das gefährlich aussah, war harmlos. Das Tier, das harmlos wirkte, hätte für das Mäuschen gefährlich werden können.

Die Moral: Nicht nach dem Äußeren urteilen

La Fontaine beendet die Fabel mit einer sehr klaren Botschaft:

Man sollte Menschen – und in dieser Geschichte Tiere – nicht allein nach ihrem äußeren Eindruck beurteilen.

Laut bedeutet nicht automatisch gefährlich.

Ruhig und freundlich wirkend bedeutet nicht automatisch harmlos.

Das Mäuschen hatte nur wenige Informationen und zog daraus sofort eine Schlussfolgerung.

Seine Mutter verfügte dagegen über Erfahrung – und konnte das Gesehene besser einordnen.

Eine sehr menschliche Schwäche

Wie so oft bei Tierfabeln geht es eigentlich gar nicht nur um Tiere.

Hahn, Katze und Maus stehen für menschliches Verhalten.

Wir bilden uns ebenfalls erstaunlich schnell eine Meinung:

Jemand wirkt laut, streng oder ungewöhnlich – also erscheint er uns unsympathisch.

Jemand anderes wirkt freundlich und angenehm – und bekommt sofort unser Vertrauen.

Manchmal stimmt dieser erste Eindruck.

Manchmal eben überhaupt nicht.

Wer schrieb die Geschichte?

Die berühmte Fassung stammt von Jean de La Fontaine.

Sie trägt den französischen Titel Le Cochet, le Chat et le Souriceau und gehört zu Buch VI seiner Fabeln.

Sie erschien im ersten großen Fabelband von 1668.

La Fontaine erfand viele Motive seiner Fabeln allerdings nicht völlig neu.

Wie andere Autoren seiner Zeit griff er ältere Fabeltraditionen auf und formte sie in seiner eigenen Sprache neu.

Auch für diese Geschichte sind ältere verwandte Fassungen bekannt.

La Fontaines Version wurde jedoch zu einer der bekanntesten.

Warum funktionieren solche Fabeln bis heute?

Die Geschichte ist mehr als 350 Jahre alt – und braucht trotzdem kaum Erklärung.

Ein unerfahrenes Jungtier sieht etwas, urteilt vorschnell und muss anschließend lernen, dass die Welt komplizierter ist.

Das funktioniert im 17. Jahrhundert genauso gut wie heute.

Vielleicht liegt genau darin die Stärke einer guten Fabel:

Sie braucht nur wenige Figuren und eine kleine Geschichte, um eine ziemlich große menschliche Schwäche sichtbar zu machen.

Kurz & knapp

  • Die Fabel stammt in ihrer bekannten Form von Jean de La Fontaine.
  • Der französische Titel lautet Le Cochet, le Chat et le Souriceau.
  • Sie gehört zu Buch VI der Fabeln und erschien im ersten Fabelband von 1668.
  • Ein junges Mäuschen hält einen lauten Hahn für gefährlich und eine ruhige Katze für freundlich.
  • Seine Mutter erklärt ihm, dass ausgerechnet die Katze für Mäuse gefährlich ist.
  • Die zentrale Botschaft lautet: Der erste Eindruck kann täuschen.

Und Mo?

Mo würde vermutlich einwenden, dass die Katze in dieser Geschichte ausgesprochen unfair beurteilt wird.

Schließlich hatte sie zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts getan. 😅🐱

Aber genau darin steckt der kleine Haken der Fabel:

Manchmal täuscht der erste Eindruck gewaltig – egal in welche Richtung.

Quellen

Jean de La Fontaine – „Le Cochet, le Chat et le Souriceau“
Originalfabel aus Buch VI, Fabel 5. Das junge Mäuschen beschreibt den Hahn als furchteinflößend und die Katze als freundlich, bevor seine Mutter ihm erklärt, warum sein Urteil falsch war.
https://fr.wikisource.org/wiki/Fables_de_La_Fontaine_%28%C3%A9dition_originale%29

Wikisource – „Le Cochet, le Chat et le Souriceau“
Vollständiger französischer Text der Fabel mit Einordnung in Buch VI.
https://fr.wikisource.org/wiki/%C5%92uvres_compl%C3%A8tes_de_la_Fontaine_%28Marty-Laveaux%29/Tome_1/Livre_sixi%C3%A9me

LaFontaine.net – „Le Cochet, le Chat et le Souriceau“
Einordnung als Buch VI, Fabel 5 sowie Hinweise auf ältere literarische Vorbilder der Geschichte.
https://www.lafontaine.net/les-fables/les-fables-du-livre-vi/le-cochet-le-chat-et-le-souriceau/

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