Ein KĂŒster arbeitet nachts auf einem Friedhof.
Plötzlich hört er ein Miauen.
Als er aufblickt, sieht er etwas, das eigentlich unmöglich sein dĂŒrfte:
Eine feierliche Prozession schwarzer Katzen zieht ĂŒber den Friedhof und trĂ€gt einen winzigen Sarg.
Auf dem schwarzen Tuch des Sarges liegt eine kleine goldene Krone.
Dann tritt eine der Katzen vor und ĂŒberbringt dem völlig verblĂŒfften Mann eine Botschaft:
âTell Tom Tildrum that Tim Toldrum’s dead.â
Der KĂŒster kennt weder Tom Tildrum noch Tim Toldrum.
Doch als er spÀter zuhause von seinem Erlebnis erzÀhlt, weià plötzlich jemand ganz genau, wer gemeint ist:
sein eigener Kater.
Und mit wenigen Worten verÀndert sich die ganze Geschichte.
âDer König der Katzenâ ist eine jener alten ErzĂ€hlungen, die fast nichts erklĂ€ren â und gerade deshalb so lange im GedĂ€chtnis bleiben.
Eine unheimliche Geschichte aus der englischen VolksĂŒberlieferung
Die heute besonders bekannte Fassung von The King o‘ the Cats wurde 1894 von dem Volkskundler Joseph Jacobs in seiner Sammlung More English Fairy Tales veröffentlicht.
Jacobs war allerdings nicht der Erfinder der Geschichte.
Das schreibt er in seinen eigenen Anmerkungen sogar ausdrĂŒcklich.
FĂŒr seine Fassung nahm er nach eigener Aussage einzelne Elemente aus mehreren bereits existierenden englischen Varianten und verband sie zu einer neuen literarischen ErzĂ€hlfassung.
Das ist bei VolksmÀrchen und VolkserzÀhlungen nichts Ungewöhnliches.
Solche Geschichten wurden ĂŒber lange Zeit mĂŒndlich weitererzĂ€hlt, verĂ€ndert, ausgeschmĂŒckt und schlieĂlich von Sammlern schriftlich festgehalten.
Deshalb gibt es nicht unbedingt die eine âOriginalfassungâ.
Was passiert in Joseph Jacobs‘ Fassung?
Die Geschichte beginnt an einem Winterabend.
Die Frau eines KĂŒsters sitzt zuhause am Feuer.
Bei ihr liegt ihr groĂer schwarzer Kater Old Tom.
Beide warten auf den KĂŒster, der ungewöhnlich lange fortbleibt.
Als er endlich nach Hause kommt, ist er völlig aufgewĂŒhlt.
Immer wieder fragt er:
Wer ist Tommy Tildrum?
Seine Frau versteht ĂŒberhaupt nicht, was er meint.
Der KĂŒster erzĂ€hlt von seinem Erlebnis
WĂ€hrend seiner Arbeit auf dem Friedhof hatte der KĂŒster offenbar kurz geschlafen.
Ein Miauen weckte ihn.
Als er ĂŒber den Rand des Grabes blickte, sah er neun schwarze Katzen.
Jacobs beschreibt sie mit einem weiĂen Fleck auf der Brust.
Acht von ihnen trugen einen kleinen Sarg, der mit schwarzem Samt bedeckt war.
Auf dem Tuch lag eine kleine goldene Krone.
Die gröĂte Katze ging der Prozession voraus.
Immer wieder miauten die Tiere gemeinsam, wĂ€hrend sie langsam und feierlich ĂŒber den Friedhof zogen.
Schon diese Szene wirkt eher wie eine Geistergeschichte als wie das, was wir heute unter einem freundlichen KindermÀrchen verstehen.
Dann spricht eine Katze
Die Katzen bleiben beim KĂŒster stehen.
SchlieĂlich tritt diejenige vor, die den Sarg nicht trĂ€gt.
Und sie spricht.
Der Mann soll Tom Tildrum ausrichten, dass Tim Toldrum gestorben sei.
Nur hat der KĂŒster ein Problem:
Er hat keine Ahnung, wer Tom Tildrum sein soll.
Genau deshalb erzĂ€hlt er die merkwĂŒrdige Botschaft zuhause weiter.
Old Tom hört die ganze Zeit zu
WĂ€hrend der KĂŒster erzĂ€hlt, verhĂ€lt sich der Hauskater zunehmend merkwĂŒrdig.
Immer wieder reagiert er auf das Miauen in der Geschichte.
