Ein berühmtes Schriftstellerhaus, tropische Gärten, ein Swimmingpool – und überall Katzen.
Im Ernest Hemingway Home & Museum in Key West leben heute fast 60 Katzen.
Viele von ihnen besitzen ein besonders auffälliges Merkmal: zusätzliche Zehen.
Die sogenannten polydaktylen Katzen sind inzwischen fast genauso eng mit dem Haus verbunden wie Ernest Hemingway selbst.
Doch auch hier lohnt sich ein genauerer Blick – denn zwischen der bekannten Geschichte von Hemingways erster sechszehiger Katze und dem, was sich unabhängig historisch belegen lässt, gibt es einen kleinen Unterschied.
Wo liegt dieser besondere Katzenort?
Das Ernest Hemingway Home & Museum befindet sich in Key West im US-Bundesstaat Florida.
Das Haus wurde bereits 1851 errichtet.
Ernest und Pauline Hemingway bezogen es Anfang der 1930er-Jahre. Hemingway lebte dort während einer besonders produktiven Phase seines schriftstellerischen Lebens.
Heute ist das ehemalige Wohnhaus ein Museum – und seine tierischen Bewohner gehören ganz selbstverständlich dazu.
Fast 60 Katzen leben auf dem Gelände
Nach Angaben des Museums leben dort heute nahezu 60 Katzen.
Ungefähr die Hälfte von ihnen zeigt das auffällige polydaktyle Merkmal.
Das heißt:
Sie besitzen mehr Zehen als eine Katze normalerweise hat.
Eine gewöhnliche Katze hat in der Regel:
- fünf Zehen an jeder Vorderpfote
- und vier Zehen an jeder Hinterpfote.
Polydaktyle Katzen können zusätzliche Zehen besitzen – häufig an den Vorderpfoten, manchmal auch an den Hinterpfoten.
Dadurch sehen manche Pfoten aus, als hätte die Katze einen kleinen Daumen oder würde Fäustlinge tragen.
„Sechszehige Katzen“ ist eigentlich nur eine Kurzform
Die berühmten Tiere werden häufig als „six-toed cats“ – sechszehige Katzen bezeichnet.
Genau genommen bedeutet Polydaktylie aber nicht, dass jede betroffene Katze exakt sechs Zehen an jeder Pfote haben muss.
Die Anzahl und Anordnung der zusätzlichen Zehen kann unterschiedlich sein.
Polydaktylie ist ein erbliches Merkmal, das durch genetische Veränderungen beeinflusst wird.
Und sie ist keine eigene Katzenrasse.
Das Merkmal kann bei Katzen ganz unterschiedlicher Fellfarben und Körperformen vorkommen.
Woher kommen die Hemingway-Katzen?
Das Museum erzählt die Geschichte so:
Ein Schiffskapitän besaß eine ungewöhnliche sechszehige Katze und schenkte Hemingway schließlich eine weiße polydaktyle Katze namens Snow White.
Ein Teil der heute auf dem Grundstück lebenden Katzen soll von ihr abstammen.
Diese Geschichte ist inzwischen fester Bestandteil der Überlieferung des Hauses.
Das Museum zeigt sogar ein Foto von Hemingways Söhnen Patrick und Gregory mit Snow White.
Trotzdem ist bei der historischen Einordnung etwas Vorsicht sinnvoll.
Die direkte Abstammung jeder heutigen Museumskatze von genau dieser einen Katze lässt sich nicht wie ein lückenlos dokumentierter Stammbaum über Jahrzehnte zurückverfolgen.
Key West war außerdem schon lange eine Stadt mit vielen Katzen, und auch das Museum selbst weist darauf hin, dass aufgrund der Insellage zahlreiche Tiere miteinander verwandt sein könnten.
Katzen gehörten jedenfalls schon lange zum Hemingway-Haus
Dass polydaktyle Katzen schon seit vielen Jahrzehnten auf dem Grundstück leben, ist dagegen gut dokumentiert.
Im Archiv des Bundesstaates Florida finden sich beispielsweise Fotografien aus der Zeit um 1969 und 1970.
Sie zeigen mehrere Katzen am Hemingway-Haus, darunter ausdrücklich als polydaktyl bezeichnete Tiere.
Auf manchen Bildern liegen die Katzen am berühmten Swimmingpool oder auf der Veranda.
Die Katzenpopulation ist also keineswegs erst eine moderne Touristenidee.
Warum waren Katzen mit zusätzlichen Zehen bei Seeleuten bekannt?
Um polydaktyle Katzen ranken sich auch alte Seefahrerlegenden.
Sie galten mancherorts als Glücksbringer.
Außerdem wurde erzählt, ihre größeren oder breiteren Pfoten würden ihnen auf Schiffen besseren Halt geben und sie zu besonders guten Mäusefängern machen.
Solche Geschichten passen natürlich hervorragend zu einer Hafenstadt wie Key West.
Ob zusätzliche Zehen Katzen tatsächlich grundsätzlich zu besseren Schiffskatzen machen, ist jedoch nicht bewiesen.
Polydaktylie ist zunächst einmal ein erbliches körperliches Merkmal – keine besondere Ausbildung zum Seefahrer. 😅
Warum sieht man Polydaktylie gerade dort so häufig?
Polydaktylie kann vererbt werden.
Wenn sich ein solches Merkmal in einer vergleichsweise kleinen oder räumlich begrenzten Population befindet, kann es dort über Generationen auffällig häufig auftreten.
Genetische Untersuchungen zeigen, dass verschiedene Varianten in einem Regulationsbereich des LMBR1-Gens mit zusätzlichen Zehen bei Katzen verbunden sind.
Wie viele Zehen tatsächlich ausgebildet werden, kann trotzdem unterschiedlich sein.
