Die Katze und Aphrodite – eine alte Fabel über äußere Veränderung und innere Natur

Eine Katze verliebt sich in einen jungen Mann.

Sie wünscht sich nichts sehnlicher, als selbst ein Mensch zu sein – und Aphrodite erfüllt ihr diesen Wunsch.

Aus dem Tier wird eine junge Frau.

Doch dann lässt die Göttin eine Maus durch den Raum laufen.

Für einen Augenblick ist die neue menschliche Gestalt vergessen: Die ehemalige Katze stürzt der Maus hinterher.

Die Fabel stellt damit eine Frage, die Menschen schon seit der Antike beschäftigt: Wie viel kann sich wirklich verändern – und was bleibt trotz aller äußeren Veränderungen bestehen?

Wie geht die Fabel?

In einer bekannten antiken Fassung verliebt sich das Tier in einen schönen jungen Mann.

Aphrodite verwandelt es daraufhin in eine attraktive Frau. Auch der junge Mann verliebt sich in sie und möchte sie heiraten.

Doch die Göttin will wissen, ob sich mit der äußeren Gestalt auch die innere Natur verändert hat.

Während der Hochzeitsfeier lässt sie eine Maus vorbeilaufen.

Die junge Frau kann nicht widerstehen und springt ihr hinterher.

Damit ist Aphrodites Versuch entschieden:

Die Gestalt hat sich verändert – die alte Neigung ist geblieben.

Katze oder Wiesel?

Hier wird die Geschichte besonders interessant.

Die antike Fabel ist heute häufig als „Die Katze und Aphrodite“ bekannt.

In frühen griechischen Fassungen handelt es sich jedoch eher um ein Wiesel beziehungsweise ein kleines marderartiges Tier.

Das liegt auch an der Sprache.

Das altgriechische Wort galē, das in der Überlieferung verwendet wird, konnte je nach Zusammenhang sowohl mit Wiesel als auch mit Katze beziehungsweise einem ähnlichen kleinen Mäusejäger verbunden werden.

In späteren europäischen Fassungen wurde daraus immer häufiger eine Katze.

Das passt durchaus zum Alltag dieser Zeit: In europäischen Häusern war inzwischen die Katze der vertraute Mäusejäger.

Eine sehr alte Fabeltradition

Die Geschichte gehört zur sogenannten Äsop-Tradition.

Im Perry-Index, einem wissenschaftlichen Verzeichnis antiker und später überlieferter Äsop-Fabeln, wird sie unter der Nummer Perry 50 geführt.

Eine antike Fassung ist außerdem bei Babrius überliefert.

Wie bei vielen Fabeln, die Äsop zugeschrieben werden, bedeutet das allerdings nicht, dass wir einen Originaltext besitzen, den der historische Äsop persönlich geschrieben hätte.

Solche Geschichten wurden über lange Zeit weitererzählt, verändert und in unterschiedlichen Sammlungen schriftlich festgehalten.

Die Katze erobert die spätere Fassung

Über die Jahrhunderte verändert sich nicht nur das Tier.

Auch die Götter und die Rahmenhandlung wechseln.

In einer später verbreiteten englischen Version diskutieren beispielsweise Jupiter und Venus darüber, ob sich die Natur eines Lebewesens wirklich verändern lässt.

Jupiter verwandelt eine Katze in eine junge Frau.

Venus lässt schließlich die Maus erscheinen – und gewinnt damit die Diskussion.

Der Kern bleibt derselbe:

Äußere Veränderung bedeutet nicht automatisch innere Veränderung.

La Fontaine macht daraus endgültig eine Katze

Eine besonders bekannte spätere Bearbeitung stammt von Jean de La Fontaine.

Seine Fabel „La Chatte métamorphosée en femme“ erschien 1668.

Bei ihm ist die Hauptfigur eindeutig eine Katze.

Ein Mann liebt seine Katze so sehr, dass sie schließlich in eine Frau verwandelt wird und er sie heiratet.

Dann erscheinen Mäuse.

Und die vermeintlich vollständig verwandelte Frau kann ihren alten Jagdtrieb nicht vergessen.

La Fontaine bringt die Aussage sehr deutlich auf den Punkt:

Die Natur besitzt eine erstaunliche Kraft – und tief eingeprägte Eigenschaften lassen sich nicht einfach durch eine neue äußere Form auslöschen.

