Können Katzen im Dunkeln sehen? Warum sie bei wenig Licht so gut zurechtkommen

Wenn Mo in der Dämmerung noch aufmerksam durch den Garten schaut, während wir längst kaum noch etwas erkennen, wirkt es fast so, als könnten Katzen tatsächlich im Dunkeln sehen.

Ganz stimmt dieser bekannte Satz aber nicht.

Katzen sehen bei sehr wenig Licht deutlich besser als Menschen. In völliger Dunkelheit können jedoch auch Katzen nichts sehen.

Für unseren Faktencheck heißt das deshalb: teilweise richtig.

Warum sehen Katzen bei wenig Licht so gut?

Das Katzenauge ist sehr gut an lichtarme Situationen angepasst.

Dafür arbeiten mehrere Besonderheiten zusammen:

  • Die Pupillen können sich sehr weit öffnen und dadurch viel Licht ins Auge lassen.
  • Die Netzhaut besitzt viele lichtempfindliche Stäbchen, die besonders für das Sehen bei schwachem Licht wichtig sind.
  • Hinter der Netzhaut liegt eine reflektierende Schicht – das sogenannte Tapetum lucidum.

Diese Eigenschaften machen Katzen zu ausgesprochen guten Dämmerungssehern.

Was macht das Tapetum lucidum?

Das Tapetum lucidum liegt hinter der Netzhaut und funktioniert vereinfacht gesagt wie eine reflektierende Schicht.

Licht, das die Netzhaut zunächst passiert hat, wird zurückgeworfen und kann die lichtempfindlichen Zellen dadurch noch einmal erreichen.

So kann das vorhandene Licht besonders effektiv genutzt werden.

Genau diese Reflexion ist auch dafür verantwortlich, dass Katzenaugen bei passender Beleuchtung im Dunkeln scheinbar leuchten.

Die Augen erzeugen dabei kein eigenes Licht – sie werfen einfallendes Licht zurück.

Aber ohne Licht funktioniert auch das beste Katzenauge nicht

Hier liegt der entscheidende Punkt des Mythos.

Das Katzenauge kann vorhandenes Licht hervorragend nutzen.

Es kann aber kein Licht erzeugen, wo überhaupt keines vorhanden ist.

In einem vollständig lichtlosen Raum gibt es keine Lichtinformation, die auf die Netzhaut treffen könnte.

Dann kann auch eine Katze nichts sehen.

„Katzen können im Dunkeln sehen“ wäre deshalb genauer formuliert als:

„Katzen können bei sehr wenig Licht noch erstaunlich gut sehen.“

Wie findet sich eine Katze dann in völliger Dunkelheit zurecht?

Sehen ist schließlich nicht der einzige Sinn, den eine Katze zur Orientierung nutzt.

In einer sehr dunklen Umgebung helfen ihr unter anderem:

  • ihr sehr gutes Gehör,
  • ihr Geruchssinn,
  • ihre Tasthaare
  • und ihre Erinnerung an eine vertraute Umgebung.

Wenn eine Katze also nachts scheinbar mühelos durch die Wohnung läuft, bedeutet das nicht automatisch, dass sie jedes Hindernis sehen kann.

Sie kombiniert verschiedene Sinnesinformationen miteinander.

Gutes Dämmerungssehen hat auch einen Preis

Ein Katzenauge ist nicht einfach in jeder Hinsicht „besser“ als ein menschliches Auge.

Beim Sehen gibt es einen gewissen Kompromiss zwischen Lichtempfindlichkeit und Detailgenauigkeit.

Katzenaugen sind hervorragend darin, schwaches Licht zu nutzen und Bewegungen wahrzunehmen.

Ihre Sehschärfe ist dagegen geringer als die eines Menschen mit normaler Sehfähigkeit.

Für einen Jäger, der besonders in lichtarmen Situationen auf kleine Bewegungen reagieren muss, ist dieser Schwerpunkt ausgesprochen sinnvoll.

Warum sind Katzen gerade in der Dämmerung so gut angepasst?

Hauskatzen zeigen häufig eine erhöhte Aktivität rund um Morgen- und Abenddämmerung.

