Wie die Katze um die Welt reiste

Heute leben Hauskatzen beinahe überall auf der Welt.

Doch ihre gemeinsame Geschichte mit uns Menschen begann vor Tausenden von Jahren – wahrscheinlich dort, wo die ersten bäuerlichen Gemeinschaften im Nahen Osten Getreide lagerten.

Das Getreide zog Mäuse an.

Die Mäuse zogen Wildkatzen an.

Und irgendwann begann eine außergewöhnlich erfolgreiche Reise, bei der Katzen den Menschen über Handelswege, Häfen und Schiffe immer weiter folgten.

Der Anfang im Nahen Osten

Unsere Hauskatzen stammen hauptsächlich von der nordafrikanisch-vorderasiatischen Falbkatze Felis silvestris lybica ab.

Genetische Untersuchungen weisen darauf hin, dass die frühe Domestikationsgeschichte im Nahen Osten begann – wahrscheinlich ungefähr zur gleichen Zeit, als Menschen dort sesshaft wurden und Landwirtschaft betrieben.

Anders als viele andere Haustiere wurden Katzen vermutlich nicht von Anfang an gezielt gezüchtet.

Stattdessen könnte sich zunächst eine Beziehung entwickelt haben, von der beide Seiten profitierten.

In menschlichen Siedlungen gab es Getreidevorräte.

Wo Getreide lagerte, fanden Mäuse und andere Nagetiere reichlich Nahrung.

Und wo viele Mäuse lebten, lohnte sich das Jagen für Wildkatzen.

Eine Partnerschaft, die wahrscheinlich von selbst begann

Menschen könnten die Anwesenheit der Katzen durchaus willkommen geheißen haben.

Schließlich jagten sie Tiere, die sich an den Vorräten bedienten.

Gleichzeitig bot die Nähe menschlicher Siedlungen den Katzen eine zuverlässige Beutequelle.

So entstand vermutlich Schritt für Schritt eine sogenannte kommensale Beziehung:

Die Katzen lebten in der Nähe des Menschen, ohne zunächst im klassischen Sinn gezielt domestiziert worden zu sein.

Über viele Generationen hatten wahrscheinlich vor allem jene Tiere Vorteile, die die Nähe von Menschen besser tolerierten.

Eine Katze auf Zypern – vor rund 9.500 Jahren

Einer der spannendsten Hinweise auf diese frühe Beziehung stammt von der Mittelmeerinsel Zypern.

Archäologen fanden dort ein menschliches Grab, neben dem auch die Überreste einer Katze bestattet worden waren.

Der Fund ist ungefähr 9.500 Jahre alt.

Das Besondere daran:

Wildkatzen kamen auf Zypern ursprünglich nicht natürlich vor.

Menschen müssen Katzen oder ihre Vorfahren also mit auf die Insel gebracht haben – wahrscheinlich per Boot.

Damit zeigt dieser Fund, dass Katzen bereits sehr früh gemeinsam mit Menschen neue Gebiete erreichten.

Und was ist mit Ägypten?

Das alte Ägypten gehört heute wahrscheinlich zu den bekanntesten Kapiteln der Katzengeschichte.

Aber dort begann die Geschichte der Hauskatze offenbar nicht.

Ägypten wurde vielmehr später zu einem wichtigen Zentrum ihrer weiteren Entwicklung und Verbreitung.

Genetische Untersuchungen alter Katzenreste zeigen, dass sowohl Populationen aus dem Nahen Osten als auch ägyptische Katzen zum Genpool späterer Hauskatzen beitrugen.

Besonders während der Antike verbreiteten sich Katzen ägyptischer Herkunft weit über das Mittelmeergebiet hinaus.

Ägypten war also nicht unbedingt der Anfang – aber ein sehr bedeutendes Kapitel auf der Reise.

Katzen gingen mit auf Reisen

Menschen handelten über immer größere Entfernungen.

Sie reisten auf Straßen und Flüssen und überquerten mit Schiffen das Mittelmeer.

Und Katzen reisten mit.

Das war durchaus praktisch.

Auf Schiffen und in Warenlagern konnten Mäuse und Ratten Vorräte beschädigen. Katzen waren dort hilfreiche Jäger.

Untersuchungen alter DNA zeigen, dass sich Katzen entlang menschlicher Handels- und Verkehrswege verbreiteten.

Sie gelangten nach Europa, in weitere Teile Afrikas und Asiens – und später schließlich noch viel weiter.

Die Hauskatze blieb erstaunlich lange ziemlich katzentypisch

Die Geschichte der Katze unterscheidet sich in einem Punkt deutlich von der vieler anderer Haustiere.

