Viele Katzen knabbern gelegentlich an Gras oder anderen Pflanzen.
Das wirkt zunächst etwas merkwürdig – schließlich sind Katzen obligate Karnivoren und auf eine Ernährung mit tierischer Nahrung spezialisiert.
Warum also freiwillig Grünzeug?
Die ehrliche wissenschaftliche Antwort lautet:
Wir wissen noch nicht abschließend, warum Katzen Pflanzen fressen.
Es gibt mehrere plausible Erklärungen. Die alte Vorstellung, Katzen würden Gras einfach nur fressen, um sich anschließend zu übergeben, greift aber deutlich zu kurz.
Grasfressen ist bei Katzen nichts Ungewöhnliches
Pflanzenfressen wurde sowohl bei Hauskatzen als auch bei verschiedenen wild lebenden Katzenartigen beobachtet.
Es ist deshalb nicht automatisch ein Hinweis darauf, dass einer Katze schlecht ist oder dass ihr etwas in der Ernährung fehlt.
Eine große Befragungsstudie zum Pflanzenfressen bei Hauskatzen zeigte sogar:
Die meisten Katzen wirkten vor dem Pflanzenfressen nicht krank.
Auch Erbrechen trat längst nicht bei jeder Katze danach auf.
Fressen Katzen Gras, damit sie erbrechen?
Wahrscheinlich nicht als allgemeinen Zweck.
In zwei großen Befragungen berichteten Halter zwar bei einem Teil der Katzen von häufigem Erbrechen nach dem Pflanzenfressen.
Bei der großen Mehrheit war Erbrechen jedoch kein regelmäßiges Ergebnis.
Besonders interessant:
Jüngere Katzen fraßen häufiger Pflanzen, wirkten dabei aber seltener krank und erbrachen seltener im Zusammenhang damit.
Das passt nicht besonders gut zu der Vorstellung, die Katze würde bewusst Gras suchen, weil ihr bereits übel ist und sie sich zum Erbrechen bringen möchte.
Warum machen Katzen es dann?
Dazu gibt es mehrere wissenschaftliche Hypothesen.
Bislang erklärt keine davon das Verhalten vollständig.
Hypothese 1: Ein altes Verhaltensmuster
Pflanzenmaterial findet man nicht nur bei Hauskatzen.
Auch andere Vertreter der Ordnung der Raubtiere nehmen gelegentlich Pflanzen auf.
Deshalb könnte das Verhalten ein sehr altes, evolutionär erhaltenes Verhaltensmuster sein.
Unsere Hauskatzen würden dann nicht deshalb Gras fressen, weil ihnen konkret etwas fehlt, sondern weil die Neigung zum Pflanzenfressen bereits bei ihren Vorfahren vorhanden war.
Das ist eine plausible Erklärung – aber noch kein abschließender Beweis dafür, welchen Nutzen das Verhalten ursprünglich hatte.
Hypothese 2: Hilfe gegen Parasiten?
Eine weitere Theorie verbindet Pflanzenfressen mit Darmparasiten.
Bei verschiedenen wild lebenden Tierarten wurde beobachtet, dass unverdautes Pflanzenmaterial gemeinsam mit Parasiten ausgeschieden wird.
Daraus entstand die Hypothese, dass faseriges Pflanzenmaterial dabei helfen könnte, Parasiten oder anderes Material aus dem Verdauungstrakt zu transportieren.
Für unsere heutigen Hauskatzen ist jedoch nicht nachgewiesen, dass sie Gras gezielt zur Parasitenbekämpfung fressen.
Eine Entwurmung ersetzt Katzengras deshalb selbstverständlich nicht.
Hypothese 3: Hilft Pflanzenmaterial beim Abtransport von Haaren?
Diese Idee hat durch eine neuere Untersuchung interessante Unterstützung bekommen.
Eine 2025 veröffentlichte Studie untersuchte sechs hochgewürgte Pflanzenmassen von zwei Hauskatzen mit einem Rasterelektronenmikroskop.
Die Forschenden fanden an den gefressenen Pflanzen winzige Strukturen wie Blatthärchen und gezackte Oberflächen.
In allen untersuchten Proben ließen sich direkte Kontakte zwischen diesen Pflanzenstrukturen und Katzenhaaren erkennen.
Die Autoren vermuten deshalb, dass solche Pflanzenteile dabei helfen könnten, verschluckte Haare zu binden und aus dem Verdauungstrakt zu transportieren.
Das ist spannend – aber noch kein Beweis dafür, dass wir damit den Grund für das Grasfressen gefunden haben.
Die Untersuchung war mit nur sechs Proben von zwei Katzen sehr klein.
Sie zeigt einen möglichen Mechanismus, der nun mit deutlich mehr Tieren untersucht werden müsste.
Und was ist mit Haarballen?
Auch hier ist die Forschung noch nicht eindeutig.
Die größere Befragungsstudie zum Pflanzenfressen fand beispielsweise keinen Unterschied zwischen kurz- und langhaarigen Katzen: Beide fraßen ähnlich häufig Pflanzen.
Das sprach damals eher gegen eine einfache Erklärung nach dem Motto:
„Je mehr Haare eine Katze schluckt, desto mehr Gras frisst sie.“
Die neuere Untersuchung zeigt nun dagegen einen möglichen physikalischen Mechanismus, über den Pflanzenteile tatsächlich Haare erfassen könnten.