Seine Frau bemerkt, wie aufmerksam er zuhört.
Der KĂŒster lĂ€sst sich davon zunĂ€chst nicht beirren und erzĂ€hlt weiter.
Dann fĂ€llt schlieĂlich die entscheidende Botschaft:
Tim Toldrum ist tot.
Und plötzlich reagiert Old Tom.
âDann bin ich der König der Katzen!â
Der bisher scheinbar gewöhnliche Hauskater springt auf.
Er erklĂ€rt sinngemĂ€Ă:
âDann bin ich der König der Katzen!â
AnschlieĂend verschwindet er durch den Kamin.
Und er wird nie wieder gesehen.
Damit endet die Geschichte.
Keine ErklÀrung.
Keine RĂŒckkehr.
Keine Auflösung dessen, was der KĂŒster tatsĂ€chlich gesehen hat.
Nur ein scheinbar gewöhnlicher Hauskater, der sich innerhalb weniger Sekunden als Angehöriger einer völlig unbekannten Katzenwelt entpuppt.
Und genau das macht die Geschichte so wirkungsvoll
Viele MÀrchen erklÀren am Ende ziemlich deutlich, worum es ging.
Jemand wird belohnt.
Jemand wird bestraft.
Eine Aufgabe wird gelöst.
Eine Ordnung wird wiederhergestellt.
Bei Der König der Katzen passiert etwas anderes.
Die Geschichte öffnet plötzlich eine TĂŒr zu einer geheimen Welt â und schlĂ€gt sie unmittelbar danach wieder zu.
Wir erfahren nie:
- Wer Tim Toldrum wirklich war.
- Warum er König war.
- Warum Tom Tildrum sein Nachfolger wird.
- Wo die Katzen leben.
- Warum Old Tom jahrelang als gewöhnlicher Hauskater gelebt hat.
- Und wohin er nach seiner ErklÀrung verschwindet.
Der gröĂte Teil der Geschichte bleibt unserer Vorstellung ĂŒberlassen.
Ein Hauskater mit einem geheimen zweiten Leben
Genau darin liegt vermutlich ein groĂer Teil des Reizes.
Menschen leben seit Jahrhunderten eng mit Katzen zusammen.
Und trotzdem besitzen Katzen Eigenschaften, die sie fĂŒr Geschichten geradezu ideal machen.
Sie bewegen sich leise.
Sie verschwinden nachts.
Sie tauchen plötzlich wieder auf.
Sie beobachten Menschen scheinbar sehr aufmerksam.
Und gerade FreigĂ€ngerkatzen verbringen einen Teil ihres Lebens auĂerhalb unserer Beobachtung.
Das lÀdt geradezu zu der Vorstellung ein:
Was macht diese Katze eigentlich, wenn wir sie nicht sehen?
Die alte ErzÀhlung gibt darauf eine herrlich fantastische Antwort:
Vielleicht ist dein Kater zuhause nur Old Tom.
Aber vielleicht wartet irgendwo eine Krone auf ihn.
Joseph Jacobs hat die Geschichte nicht erfunden
Dieser Punkt ist bei alten VolkserzÀhlungen besonders wichtig.
Auf modernen Seiten wird The King o‘ the Cats manchmal einfach als âMĂ€rchen von Joseph Jacobsâ bezeichnet.
Das klingt so, als hÀtte Jacobs die Geschichte 1894 selbst geschrieben.
So war es nicht.
Jacobs sammelte und bearbeitete VolksĂŒberlieferungen.
In seinen Anmerkungen zu dieser Geschichte nennt er gleich mehrere englische Varianten, die bereits vor seiner eigenen Fassung dokumentiert worden waren.
Darunter finden sich ErzÀhlungen mit Titeln beziehungsweise Namen wie:
- Molly Dixon,
- Colman Grey,
- King o‘ the Cats,
- Johnny Reed’s Cat
- und Dildrum Doldrum.
Jacobs bezeichnet die Geschichte selbst als ein interessantes Beispiel dafĂŒr, wie sich eine einfache ErzĂ€hlung verbreiten und weiterentwickeln kann.
Die Namen Tom Tildrum und Tim Toldrum sind Teil von Jacobs‘ Bearbeitung
Auch die heute bekannten Namen sind nicht einfach ein unverÀnderlicher Bestandteil einer uralten Originalgeschichte.
In verschiedenen Fassungen Àndern sich die Namen der Katzen.
