Die Pfoten zucken. Die Schnurrhaare bewegen sich. Unter den geschlossenen Lidern wandern plötzlich die Augen.
Wer eine schlafende Katze beobachtet, kommt schnell auf die Frage:
Träumt sie gerade?
Die wissenschaftlich saubere Antwort lautet: Sehr wahrscheinlich ja.
Katzen zeigen Schlafphasen und Hirnaktivitäten, die bei uns Menschen eng mit Träumen verbunden sind. Was eine Katze dabei tatsächlich erlebt, können wir allerdings nicht direkt herausfinden – denn nach dem Aufwachen erzählen kann sie es uns nicht.
Katzen schlafen nicht immer gleich
Wie Menschen und andere Säugetiere durchlaufen Katzen verschiedene Schlafzustände.
Dazu gehören unter anderem Non-REM-Schlaf und REM-Schlaf.
REM steht für „Rapid Eye Movement“ – schnelle Augenbewegungen.
Während des REM-Schlafs zeigt das Gehirn eine vergleichsweise hohe Aktivität. Gleichzeitig wird die Muskulatur normalerweise stark gehemmt.
Diese Kombination ist besonders interessant:
Das Gehirn ist aktiv, während größere Bewegungen des Körpers weitgehend unterdrückt werden.
Kleine Zuckungen an Pfoten, Gesicht, Ohren oder Schnurrhaaren können trotzdem auftreten.
Warum ist Träumen bei Katzen so wahrscheinlich?
Beim Menschen treten lebhafte Träume besonders häufig im REM-Schlaf auf.
Träume können allerdings auch während anderer Schlafphasen vorkommen – REM und Traum sind also nicht exakt dasselbe.
Auch Katzen besitzen einen deutlich erkennbaren REM-Schlaf mit typischen Augenbewegungen, Hirnaktivität und Muskelhemmung.
Da diese grundlegenden Schlafmechanismen bei Säugetieren stark vergleichbar sind, gilt es als sehr plausibel, dass auch Katzen während des Schlafs subjektive Erlebnisse haben können.
Der entscheidende Unterschied zu Menschen bleibt:
Bei einem Menschen kann man ihn nach dem Aufwachen nach seinem Traum fragen. Bei einer Katze nicht.
Deshalb lässt sich Träumen bei Tieren wissenschaftlich nur indirekt untersuchen.
Was zeigten klassische Versuche mit Katzen?
Ein besonders spannender Hinweis stammt aus der frühen REM-Schlafforschung.
Normalerweise sorgt das Gehirn während des REM-Schlafs dafür, dass große Teile der Muskulatur gehemmt werden. Dadurch wird nicht jede Aktivität des schlafenden Gehirns sofort in Bewegung umgesetzt.
In klassischen Untersuchungen wurde diese Muskelhemmung bei Katzen durch Veränderungen bestimmter Bereiche im Hirnstamm gestört.
Die Tiere befanden sich weiterhin im REM-Schlaf – konnten ihren Körper nun aber bewegen.
Dabei zeigten sie teilweise erstaunlich komplexe Bewegungen:
- Sie hoben den Kopf.
- Sie bewegten ihre Gliedmaßen.
- Sie richteten sich auf.
- Sie orientierten sich scheinbar in ihrer Umgebung.
- Teilweise sprangen sie plötzlich oder zeigten Bewegungsmuster, die an Jagd- oder Abwehrverhalten erinnerten.
Solche Beobachtungen wurden als „oneirisches Verhalten“ bezeichnet – also Verhalten, das möglicherweise mit inneren Erlebnissen während des Schlafs zusammenhängt.
Heißt das, die Katzen haben ihre Träume ausgespielt?
Das ist eine naheliegende Interpretation – aber kein endgültiger Beweis.
Die Versuche zeigen, dass während des REM-Schlafs komplexe Bewegungsprogramme aktiviert werden können, die normalerweise durch die Muskelhemmung kaum sichtbar werden.
Sie zeigen aber nicht unmittelbar, was die Katze dabei subjektiv erlebt.
Die moderne Traumforschung bei Tieren betont genau dieses Problem:
Schlafverhalten, Hirnaktivität und Bewegungen können Hinweise auf Träumen liefern – der eigentliche Traum bleibt für uns unzugänglich.
Träumt meine Katze von Mäusen?
Vielleicht.
Aber wir wissen es nicht.
Es klingt verlockend, jede Bewegung zu deuten:
Pfoten zucken = sie jagt eine Maus.
Schnurrhaare bewegen sich = sie schnuppert an etwas.
Leises Geräusch = sie spricht mit einer anderen Katze.
So genau funktioniert die Wissenschaft leider nicht.
Eine einzelne Pfotenbewegung verrät keinen bestimmten Trauminhalt.
Auch schnelle Augenbewegungen während des REM-Schlafs bedeuten nicht automatisch, dass die Augen gerade eine geträumte Szene „verfolgen“.
Selbst beim Menschen ist der Zusammenhang zwischen Augenbewegungen und dem konkreten Traumbild komplizierter als lange angenommen.
Verarbeiten Katzen Erlebnisse im Schlaf?
Schlaf spielt bei Säugetieren eine wichtige Rolle für Gehirnfunktionen wie Lernen und Gedächtnis.
