Freyjas Katzen – zogen wirklich zwei Katzen den Wagen der nordischen Göttin?

Zwei Katzen, die den Wagen einer Göttin ziehen – das klingt fast wie eine moderne Fantasy-Idee.

Doch diesmal steckt tatsächlich eine mittelalterliche Quelle dahinter.

In Snorri Sturlusons Prosa-Edda wird die nordische Göttin Freyja ausdrücklich mit einem von Katzen gezogenen Wagen beschrieben.

Was wir dagegen nicht erfahren: wie diese Katzen aussahen, wie sie hießen oder welche genaue Bedeutung sie ursprünglich hatten.

Was steht tatsächlich in der Prosa-Edda?

Die wichtigste Quelle ist Snorri Sturlusons Prosa-Edda, die im 13. Jahrhundert in Island niedergeschrieben wurde.

Im Abschnitt Gylfaginning beschreibt Snorri Freyja und ihre Eigenschaften.

Dort heißt es sinngemäß:

Wenn Freyja reist, sitzt sie in einem Wagen und fährt mit Katzen.

Damit ist der berühmte Katzenwagen tatsächlich mittelalterlich überliefert – und nicht erst eine moderne Erfindung.

Es sind zwei Katzen

In der überlieferten Beschreibung werden zwei Katzen genannt, die Freyjas Wagen ziehen.

Später tauchen die Katzen in Snorris Erzählung noch einmal auf.

Bei der Bestattung des Gottes Baldr kommen zahlreiche Götter und andere Wesen zusammen.

Freyr erscheint mit seinem Wagen und seinem Eber, Heimdall mit seinem Pferd – und Freyja fährt mit ihren Katzen.

Das Motiv kommt bei Snorri also nicht nur an einer einzigen Stelle vor.

Aber die Prosa-Edda entstand erst nach der Wikingerzeit

Hier ist eine wichtige historische Einschränkung nötig.

Snorri schrieb seine Edda im frühen 13. Jahrhundert.

Die sogenannte Wikingerzeit endete bereits im 11. Jahrhundert.

Sein Text bewahrt viele ältere Stoffe, Lieder und mythologische Traditionen – wurde aber erst Generationen später schriftlich festgehalten.

Deshalb können wir nicht automatisch davon ausgehen, dass jedes Detail aus Snorris Darstellung unverändert aus der Wikingerzeit stammt.

Wir wissen also, dass das Motiv im mittelalterlichen nordischen Quellenmaterial vorhanden ist. Wie alt es genau ist, lässt sich daraus allein nicht bestimmen.

Wie sahen Freyjas Katzen aus?

Das wissen wir nicht.

Snorri beschreibt weder Fellfarbe noch Größe oder Körperbau.

Im Internet sieht man Freyjas Tiere heute häufig als besonders große, langhaarige Katzen.

Manchmal werden sie sogar ausdrücklich als Norwegische Waldkatzen dargestellt.

Dafür gibt es in der mittelalterlichen Quelle jedoch keinen Beleg.

Die Vorstellung passt optisch wunderbar zu nordischen Landschaften – historisch bleibt sie aber eine moderne Interpretation.

Hießen die Katzen Bygul und Trjegul?

Diese Namen begegnen einem heute erstaunlich häufig.

In den mittelalterlichen Quellen stehen sie jedoch nicht.

Snorri nennt Freyjas Katzen einfach nur Katzen.

Auch Namen wie Bygul, Trjegul oder andere heute verbreitete Varianten sollten deshalb nicht als historisch belegte Namen dargestellt werden.

Sie gehören zu späteren beziehungsweise modernen Weitererzählungen des Mythos.

Waren Katzen für Freyja heilig?

Auch hier sollten wir vorsichtig sein.

Dass Freyja mit Katzen verbunden wird, ist durch die Prosa-Edda belegt.

Daraus lässt sich aber nicht automatisch schließen, dass es in der Wikingerzeit einen besonderen Katzenkult zu Ehren Freyjas gab.

Wir besitzen keine eindeutigen archäologischen Belege dafür, dass Katzen allgemein als heilige Tiere Freyjas verehrt wurden.

Die Verbindung in der Mythologie und der tatsächliche Umgang mit Katzen im Alltag sind zwei verschiedene Dinge.

Katzen gab es im wikingerzeitlichen Skandinavien wirklich

Archäologische Funde zeigen eindeutig, dass Hauskatzen im Skandinavien der Wikingerzeit vorhanden waren.

Untersuchungen aus Dänemark zeigen, dass Katzen dort ab der Wikingerzeit häufiger im Fundmaterial auftreten.

Ihre Rolle war allerdings weniger romantisch, als moderne Darstellungen manchmal vermuten lassen.

Katzen wurden vermutlich unter anderem als Mäusefänger genutzt.

Archäologische Spuren zeigen außerdem, dass Katzenfelle verarbeitet wurden.

Gleichzeitig sind Katzen auch aus Bestattungen bekannt, was darauf hindeutet, dass einzelne Tiere einen besonderen sozialen Wert besitzen konnten.