Jacobs erklĂ€rt ausdrĂŒcklich, dass er die Namen erweitert habe, damit aus Ă€lteren Formen wie Dildrum und Doldrum ein klangvolles Wortpaar entsteht.
Tom Tildrum und Tim Toldrum klingen deshalb fast wie ein kleiner Zauberspruch.
Gerade beim mĂŒndlichen ErzĂ€hlen funktioniert das hervorragend.
Eine Àltere Fassung aus Herefordshire
Bereits 1884 â also zehn Jahre vor Jacobs â veröffentlichte die britische Volkskundlerin Charlotte Sophia Burne eine Version der Geschichte aus Herefordshire.
Auch dort erzÀhlt ein Mann von einer unheimlichen Katzenprozession beziehungsweise einem KatzenbegrÀbnis.
Das zentrale Motiv bleibt gleich:
Eine Nachricht ĂŒber den Tod eines besonderen Katers erreicht einen scheinbar gewöhnlichen Hauskater.
Und dieser offenbart daraufhin seine wahre Stellung in der geheimnisvollen Katzengesellschaft.
Solche Unterschiede zwischen den Fassungen sind typisch fĂŒr mĂŒndlich ĂŒberlieferte Geschichten.
Auch Dildrum und Doldrum gehören zur Geschichte
Eine weitere im 19. Jahrhundert dokumentierte Ăberlieferung stammt aus Lancashire.
Dort heiĂen die entscheidenden Katzen Dildrum und Doldrum.
Auch diese Fassung folgt demselben Kern:
Ein Mensch erhÀlt eine rÀtselhafte Todesnachricht.
Er erzÀhlt sie zuhause weiter.
Und plötzlich reagiert der eigene Kater darauf.
Die Namen wechseln.
Details wechseln.
Aber der Ăberraschungsmoment bleibt.
Das Motiv ist sogar noch wesentlich Àlter
Die Geschichte endet nicht im 19. Jahrhundert.
Verwandte englische Ăberlieferungen reichen wesentlich weiter zurĂŒck.
Bereits William Baldwins im 16. Jahrhundert entstandenes Werk Beware the Cat enthÀlt eine Geschichte mit einem erstaunlich Àhnlichen Motiv:
Ein Mensch bekommt von einer Katze die Nachricht ĂŒber den Tod einer anderen Katze und ĂŒberbringt diese Botschaft spĂ€ter einer Hauskatze.
Diese Ă€ltere ErzĂ€hlung enthĂ€lt noch nicht exakt Jacobs‘ âKönig der Katzenâ-Fassung.
Aber der erzÀhlerische Kern ist deutlich verwandt.
Das zeigt:
Die Vorstellung von geheimnisvollen Katzen, die untereinander Nachrichten ĂŒber Tod und Nachfolge austauschen, ist viel Ă€lter als Jacobs‘ Buch von 1894.
Also stammt das MĂ€rchen aus dem 16. Jahrhundert?
Auch das wÀre zu eindeutig formuliert.
Ein frĂŒher schriftlicher Beleg ist nicht automatisch der Zeitpunkt, an dem eine VolkserzĂ€hlung entstanden ist.
MĂŒndliche Geschichten können lange existiert haben, bevor jemand sie niederschrieb.
AuĂerdem entwickeln sich Motive weiter, vermischen sich und bekommen neue Details.
Deshalb ist es sinnvoller zu sagen:
Verwandte schriftliche Ăberlieferungen sind bereits seit der frĂŒhen Neuzeit nachweisbar.
Wann der allererste Mensch eine Geschichte dieser Art erzÀhlt hat, wissen wir nicht.
Ist âDer König der Katzenâ ĂŒberhaupt ein MĂ€rchen?
Im Projekt Katzenwissen mit Mo passt die Geschichte wunderbar in die Reihe âMo erzĂ€hltâ und kann problemlos als englisches VolksmĂ€rchen vorgestellt werden.
Volkskundlich ist die Einordnung allerdings etwas interessanter.
Die Geschichte ist sehr kurz und besitzt starke ZĂŒge einer Sage beziehungsweise einer ĂŒbernatĂŒrlichen VolkserzĂ€hlung.
Im internationalen Aarne-Thompson-Uther-System wird sie dem ErzÀhltyp ATU 113A zugeordnet.
Dieser Typ wird hĂ€ufig mit âPan is Deadâ beziehungsweise dem Tod eines ĂŒbernatĂŒrlichen Wesens oder einer Katze verbunden.
In der Sagenforschung wird das Motiv auĂerdem als wandernde Legende beziehungsweise migratory legend eingeordnet.