Aus verschiedenen Tierarten wissen wir außerdem, dass bestimmte neuronale Aktivitätsmuster während des Schlafs erneut auftreten können.
Das macht die Vermutung plausibel, dass Erlebnisse aus dem Wachzustand auch in die schlafende Verarbeitung einfließen.
Ob Mo dabei tatsächlich noch einmal seinen Tag erlebt, vom Futternapf träumt oder in Gedanken einer gigantischen Maus hinterherläuft, können wir daraus aber nicht ableiten.
Und was ist mit Albträumen?
Auch hier gilt: möglich, aber nicht nachweisbar.
Katzen können im Schlaf plötzlich zucken, Laute machen oder unruhiger wirken.
Das reicht nicht aus, um festzustellen, dass sie gerade Angst hat oder einen Albtraum erlebt.
Wir kennen weder den Inhalt noch die emotionale Qualität eines möglichen Katzentraums.
Unruhiger Schlaf bedeutet deshalb nicht automatisch schlechter Traum.
REM-Schlaf ist nicht gleich Traum
Eine kleine Einschränkung ist besonders wichtig:
REM-Schlaf wird manchmal vereinfacht als „Traumschlaf“ bezeichnet.
Beim Menschen wissen wir inzwischen jedoch, dass Träume auch im Non-REM-Schlaf auftreten können.
Umgekehrt kann man aus einer REM-Phase nicht automatisch auf einen ganz bestimmten Traum schließen.
Für Katzen gilt daher:
REM-Schlaf ist ein sehr wichtiger Hinweis darauf, dass Träumen möglich und wahrscheinlich ist – aber kein direkter Blick in den Traum einer Katze.
Kurz & knapp
- Katzen besitzen Non-REM- und REM-Schlaf.
- Im REM-Schlaf zeigen sie schnelle Augenbewegungen, aktive Gehirnprozesse und normalerweise eine starke Muskelhemmung.
- Diese Schlafphase ist beim Menschen eng mit lebhaften Träumen verbunden.
- Historische Katzenstudien zeigten komplexe Bewegungen im REM-Schlaf, wenn die normale Muskelhemmung gestört wurde.
- Das liefert starke Hinweise auf traumähnliche innere Vorgänge.
- Beweisen, was eine Katze tatsächlich erlebt, können wir damit nicht.
- Pfotenbewegungen, Zucken oder Augenbewegungen verraten keinen bestimmten Trauminhalt.
- Auch ob Katzen Albträume haben, lässt sich derzeit nicht sicher feststellen.
Und Mo?
Wenn Mo im Schlaf plötzlich mit einer Pfote zuckt, könnte man natürlich sofort vermuten, dass er gerade ein riesiges Traumabenteuer erlebt.
Vielleicht jagt er eine Maus.
Vielleicht läuft er zum Futternapf.
Vielleicht passiert in seinem Kopf aber auch etwas völlig anderes.
Wissenschaftlich sicher wissen können wir es nicht – und genau das macht die Vorstellung irgendwie noch schöner. 🐱💤
Quellen
Brown R. E. et al. (2012): „Control of Sleep and Wakefulness“ – Physiological Reviews.
Umfassende wissenschaftliche Übersicht zu Non-REM- und REM-Schlaf sowie den zugrunde liegenden Hirnmechanismen. Behandelt auch die REM-Schlafforschung an Katzen und die Verbindung zwischen REM-Schlaf und Träumen beim Menschen.
DOI: 10.1152/physrev.00032.2011
PMID: 22811426
Henley K., Morrison A. R. (1974): „A re-evaluation of the effects of lesions of the pontine tegmentum and locus coeruleus on phenomena of paradoxical sleep in the cat“ – Acta Neurobiologiae Experimentalis.
Klassische Untersuchung an Katzen. Nach Störung der normalerweise im REM-Schlaf auftretenden Muskelhemmung zeigten die Tiere komplexe Bewegungen bis hin zum Aufrichten und Springen.
PMID: 4368348
Mahowald M. W., Schenck C. H. (2004): „REM sleep without atonia – from cats to humans“ – Archives Italiennes de Biologie.
Übersichtsarbeit über die historische Forschung zu REM-Schlaf ohne Muskelhemmung. Bespricht unter anderem die klassischen Katzenmodelle und das dabei beobachtete sogenannte oneirische Verhalten.
PMID: 15493548
Malinowski J. E., Scheel D., McCloskey M. (2021): „Do animals dream?“ – Consciousness and Cognition.
Moderne wissenschaftliche Übersicht zur Frage, wie Träumen bei Tieren überhaupt untersucht werden kann. Die Autoren betonen, dass Hirnaktivität, Gedächtnisprozesse und traumähnliches Verhalten Hinweise liefern können, ein verbaler Traumbericht bei Tieren jedoch fehlt.
DOI: 10.1016/j.concog.2021.103214
PMID: 34653784
Arnulf I. (2011): „The scanning hypothesis of rapid eye movements during REM sleep: a review of the evidence“ – Archives Italiennes de Biologie.
Übersichtsarbeit zur Frage, ob schnelle Augenbewegungen tatsächlich das Betrachten von Traumbildern widerspiegeln. Die Daten zeigen, dass dieser Zusammenhang nicht so eindeutig ist.
DOI: 10.4449/aib.v149i4.1246
PMID: 22205589

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