Deshalb können polydaktyle Katzen sehr verschiedene Pfotenformen besitzen.
Die Katzen gehören heute fest zum Museum
Die Katzen leben nicht nur zufällig auf dem Grundstück.
Sie gehören heute sichtbar zum Museumsalltag.
Das Museum kümmert sich um ihre medizinische Versorgung, Parasitenvorsorge und Impfungen.
Auch bei ihren Namen wird eine Tradition gepflegt:
Die Katzen werden nach bekannten Persönlichkeiten benannt.
Auf der Website des Museums begegnet man deshalb Namen wie:
- Rita Hayworth,
- Howard Hughes,
- Shirley Temple
- oder – mit sehr passendem Wortspiel – Hairy Truman.
Haus, Garten, Pool und Katzen sind dadurch längst zu einer gemeinsamen Identität dieses Ortes geworden.
Polydaktylie ist meist keine Krankheit
Zusätzliche Zehen sehen ungewöhnlich aus, bedeuten aber nicht automatisch, dass eine Katze krank ist.
Bei der verbreiteten Form der Polydaktylie können Katzen damit normalerweise gut leben.
Trotzdem sollte man die zusätzlichen Krallen im Auge behalten.
Je nach Form und Position können einzelne Krallen schlechter abgenutzt werden oder leichter einwachsen.
Deshalb lohnt es sich bei polydaktylen Katzen, die Pfoten regelmäßig zu kontrollieren.
Nicht jede Hemingway-Katze hat sichtbar sechs Zehen
Das ist ein Punkt, der bei dem berühmten Namen leicht untergeht.
Nach Angaben des Museums zeigt ungefähr die Hälfte der dortigen Katzen die zusätzlichen Zehen deutlich.
Die anderen Katzen sehen an den Pfoten äußerlich zunächst ganz gewöhnlich aus.
„Die sechszehigen Katzen von Key West“ beschreibt deshalb eher die berühmte Besonderheit der Population als jede einzelne dort lebende Katze.
Mehr als nur eine Kuriosität
Gerade das macht diesen Ort für Katzenfreunde so interessant.
Hier treffen mehrere Geschichten aufeinander:
- die Literaturgeschichte Ernest Hemingways,
- die Geschichte eines historischen Hauses in Key West,
- Seefahrertraditionen rund um polydaktyle Katzen
- und eine echte Katzenpopulation, die bis heute auf dem Gelände lebt.
Die zusätzlichen Zehen sind dabei vermutlich das auffälligste Detail.
Der eigentliche Reiz des Ortes besteht aber darin, dass die Katzen längst selbst Teil seiner Geschichte geworden sind.
Kurz & knapp
- Das Ernest Hemingway Home & Museum befindet sich in Key West, Florida.
- Auf dem Gelände leben heute fast 60 Katzen.
- Ungefähr die Hälfte zeigt zusätzliche Zehen – sogenannte Polydaktylie.
- Polydaktylie ist keine eigene Katzenrasse.
- „Sechszehig“ bedeutet nicht, dass jede betroffene Katze exakt sechs Zehen besitzt.
- Das Museum führt seine Katzentradition auf eine weiße Katze namens Snow White zurück.
- Diese Ursprungsgeschichte gehört zur Überlieferung des Hauses; ein vollständig unabhängig belegter Stammbaum aller heutigen Katzen existiert nicht.
- Historische Archivaufnahmen dokumentieren polydaktyle Katzen am Hemingway-Haus bereits um 1969.
- Die Katzen werden bis heute betreut und gehören fest zum Museumsalltag.
Und Mo?
Mo würde an diesem Ort vermutlich zuerst die Pfoten zählen.
Mehr Zehen bedeuten aus seiner Sicht schließlich vor allem:
mehr Möglichkeiten, irgendwo äußerst elegant herumzulaufen. 🐾😅
Und wahrscheinlich würde er ziemlich schnell feststellen, dass er hier ausnahmsweise einmal nicht der einzige Kater ist, wegen dem Besucher stehen bleiben.
Quellen
Ernest Hemingway Home & Museum – „Our Cats“
Offizielle Informationen zur heutigen Katzenpopulation. Das Museum nennt fast 60 Katzen, beschreibt die Polydaktylie und die Überlieferung um Snow White sowie die heutige Namens- und Betreuungstradition.
https://www.hemingwayhome.com/our-cats
Ernest Hemingway Home & Museum – „His Life“
Offizielle Geschichte Hemingways in Key West und des Hauses. Beschreibt unter anderem den Einzug der Hemingways, das Anwesen und die überlieferte Geschichte vom Geschenk einer sechszehigen Katze durch einen Schiffskapitän.
https://www.hemingwayhome.com/his-life
Florida Memory – State Archives of Florida: „Polydactyl 6-toed cat at the Ernest Hemingway House and Museum“
Archivaufnahme aus der Zeit um 1969, die eine polydaktyle Katze am Hemingway-Haus dokumentiert.
https://www.floridamemory.com/items/show/335953
Florida Memory – „Cats by swimming pool at the Ernest Hemingway house museum“
Historische Aufnahme von etwa 1970 mit Katzen am Pool des Hemingway-Hauses. Die Archivbeschreibung nennt ausdrücklich die dortigen polydaktylen Katzen.
https://www.floridamemory.com/items/show/101181
Anderson H. et al. (2022): „Genetic epidemiology of blood type, disease and trait variants, and genome-wide genetic diversity in over 11,000 domestic cats“
Große genetische Untersuchung von Hauskatzen. Sie beschreibt verschiedene mit Polydaktylie verbundene Varianten sowie die unterschiedliche Ausprägung zusätzlicher Zehen.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9202916/

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