Das Bild der Katze in der Wikingerzeit war also komplexer als einfach „heiliges Tier der Freyja“.

Warum gerade Katzen?

Das verrät uns die Quelle nicht.

Moderne Deutungen bringen die Katzen manchmal mit Freyjas Verbindung zu Liebe, Fruchtbarkeit, Magie oder weiblicher Macht in Zusammenhang.

Solche Interpretationen können interessant sein.

Eine eindeutige mittelalterliche Erklärung nach dem Muster:

„Freyjas Wagen wird von Katzen gezogen, weil Katzen für X stehen“

ist jedoch nicht überliefert.

Manchmal müssen wir bei Mythologie akzeptieren, dass ein Bild erhalten blieb, während seine ursprüngliche Bedeutung verloren gegangen ist.

Mythologie und Alltag sollte man auseinanderhalten

Genau hier wird das Thema besonders spannend.

Auf der einen Seite haben wir eine Göttin, deren Wagen von zwei Katzen gezogen wird.

Auf der anderen Seite zeigen archäologische Funde echte Katzen, die im damaligen Alltag ganz unterschiedliche Rollen gespielt haben.

Beides gehört zur Geschichte der Katze im Norden.

Aber das eine beweist nicht automatisch das andere.

Eine Katze in einem wikingerzeitlichen Grab ist beispielsweise kein Beweis dafür, dass sie Freyja geweiht war.

Kurz & knapp

  • Freyjas von Katzen gezogener Wagen ist tatsächlich in Snorri Sturlusons Prosa-Edda belegt.
  • Die Quelle nennt zwei Katzen.
  • Freyjas Katzen erscheinen bei Snorri mehr als einmal, unter anderem auch bei Balders Bestattung.
  • Die Prosa-Edda wurde im 13. Jahrhundert und damit nach der eigentlichen Wikingerzeit niedergeschrieben.
  • Wie die Katzen aussahen, wissen wir nicht.
  • Eine bestimmte Katzenrasse wird nicht genannt.
  • Namen wie Bygul und Trjegul sind nicht mittelalterlich überliefert.
  • Ein allgemeiner wikingerzeitlicher Katzenkult zu Ehren Freyjas lässt sich aus der Quelle nicht ableiten.
  • Archäologische Funde bestätigen jedoch, dass Hauskatzen im wikingerzeitlichen Skandinavien tatsächlich lebten.

Und bei Mo?

Mo findet die Vorstellung vermutlich ausgesprochen überzeugend, dass zwei Katzen vollkommen ausreichen, um einen Götterwagen zu ziehen.

Ob er selbst allerdings ins Geschirr steigen würde?

Da wäre ich weniger sicher. 😅🐱

Die Wagenkatzen Freyjas sind jedenfalls kein moderner Katzenmythos – nur viele Details, die heute über sie erzählt werden, kamen deutlich später dazu.

Quellen

Snorri Sturluson – Prosa-Edda, Gylfaginning
Die zentrale mittelalterliche Quelle. Freyja wird dort ausdrücklich als Göttin beschrieben, die in einem Wagen sitzt und mit zwei Katzen fährt. Bei Balders Bestattung wird ihr Katzengespann erneut erwähnt.
https://en.wikisource.org/wiki/The_Prose_Edda_(1916_translation_by_Arthur_Gilchrist_Brodeur)/Gylfaginning

Toplak, Matthias S. (2019): „The Warrior and the Cat: A Re-Evaluation of the Roles of Domestic Cats in Viking Age Scandinavia“ – Current Swedish Archaeology.
Archäologische Untersuchung zur Rolle von Hauskatzen in der Wikingerzeit. Die Studie warnt davor, mythologische Freyja-Bezüge unkritisch auf archäologische Katzenfunde zu übertragen, und diskutiert Katzen als Nutztiere, Felllieferanten sowie mögliche prestigeträchtige Begleiter.
DOI: 10.37718/CSA.2019.10
https://publicera.kb.se/csa/article/view/106

Bitz-Thorsen, Julie & Gotfredsen, Anne Birgitte (2018): „Domestic cats (Felis catus) in Denmark have increased significantly in size since the Viking Age“ – Danish Journal of Archaeology.
Archäologische Studie zu Katzenfunden in Dänemark. Hauskatzen sind dort bereits vor der Wikingerzeit nachweisbar und treten ab der Wikingerzeit häufiger auf; die Funde geben außerdem Hinweise auf ihre damalige Nutzung.
DOI: 10.1080/21662282.2018.1546420
https://tidsskrift.dk/dja/article/view/124816

Wikinger Museum Haithabu – „Der Krieger und die Katze“
Museumsbeitrag auf Grundlage der Forschung Matthias Toplaks zur tatsächlichen Rolle von Katzen in der Wikingerzeit und zur notwendigen Trennung zwischen archäologischen Befunden und später überlieferter Mythologie.
https://haithabu.de/de/der-krieger-und-die-katze

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