Die Grenzen zwischen VolksmĂ€rchen, Sage, Legende und kurzer ĂŒbernatĂŒrlicher Anekdote sind bei solchen Ăberlieferungen nicht immer so sauber, wie moderne Kategorien vermuten lassen.
Was hat Pan damit zu tun?
Der ErzÀhltyp besitzt noch Àltere Parallelen, bei denen gar keine Katze vorkommt.
Das Grundmuster lautet ungefÀhr:
Ein Mensch hört oder erhĂ€lt eine rĂ€tselhafte Nachricht ĂŒber den Tod eines Wesens.
Er erzÀhlt diese Botschaft spÀter weiter.
Darauf reagiert unerwartet jemand, der offenbar viel mehr ĂŒber die Bedeutung der Nachricht weiĂ als der menschliche Ăberbringer.
Eine berĂŒhmte antike Geschichte berichtet beispielsweise vom Tod des Gottes Pan.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Der König der Katzen einfach eine direkte Abschrift dieser antiken ErzÀhlung ist.
Es zeigt vielmehr, wie langlebig und wandelbar bestimmte ErzÀhlmuster sein können.
Warum gerade ein BegrÀbnis?
Der kleine Sarg ist einer der stÀrksten Bestandteile der Geschichte.
Schon das Bild ist irritierend.
Katzen fĂŒhren eine menschlich wirkende Trauerprozession durch.
Sie tragen einen Sarg.
Sie besitzen offenbar eine gesellschaftliche Ordnung.
Und eine goldene Krone zeigt an:
Hier wird nicht irgendeine Katze begraben.
Jemand Bedeutendes ist gestorben.
Damit bekommt die fremde Katzenwelt plötzlich Regeln, Hierarchien und Rituale.
Wir erfahren darĂŒber fast nichts â gerade genug, um unsere Fantasie in Gang zu setzen.
Die Katze wird vom Haustier zum geheimnisvollen Wesen
Besonders wirkungsvoll ist dabei der Wechsel zwischen zwei Bildern.
ZunÀchst sehen wir Old Tom als ganz normalen Hauskater.
Er sitzt gemĂŒtlich am Feuer und wartet mit seiner menschlichen Familie.
Dann reagiert er auf eine einzige Nachricht.
Innerhalb weniger Sekunden verÀndert sich unsere Wahrnehmung.
Vielleicht war Old Tom nie nur ein gewöhnlicher Hauskater.
Vielleicht gehörte er die ganze Zeit zu einer Welt, von deren Existenz seine Menschen nichts wussten.
Die Katze verĂ€ndert sich nicht â nur das, was wir ĂŒber sie zu wissen glaubten.
Warum verschwindet Tom durch den Kamin?
Auch das erklÀrt die Geschichte nicht.
Und das ist wahrscheinlich genau richtig so.
Der Kamin war in alten ErzĂ€hlungen ohnehin ein wunderbarer Ăbergang zwischen hĂ€uslicher Sicherheit und einer geheimnisvollen AuĂenwelt.
Tom verschwindet nicht einfach durch die TĂŒr wie eine Katze, die einen Spaziergang machen möchte.
Er schieĂt durch den Kamin davon und wird nie wieder gesehen.
Damit wird endgĂŒltig klar:
Der gemĂŒtliche Hauskater gehörte offenbar noch zu etwas anderem.
Ist Old Tom wirklich der neue König?
Innerhalb der Geschichte behauptet er es jedenfalls.
Warum gerade er Nachfolger wird, erfahren wir nicht.
Vielleicht war Tim Toldrum ein Verwandter.
Vielleicht folgt die Katzenkrone einer bestimmten Erbfolge.
Vielleicht besitzt Old Tom eine Stellung, die seinen Menschen völlig unbekannt war.
Aber all das wÀre Spekulation.
Die ErzÀhlung gibt uns keine Antwort.
Und genau deshalb sollte man das Geheimnis nicht kĂŒnstlich auflösen.
Gibt es eine Moral?
Nicht jede alte Geschichte besitzt eine klare Moral wie eine Fabel.
Der König der Katzen sagt uns nicht:
Sei fleiĂig.
Sei ehrlich.
Vertraue niemandem.
Oder:
Behandle Katzen gut, sonst wird ihr König böse.
Solche Botschaften wÀren moderne Deutungen.
In der ĂŒberlieferten Geschichte steht vielmehr das Unheimliche und Ăberraschende im Mittelpunkt.