Genau zu diesen Zeiten ist bereits beziehungsweise noch etwas Licht vorhanden – aber deutlich weniger als am Tag.

Hier spielen die besonderen Eigenschaften des Katzenauges ihre Stärke aus.

Die Katze muss also gar nicht in absoluter Dunkelheit sehen können.

Sie ist vielmehr hervorragend für eine Welt mit wenig Licht ausgestattet.

Und was wurde aus dem Mythos?

Wer eine Katze in der Dämmerung beobachtet, bekommt leicht den Eindruck, dass sie im Dunkeln genauso problemlos sieht wie am Tag.

Aus der richtigen Beobachtung:

„Katzen sehen bei schwachem Licht erstaunlich gut“

wurde so vermutlich die stark vereinfachte Aussage:

„Katzen können im Dunkeln sehen.“

Ganz falsch ist die Vorstellung also nicht – sie geht nur einen Schritt zu weit.

Wahr oder Miau?

Teilweise richtig.

Katzen sehen bei sehr wenig Licht wesentlich besser als wir Menschen.

Ihre großen Pupillen, die lichtempfindliche Netzhaut und das Tapetum lucidum helfen ihnen dabei.

In völliger Dunkelheit können aber auch Katzen nichts sehen.

Kurz & knapp

  • Katzen sind sehr gute Dämmerungsseher.
  • Ihre Augen können schwaches vorhandenes Licht besonders effektiv nutzen.
  • Das Tapetum lucidum reflektiert Licht zurück zur Netzhaut.
  • Dadurch entsteht auch das typische „Augenleuchten“.
  • Katzen sind besonders gut darin, Bewegungen bei wenig Licht wahrzunehmen.
  • Ihre Sehschärfe ist dafür geringer als die des Menschen.
  • Ohne jegliches Licht ist auch für eine Katze kein Sehen möglich.

Und Mo?

Wenn es langsam dämmert, wirkt Mo manchmal so, als hätte er uns beim Sehen einen ziemlich unfairen Vorteil voraus.

Und tatsächlich ist sein Katzenauge für solche Lichtverhältnisse wesentlich besser gerüstet als unseres.

Aber wenn wirklich überhaupt kein Licht mehr vorhanden ist, hilft auch ihm keine Katzen-Superkraft.

Dann müssen Ohren, Nase, Tasthaare und ein bisschen Ortskenntnis übernehmen. 🐱🌙

Quellen

Merck Veterinary Manual – „Eye Structure and Function in Cats“
Veterinärmedizinische Übersicht zum Aufbau des Katzenauges. Beschreibt unter anderem die zahlreichen Stäbchen der Netzhaut, das gute Sehen bei schwachem Licht und das Tapetum lucidum.
https://www.merckvetmanual.com/cat-owners/eye-disorders-of-cats/eye-structure-and-function-in-cats

VCA Animal Hospitals – „Do Cats See Color?“
Erklärt Unterschiede zwischen menschlichem und felinem Sehen, darunter die stark erweiterbaren Pupillen, das Tapetum lucidum, die gute Bewegungswahrnehmung bei wenig Licht und die geringere Sehschärfe der Katze.
https://vcahospitals.com/know-your-pet/do-cats-see-color

Ollivier F. J. et al. (2004): „Comparative morphology of the tapetum lucidum“ – Veterinary Ophthalmology.
Wissenschaftliche Übersicht über das Tapetum lucidum. Die reflektierende Struktur gibt Photorezeptoren eine weitere Möglichkeit, einfallendes Licht aufzunehmen, und erhöht damit die Empfindlichkeit bei schwacher Beleuchtung.
DOI: 10.1111/j.1463-5224.2004.00318.x
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/14738502/

Bergmanson J. P., Townsend W. D. (1980): „The morphology of the cat tapetum lucidum“
Untersuchung speziell des Tapetum lucidum der Katze und seiner Bedeutung für die Reflexion von Licht zurück zu den Photorezeptoren.
DOI: 10.1097/00006324-198003000-00002
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/7386574/

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