Beide Ergebnisse schließen sich nicht zwingend aus.
Sie zeigen vor allem, dass die Frage noch nicht abschließend beantwortet ist.
Brauchen Katzen Gras als Nahrung?
Nein.
Katzen sind obligate Karnivoren und benötigen kein Gras, um ihren normalen Nährstoffbedarf zu decken.
Eine ausgewogene, bedarfsdeckende Katzennahrung liefert die notwendigen Nährstoffe.
Dass eine Katze gelegentlich Pflanzen frisst, bedeutet deshalb nicht automatisch, dass ihr Futter mangelhaft ist.
Katzengras kann trotzdem eine Möglichkeit bieten, dieses natürliche Verhalten in der Wohnung kontrolliert auszuleben.
Aber Grün ist nicht automatisch ungefährlich
Wer seiner Katze Pflanzen zum Knabbern anbietet, sollte darauf achten, dass sie tatsächlich für Katzen geeignet sind.
Viele Zimmer- und Gartenpflanzen können problematisch oder giftig sein.
Besonders wichtig: Echte Lilien und Taglilien sind für Katzen hochgefährlich und ein tiermedizinischer Notfall.
Auch vermeintlich harmloses Gras sollte nicht mit Pflanzenschutzmitteln, Dünger oder anderen Chemikalien behandelt worden sein.
Eine ungiftige Pflanze kann außerdem trotzdem Magen-Darm-Beschwerden verursachen, wenn größere Mengen davon gefressen werden.
Wann sollte man genauer hinschauen?
Gelegentliches Knabbern an geeignetem Gras ist bei vielen Katzen unauffällig.
Anders sieht es aus, wenn sich das Verhalten deutlich verändert.
Tierärztlich abgeklärt werden sollte es beispielsweise, wenn eine Katze:
- plötzlich sehr große Mengen Pflanzenmaterial frisst,
- häufig oder wiederholt erbricht,
- nicht mehr richtig frisst,
- Durchfall oder Verstopfung entwickelt,
- auffällig matt oder schmerzhaft wirkt
- oder möglicherweise eine giftige Pflanze gefressen hat.
Dann sollte man das Pflanzenfressen nicht einfach als normale Katzengewohnheit abhaken.
Kurz & knapp
- Pflanzenfressen kommt auch bei gesunden Katzen vor.
- Katzen fressen Gras nicht automatisch, weil ihnen schlecht ist.
- Erbrechen kann danach auftreten, ist aber keineswegs zwangsläufig.
- Ein evolutionär erhaltenes Verhalten wird als mögliche Erklärung diskutiert.
- Auch ein Zusammenhang mit Parasiten oder verschluckten Haaren wird erforscht.
- Eine kleine Studie von 2025 fand Pflanzenstrukturen, die sich an Katzenhaaren verhakt hatten.
- Diese Untersuchung unterstützt die Haartransport-Hypothese, beweist sie aber noch nicht.
- Katzen brauchen Gras nicht, um ihren Nährstoffbedarf zu decken.
Manchmal ist „Wir wissen es noch nicht“ die richtige Antwort
Bei Katzen gibt es erstaunlich viele Dinge, für die im Internet längst eine einfache Erklärung herumgereicht wird.
Beim Grasfressen lautet sie oft:
„Die Katze will erbrechen.“
Die Forschung zeigt inzwischen, dass es deutlich komplizierter ist.
Vielleicht hilft Pflanzenmaterial beim Umgang mit Haaren. Vielleicht steckt ein altes Verhalten dahinter. Vielleicht erfüllen verschiedene Pflanzenfress-Episoden sogar unterschiedliche Funktionen.
Im Moment wissen wir es schlicht noch nicht vollständig.
Und manchmal ist genau das die wissenschaftlich sauberste Antwort. 🐱🌱
Quellen
Hart B. L. et al. (2021): „Characteristics of Plant Eating in Domestic Cats“ – Animals.
Große Befragungsstudie zum Pflanzenfressen bei Hauskatzen. Nur wenige Katzen wirkten vor dem Pflanzenfressen krank; Erbrechen trat nicht regelmäßig danach auf. Die Studie diskutiert unter anderem Erbrechen, Haarballen und ein evolutionär erhaltenes Verhalten als mögliche Erklärungen.
DOI: 10.3390/ani11071853
Bensel K. N., Rudock Bowman M. E., Hughes N. M. (2025): „Plant eating behavior in domestic cats: Support for the hair evacuation hypothesis“ – Journal of Veterinary Behavior.
Rasterelektronenmikroskopische Untersuchung von sechs hochgewürgten Pflanzenproben zweier Katzen. Die Forschenden fanden direkte Kontakte zwischen Pflanzenstrukturen und Katzenhaaren und sehen darin Unterstützung für die Hypothese, dass Pflanzenmaterial beim Abtransport verschluckter Haare helfen könnte. Wegen der sehr kleinen Stichprobe ist weitere Forschung nötig.
DOI: 10.1016/j.jveb.2025.08.002
Cats Protection – „Plants Poisonous to Cats“
Übersicht zu für Katzen gefährlichen Pflanzen und zum sicheren Umgang mit Gras und Gartenpflanzen.
ASPCA Animal Poison Control – „Toxic and Non-Toxic Plants“
Umfangreiche Datenbank zu giftigen und ungiftigen Pflanzen für Katzen und andere Haustiere.

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