Sie erzeugt das GefĂŒhl, dass hinter der vertrauten Welt noch etwas anderes verborgen sein könnte.
Vielleicht ist genau das die âBotschaftâ
Wenn man ĂŒberhaupt eine Idee aus der Geschichte mitnehmen möchte, dann vielleicht diese:
Wir wissen ĂŒber die Welt unserer Katzen weniger, als wir manchmal glauben.
NatĂŒrlich besitzen echte Hauskatzen keine verborgenen Königreiche mit goldenen Kronen und BegrĂ€bnisprozessionen.
Aber das MĂ€rchen spielt sehr geschickt mit einer echten menschlichen Erfahrung:
Katzen verbringen einen Teil ihres Lebens auĂerhalb unserer Kontrolle und Beobachtung.
Das macht sie seit Jahrhunderten zu perfekten Figuren fĂŒr geheimnisvolle Geschichten.
Die schwarzen Katzen sind keine Aussage ĂŒber echte schwarze Katzen
Auch dieser Punkt ist wichtig.
In Jacobs‘ Fassung sind die Katzen der nĂ€chtlichen Prozession schwarz und besitzen weiĂe Brustflecken.
Das verstĂ€rkt die dĂŒstere, nĂ€chtliche Stimmung der ErzĂ€hlung.
Es wÀre aber falsch, daraus irgendeine reale Eigenschaft schwarzer Katzen abzuleiten.
Fellfarbe sagt nichts darĂŒber aus, ob eine Katze geheimnisvoller, aggressiver, gefĂ€hrlicher oder âmagischerâ ist.
Die schwarzen Katzen gehören zur Bildsprache dieser Geschichte â nicht zu einer biologischen Aussage ĂŒber Katzen.
Und nein: Die Geschichte beweist keine alte Katzenreligion
Im Internet werden alte VolkserzĂ€hlungen manchmal schnell mit angeblich historischen Katzenkulten, Hexenritualen oder geheimen keltischen Ăberlieferungen verbunden.
Bei solchen Behauptungen sollte man vorsichtig sein.
Dass eine Geschichte einen Katzenkönig, sprechende Tiere oder eine nÀchtliche Prozession enthÀlt, beweist keine tatsÀchlich praktizierte Religion oder einen historischen Glauben an ein reales Katzenreich.
VolksĂŒberlieferung darf fantastische Motive enthalten, ohne Tatsachenbericht zu sein.
Was wissen wir wirklich?
Gesichert ist:
- Joseph Jacobs veröffentlichte 1894 eine bekannte Fassung von The King o‘ the Cats in More English Fairy Tales.
- Jacobs erklÀrte selbst, seine Version aus mehreren englischen Varianten zusammengesetzt zu haben.
- Bereits vor 1894 waren verschiedene Fassungen der Geschichte dokumentiert.
- Eine Version von Charlotte Sophia Burne erschien beispielsweise 1884.
- Eine Lancashire-Ăberlieferung mit den Namen Dildrum und Doldrum wurde ebenfalls im 19. Jahrhundert veröffentlicht.
- Verwandte Katzen-Todesbotschaften lassen sich in englischen Texten wesentlich weiter zurĂŒckverfolgen.
- Die ErzÀhlung wird heute dem internationalen ErzÀhltyp ATU 113A zugeordnet.
Was wissen wir nicht?
Nicht sicher wissen wir:
- Wann die Geschichte erstmals mĂŒndlich erzĂ€hlt wurde.
- Wer sie erfunden hat.
- Welche Fassung die allererste war.
- Ob alle bekannten Varianten auf einen einzigen Ursprung zurĂŒckgehen.
- Was innerhalb der Geschichte genau hinter der geheimen Katzenwelt steckt.
- Warum Tom Tildrum der nÀchste König wird.
Gerade bei mĂŒndlich ĂŒberlieferten Geschichten ist dieses Nichtwissen kein Fehler.
Es gehört zu ihrer Geschichte.
Wahr oder Miau?
âJoseph Jacobs hat Der König der Katzen geschrieben.â
Miau â zumindest wenn damit gemeint ist, dass er die Geschichte erfunden habe.
Jacobs veröffentlichte und bearbeitete 1894 eine bekannte Fassung, griff dafĂŒr aber ausdrĂŒcklich auf Ă€ltere englische Varianten zurĂŒck.
âDie Geschichte stammt nachweislich aus dem Jahr 1894.â
Ebenfalls Miau.