Was will uns die Fabel sagen?

Fabeln erzählen von Tieren, sprechen aber meistens über Menschen.

Die Verwandlung in eine schöne junge Frau steht deshalb weniger für eine tatsächliche Tierverwandlung als für eine grundlegende Frage:

Kann jemand allein dadurch ein anderer werden, dass sich sein Äußeres oder seine Lebensumstände verändern?

Die Antwort der alten Fabel fällt ziemlich eindeutig aus.

Bestimmte tief verankerte Neigungen verschwinden nicht unbedingt zusammen mit der äußeren Gestalt.

Heute würden wir diese Aussage natürlich nicht als wissenschaftliches Gesetz über Persönlichkeit verstehen.

Sie ist eine moralische und literarische Zuspitzung – genau das, wofür Fabeln bekannt sind.

Und warum ausgerechnet eine Maus?

Weil die Maus die perfekte Prüfung für die Geschichte ist.

Solange nichts Besonderes passiert, wirkt die Verwandlung vollständig.

Erst als der alte Jagdreiz auftaucht, zeigt sich die frühere Natur wieder.

In der Katzenfassung funktioniert dieses Bild natürlich besonders gut:

Neue Kleidung, neue Gestalt, neues Leben –

aber dann rennt eine Maus vorbei. 😅🐭🐱

Kurz & knapp

  • Die Fabel gehört zur alten Äsop-Tradition und wird als Perry 50 geführt.
  • In antiken Fassungen ist die Hauptfigur eher ein Wiesel beziehungsweise ein mit dem griechischen Begriff galē bezeichnetes Tier.
  • Spätere europäische Fassungen machten daraus zunehmend eine Katze.
  • Aphrodite verwandelt das Tier in eine Frau, doch eine Maus bringt seine ursprüngliche Jagdneigung wieder zum Vorschein.
  • Auch die beteiligten Gottheiten unterscheiden sich je nach Fassung.
  • Jean de La Fontaine veröffentlichte 1668 eine berühmte Katzenfassung.
  • Die Fabel handelt von der Frage, ob eine äußere Veränderung auch tief verwurzelte Eigenschaften verändert.

Neue Gestalt, alte Gewohnheit

Vielleicht ist gerade die lange Geschichte dieser Fabel so spannend.

Aus dem Wiesel wurde eine Katze.

Aus Aphrodite wurden in manchen Fassungen Venus und Jupiter.

Autoren erzählten die Geschichte immer wieder neu.

Und trotzdem blieb über Jahrhunderte dieselbe kleine Prüfung bestehen:

Eine Maus läuft vorbei – und plötzlich zeigt sich, was unter der neuen Oberfläche noch immer steckt. 🐱🐭

Quellen

Laura Gibbs / Oxford University Press – „Aphrodite and the Weasel“, Aesop’s Fables, Perry 50
Moderne Übersetzung der antiken Fabel nach Babrius. Enthält die Verwandlung des Wiesels durch Aphrodite und die Prüfung mit einer Maus.
https://www.mythfolklore.net/aesopica/oxford/350.htm

Folger Shakespeare Library – „What is an Aesopian fable in the Renaissance? The case of the Renaissance Catwoman“
Wissenschaftliche Einordnung der Überlieferung. Erklärt unter anderem, warum die ursprüngliche „Weasel Bride“ in späteren europäischen Fassungen zur Katze wurde und wie die sprachliche Mehrdeutigkeit von galē beziehungsweise fele dazu beitrug.
https://www.folger.edu/blogs/collation/aesopian-fable-catwoman/

Jean de La Fontaine – „La Chatte métamorphosée en Femme“
Die berühmte französische Katzenfassung der Fabel aus dem Jahr 1668.
https://fr.wikisource.org/wiki/La_Chatte_m%C3%A9tamorphos%C3%A9e_en_Femme_%28La_Fontaine%29

Joseph Jacobs – „The Cat-Maiden“, The Fables of Æsop
Spätere Fassung, in der Jupiter und Venus darüber streiten, ob sich die Natur eines Lebewesens verändern lässt. Die Katze wird zur Frau und verrät sich schließlich durch die Jagd auf eine Maus.
https://www.gutenberg.org/files/28/28-h/28-h.htm

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