Menschen veränderten Katzen lange Zeit vergleichsweise wenig durch gezielte Zucht.

Sie sollten vor allem das tun, was sie ohnehin hervorragend konnten:

Mäuse jagen.

Eine große Untersuchung alter Katzen-DNA zeigte beispielsweise, dass eine Genvariante für das heute bekannte „klassisch“ beziehungsweise fleckig wirkende Tabby-Muster erst im Mittelalter häufiger wurde.

Das deutet darauf hin, dass Menschen erst relativ spät begannen, Katzen gezielt nach ihrem Aussehen auszuwählen.

Die modernen Katzenrassen sind damit ein sehr junges Kapitel einer viel älteren Geschichte.

War das wirklich eine klassische Domestikation?

Bei Katzen ist selbst das Wort „Domestikation“ spannend.

Bei Rindern, Schafen oder Hunden griff der Mensch über lange Zeit stark in Zucht und Fortpflanzung ein.

Bei Katzen könnte der erste Schritt deutlich stärker von den Tieren selbst ausgegangen sein.

Wildkatzen nutzten die neue Nahrungsquelle rund um menschliche Siedlungen.

Menschen duldeten oder förderten ihre Anwesenheit.

Erst über sehr viele Generationen entwickelte sich daraus die Hauskatze, die heute mit uns lebt.

Man könnte also etwas vereinfacht sagen:

Die Katze kam zunächst wegen der Mäuse – und blieb irgendwann wegen der Menschen.

Kurz & knapp

  • Die Hauskatze stammt hauptsächlich von Felis silvestris lybica ab.
  • Ihre frühe Domestikationsgeschichte begann wahrscheinlich im Nahen Osten.
  • Landwirtschaft und Getreidespeicher lockten Nagetiere an – und damit auch Katzen.
  • Ein etwa 9.500 Jahre alter Fund auf Zypern zeigt, dass Menschen Katzen schon früh auf Inseln mitnahmen.
  • Ägypten wurde später ein bedeutendes Zentrum der Katzengeschichte.
  • Katzen verbreiteten sich entlang menschlicher Handels- und Verkehrswege.
  • Gezielte Zucht nach äußeren Merkmalen spielte wahrscheinlich erst viel später eine größere Rolle.

Vom Getreidespeicher bis aufs Sofa

Die Katze musste also nicht erst darauf warten, dass jemand beschloss:

„Dieses Tier machen wir jetzt zum Haustier.“

Ihre Geschichte scheint viel langsamer und natürlicher begonnen zu haben.

Menschen schufen mit ihren Siedlungen einen Ort voller Mäuse.

Katzen entdeckten diese Gelegenheit.

Menschen entdeckten wiederum die Vorteile der Katzen.

Dann kamen Boote, Handelswege, Städte und ganze Reiche.

Und die Katze reiste einfach mit.

Aus einer wilden Mäusejägerin des Nahen Ostens wurde so eines der verbreitetsten Haustiere der Welt.

Und Mo würde vermutlich behaupten:

Die ganze Reise diente eigentlich nur dazu, irgendwann auf genau diesem Sofa zu landen. 😅🐱

Quellen

Driscoll C. A. et al. (2007): „The Near Eastern Origin of Cat Domestication“ – Science 317, 519–523.
Genetische Untersuchung von Hauskatzen und verschiedenen Wildkatzenpopulationen. Die Ergebnisse weisen auf einen Ursprung der Hauskatzen im Nahen Osten und einen Zusammenhang mit der Entstehung früher landwirtschaftlicher Siedlungen hin.
DOI: 10.1126/science.1139518
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17600185/

Vigne J.-D. et al. (2004): „Early Taming of the Cat in Cyprus“ – Science 304, 259.
Beschreibung des etwa 9.500 Jahre alten archäologischen Fundes einer Katze neben einem menschlichen Grab auf Zypern. Da Wildkatzen die Insel nicht auf natürlichem Weg erreicht haben können, liefert der Fund einen frühen Hinweis auf den Transport von Katzen durch Menschen.
DOI: 10.1126/science.1095335
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15073370/

Ottoni C. et al. (2017): „The palaeogenetics of cat dispersal in the ancient world“ – Nature Ecology & Evolution 1, 0139.
Große Untersuchung alter Katzen-DNA zur Ausbreitung der Hauskatze. Die Ergebnisse zeigen Beiträge sowohl nahöstlicher als auch ägyptischer Katzenpopulationen sowie eine Verbreitung entlang menschlicher See- und Landhandelswege.
DOI: 10.1038/s41559-017-0139
https://www.nature.com/articles/s41559-017-0139

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