1894 ist das Erscheinungsjahr von Jacobs‘ Fassung.
Das ErzÀhlmotiv ist erheblich Àlter.
âIn Jacobs‘ Geschichte tragen neun Katzen den Sarg.â
Nicht ganz.
Neun schwarze Katzen erscheinen in der Prozession.
Acht tragen den Sarg, wĂ€hrend die gröĂte Katze vorausgeht.
âDie Geschichte hat eine eindeutige Moral.â
Nicht wirklich.
Ihr Reiz liegt viel stĂ€rker im Geheimnis, in der ĂŒberraschenden EnthĂŒllung und im offenen Ende.
âSchwarze Katzen galten deshalb als Könige der Katzen.â
DafĂŒr gibt es aus dieser ErzĂ€hlung keinen Beleg.
Die Fellfarbe ist ein Bestandteil der literarischen und folkloristischen Gestaltung.
Kurz & knapp
- Der König der Katzen gehört zur britischen beziehungsweise englischen VolksĂŒberlieferung.
- Joseph Jacobs veröffentlichte 1894 eine besonders bekannte Fassung.
- Er erfand die Geschichte nicht, sondern kombinierte Elemente Àlterer Varianten.
- In seiner Version erscheinen neun schwarze Katzen mit weiĂen Brustflecken.
- Acht tragen einen kleinen Sarg mit schwarzem Tuch und goldener Krone.
- Die gröĂte Katze ĂŒberbringt die Nachricht vom Tod Tim Toldrums.
- Der Hauskater Old Tom erkennt die Botschaft und erklÀrt sich zum neuen König der Katzen.
- AnschlieĂend verschwindet er durch den Kamin.
- Ăhnliche Fassungen wurden bereits vor Jacobs dokumentiert.
- Das Grundmotiv ist sogar wesentlich Àlter als das 19. Jahrhundert.
- Volkskundlich wird die Geschichte dem Typ ATU 113A zugeordnet.
- Eine eindeutige Moral besitzt die ErzÀhlung nicht.
Eine Geschichte, die ihr Geheimnis behÀlt
Vielleicht wĂ€re Der König der Katzen weniger faszinierend, wenn wir am Ende alles erfahren wĂŒrden.
Wenn erklĂ€rt wĂŒrde, wo das Katzenreich liegt.
Wie seine Thronfolge funktioniert.
Warum Old Tom bei Menschen lebte.
Und was nach seiner Krönung geschah.
Doch genau das tut die Geschichte nicht.
Sie lĂ€sst uns mit einem leeren Platz am Kamin zurĂŒck.
Der Kater ist verschwunden.
Irgendwo wartet vielleicht ein Katzenreich auf seinen neuen König.
Und seine Menschen mĂŒssen mit der Erkenntnis leben, dass sie offenbar jahrelang nicht wussten, wer da eigentlich neben ihnen am Feuer schlief.
Nicht jede Katzengeschichte will belehren.
Manche bleiben gerade deshalb im GedÀchtnis, weil sie ein RÀtsel offenlassen.
Und vielleicht ist genau das der schönste Gedanke an diesem alten MÀrchen:
Was Katzen wirklich wissen, das wissen wir Menschen eben nicht immer.
Quellen & weiterfĂŒhrende Informationen
Joseph Jacobs (Hrsg.): More English Fairy Tales, London: David Nutt, 1894. EnthĂ€lt die bekannte Fassung The King o‘ the Cats sowie Jacobs‘ eigene Anmerkungen zu Quellen und Parallelfassungen.
Charlotte Sophia Burne: Two Folk-Tales from Herefordshire, The Folk-Lore Journal, Band 2, 1884. FrĂŒhe dokumentierte englische Variante des Katzenkönig-Motivs.
John Harland & T. T. Wilkinson: Lancashire Legends, Traditions, Pageants, Sports, etc., 1882. EnthĂ€lt die Ăberlieferung Dildrum, King of the Cats.
William Baldwin: Beware the Cat, im 16. Jahrhundert verfasst. EnthĂ€lt eine wesentlich Ă€ltere verwandte ErzĂ€hlung um eine von Katzen ĂŒbermittelte Todesnachricht.
Aarne-Thompson-Uther Index: ATU 113A, hĂ€ufig als Pan is Dead / King o‘ the Cats gefĂŒhrt.
Arthur Palmer Hudson: Some Versions of âThe King of the Catsâ, Southern Folklore Quarterly, 1953. Vergleich verschiedener Ăberlieferungen des Stoffes.

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