Sind rote Katzen wirklich anders?

„Rote Katzen haben nur eine Gehirnzelle.“

Wer regelmäßig Katzenvideos im Internet sieht, kennt diesen Spruch wahrscheinlich. 😅

Rote Katzen gelten dort als besonders chaotisch, mutig, verfressen oder schlicht ein bisschen verrückt. Unter dem Stichwort „Orange Cat Energy“ ist daraus längst ein eigenes Internet-Phänomen geworden.

Aber sind rote Katzen wirklich anders als andere Katzen?

Ihre Fellfarbe ist genetisch besonders – ihre Persönlichkeit lässt sich daraus aber nicht zuverlässig vorhersagen.

Warum sind so viele rote Katzen Kater?

Tatsächlich sind rote Katzen überwiegend männlich.

Häufig wird ein Anteil von ungefähr 80 Prozent Katern genannt, beispielsweise von der Tierschutzorganisation PDSA. Diese Zahl ist jedoch keine feste genetische Regel: Der Anteil hängt davon ab, wie verbreitet die Farbvariante in der jeweiligen Population ist.

Der Grund für die unterschiedliche Verteilung liegt in der Genetik. Die Variante für die orange beziehungsweise rote Fellfarbe befindet sich auf dem X-Chromosom.

Kater besitzen normalerweise ein X- und ein Y-Chromosom. Für einen roten Kater reicht deshalb bereits die entsprechende Variante auf seinem einzigen X-Chromosom.

Weibliche Katzen besitzen normalerweise zwei X-Chromosomen. Für eine durchgehend rote Grundfarbe brauchen sie die entsprechende Variante auf beiden.

Ist sie nur auf einem der beiden X-Chromosomen vorhanden, entsteht typischerweise eine Schildpattzeichnung mit roten und nichtroten Bereichen. Weiße Abzeichen können unabhängig davon hinzukommen.

Deshalb gibt es durchaus rote weibliche Katzen – rote Kater sind aber häufiger.

Was weiß man inzwischen über die rote Fellfarbe?

2025 wurden Forschungsergebnisse veröffentlicht, die den genetischen Mechanismus hinter der roten Fellfarbe genauer erklären.

Dabei wurde ein fehlender DNA-Abschnitt im Bereich des Gens ARHGAP36 auf dem X-Chromosom identifiziert.

Diese Veränderung beeinflusst die Aktivität des Gens in pigmentbildenden Zellen. Dadurch verschiebt sich die Pigmentbildung zugunsten der gelblich-roten Farbe.

Die Forschung erklärt damit genauer, warum eine Katze rot wird. Sie belegt aber nicht, dass diese Veränderung zugleich einen bestimmten Charakter oder eine bestimmte Intelligenz verursacht.

Haben rote Katzen einen besonderen Charakter?

Hier wird es deutlich schwieriger.

Viele Menschen beschreiben rote Katzen als:

  • besonders freundlich
  • menschenbezogen
  • verspielt
  • neugierig
  • gelassen
  • oder eben etwas chaotisch

Solche Erfahrungen können natürlich echt sein. Sie beweisen aber noch nicht, dass die Fellfarbe die Ursache dafür ist.

Eine Befragungsstudie aus Mexiko von 2022 untersuchte Zusammenhänge zwischen Fellfarbe, von Haltern beschriebenen Persönlichkeitseigenschaften und der Beziehung zwischen Mensch und Katze.

Die Ergebnisse liefern keine Grundlage dafür, einzelnen Fellfarben feste Charaktereigenschaften zuzuschreiben. Auch bei der Mensch-Katze-Beziehung waren Unterschiede zwischen den Farbgruppen statistisch nicht signifikant.

Wichtig ist außerdem: Solche Befragungen erfassen die Wahrnehmung der Menschen. Sie sind kein objektiver Intelligenztest und können nicht zeigen, dass eine Fellfarbe ein bestimmtes Verhalten verursacht.

Macht die Fellfarbe eine Katze intelligenter oder weniger intelligent?

Dafür gibt es keinen belastbaren wissenschaftlichen Beleg.

Das berühmte „eine Gehirnzelle“-Meme ist ein Witz. Es ist keine wissenschaftliche Aussage über rote Katzen.

Wie eine Katze lernt und sich verhält, wird von vielen Dingen beeinflusst.

Dazu gehören beispielsweise:

  • genetische Veranlagung
  • frühe Erfahrungen
  • Sozialisation
  • Lebensumgebung und Lernmöglichkeiten
  • Alter und Gesundheitszustand

Eine Fellfarbe allein ist dafür kein Persönlichkeitstest.

Warum wirkt „Orange Cat Energy“ dann trotzdem so überzeugend?

Eine plausible Erklärung ist, dass besonders gut zum Klischee passende Beispiele auffallen und geteilt werden.

Ein roter Kater springt kopfüber in einen Karton? „Typisch orange.“

Eine rote Katze beobachtet eine Situation erst einmal vorsichtig? Das passt weniger gut zur Geschichte von der chaotischen roten Katze.

So kann der Eindruck entstehen, das Internet zeige eine feste Eigenschaft dieser Fellfarbe. Tatsächlich sehen wir aber eine Auswahl besonders unterhaltsamer Momente.

Das bedeutet nicht, dass Menschen sich ihre Erfahrungen mit ihren Katzen einbilden. Nur die Schlussfolgerung „Meine rote Katze ist so – also sind rote Katzen so“ geht einen Schritt zu weit.

Und Mo?

Mo ist rot. Und ein Kater. Damit passt er zumindest zur häufigen Kombination aus rotem Fell und männlichem Geschlecht. 😅

Was seinen Charakter betrifft, hilft uns diese Einordnung allerdings wenig.

Manche roten Katzen stürzen sich kopfüber ins nächste Abenteuer. Andere schauen lieber erst einmal zu, was die anderen so treiben.

Und auch bei Mo gilt: Rot ist eine Fellfarbe – kein Persönlichkeitstest.

Kurz & knapp

  • Rote Katzen sind häufiger männlich. Die oft genannten 80 Prozent sind kein fester Wert für jede Population.
  • Die rote Fellfarbe ist an das X-Chromosom gekoppelt.
  • 2025 wurde die zugrunde liegende Veränderung im Bereich von ARHGAP36 genauer beschrieben.
  • Für eine geringere oder höhere Intelligenz allein aufgrund roten Fells gibt es keinen belastbaren Beleg.
  • Die Fellfarbe erlaubt keine zuverlässige Vorhersage des individuellen Charakters.
  • „Orange Cat Energy“ bleibt vor allem ein unterhaltsames Internet-Meme.

Die Farbe macht noch keinen Charakter

Fellfarben können genetisch unglaublich spannend sein. Aber sie erzählen uns nicht, ob eine Katze mutig, vorsichtig, verschmust oder chaotisch sein wird.

Deshalb darf man über „Orange Cat Energy“ ruhig lachen.

Man sollte dabei nur nicht vergessen: Am Ende ist auch jede rote Katze vor allem eines – ein Individuum.


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