Mehrere Katzen unter einem Dach – was ein Mehrkatzenhaushalt wirklich braucht

Mehr Katzen bedeuten nicht automatisch mehr Harmonie.

Aber genauso wenig bedeutet ein Mehrkatzenhaushalt automatisch Stress und Streit.

Entscheidend ist vielmehr, welche Beziehungen die Katzen untereinander haben und ob jede von ihnen genug Raum, passende Ressourcen und Rückzugsmöglichkeiten findet.

Denn mehrere Katzen im selben Haus sind nicht automatisch eine einzige Freundesgruppe.

Nicht jede Katzengruppe ist eine Freundesgruppe

Katzen sind sozial flexibel.

Manche bauen enge Beziehungen zu anderen Katzen auf. Sie schlafen in Körperkontakt, putzen sich gegenseitig, reiben sich aneinander oder suchen bewusst die Nähe des anderen.

Solche Verhaltensweisen gelten als Hinweise auf eine freundschaftliche beziehungsweise affiliative Beziehung.

Andere Katzen leben dagegen jahrelang friedlich im selben Haushalt, ohne besonders eng miteinander verbunden zu sein.

Auch das ist völlig in Ordnung.

Katzen müssen keine besten Freunde sein, um gut zusammenleben zu können.

Die aktuellen AAFP-Leitlinien unterscheiden deshalb ausdrücklich zwischen eng verbundenen Katzen und Tieren, die sich lediglich gegenseitig tolerieren.

Mehrere soziale Gruppen können im selben Haus leben

Besonders in größeren Katzenhaushalten kann es vorkommen, dass sich innerhalb der Gruppe unterschiedliche Beziehungen bilden.

Vielleicht schlafen zwei Katzen regelmäßig zusammen, während eine dritte lieber allein ruht.

Eine andere Katze versteht sich möglicherweise mit beiden, sucht aber nur selten direkten Körperkontakt.

Das bedeutet nicht automatisch, dass etwas nicht stimmt.

Wichtig wird es bei der Gestaltung des Zuhauses:

Die vorhandenen Ressourcen sollten nicht voraussetzen, dass alle Katzen alles miteinander teilen möchten.

Getrennte Ressourcen sind besonders wichtig

Fünf Futternäpfe direkt nebeneinander sehen für uns nach fünf Futterplätzen aus.

Für Katzen können sie trotzdem wie eine einzige Ressource wirken.

Veterinärmedizinische Leitlinien empfehlen deshalb, wichtige Ressourcen im Mehrkatzenhaushalt mehrfach und räumlich verteilt anzubieten.

Dazu gehören:

  • Futterplätze,
  • Wasserstellen,
  • Katzentoiletten,
  • Kratzmöglichkeiten,
  • Schlafplätze,
  • erhöhte Plätze
  • und sichere Rückzugsorte.

Futter- und Wasserstellen können zusätzlich so platziert werden, dass Katzen einander beim Benutzen nicht ständig sehen müssen.

Solche räumlichen oder zumindest visuellen Trennungen geben einer Katze die Möglichkeit, eine Ressource zu nutzen, ohne dabei einer anderen Katze ausweichen zu müssen.

Warum ist Abstand so wichtig?

Eine Katze kann eine wichtige Ressource kontrollieren, ohne jemals zu fauchen oder zuzuschlagen.

Es reicht manchmal schon, dass sie:

  • im Türrahmen sitzt,
  • eine andere Katze anstarrt,
  • den Weg zur Toilette blockiert
  • oder regelmäßig in der Nähe eines bevorzugten Schlafplatzes liegt.

Die andere Katze weicht dann vielleicht einfach aus.

Von außen sieht das friedlich aus.

Tatsächlich hat aber eine Katze gelernt, dass sie bestimmte Bereiche besser meidet.

Spannung zwischen Katzen ist häufig leise

Genau deshalb wird soziale Spannung im Mehrkatzenhaushalt leicht übersehen.

Die AAFP spricht bewusst von „intercat tension“, also Spannung zwischen Katzen, weil Konflikte häufig sehr subtil auftreten.

Mögliche Hinweise sind beispielsweise:

  • anhaltendes Anstarren,
  • Blockieren von Wegen oder Ressourcen,
  • Ausweichen,
  • häufiges Verstecken,
  • eine Katze verlässt regelmäßig den Raum, sobald eine bestimmte andere Katze kommt,
  • einseitiges Hinterherlaufen oder Verfolgen
  • oder plötzlich eingeschränkte Nutzung bestimmter Räume.

Fauchen, Schlagen, Jagen und Kämpfen sind lediglich die auffälligeren Formen.

Sie fressen nebeneinander – also mögen sie sich?

Nicht unbedingt.

Dieser Schluss liegt nahe, ist aber problematisch.

Katzen können nebeneinander fressen, weil nur dort Futter angeboten wird.

Auch gemeinsam genutzte Schlafplätze beweisen nicht automatisch eine enge soziale Bindung, wenn attraktive Ruheplätze nur begrenzt vorhanden sind.

Deutlich aussagekräftiger sind freiwillige soziale Verhaltensweisen wie:

  • gegenseitiges Putzen,
  • aneinander Reiben,
  • Nase-an-Nase-Kontakt,
  • freiwilliges Schlafen in engem Körperkontakt
  • und gegenseitig gewünschtes Spiel.

Und auch wenn solche Verhaltensweisen fehlen, müssen die Katzen sich nicht automatisch schlecht verstehen.

Friedliche Toleranz ist ebenfalls ein gutes Ergebnis.

Jede Katze braucht etwas anderes

Ein guter Mehrkatzenhaushalt bedeutet deshalb nicht, für jede Katze exakt dasselbe bereitzustellen.

Alter, Gesundheit, Aktivitätslevel und Persönlichkeit spielen eine Rolle.

Ein junges Kitten möchte vielleicht mehr spielen und klettern.

Eine ältere Katze benötigt möglicherweise Ruheplätze, die ohne große Sprünge erreichbar sind.

Eine selbstbewusste Katze nutzt gern offene erhöhte Plätze.

Eine vorsichtigere Katze fühlt sich vielleicht in einer geschützten Höhle wohler.

Die AAFP-Leitlinien weisen ausdrücklich darauf hin, dass Katzen innerhalb einer Gruppe zwar alle gut versorgt werden müssen – ihre individuellen Bedürfnisse aber nicht identisch sind.

Mehr Platz bedeutet nicht nur mehr Quadratmeter

Auch eine Wohnung kann durch geschickte Gestaltung mehr nutzbaren Raum bieten.

Für Katzen zählt nämlich nicht nur die Bodenfläche.

Kratzbäume, Regalbretter, Fensterplätze und andere erhöhte Liegeflächen erweitern den nutzbaren Raum nach oben.

Gleichzeitig sind Rückzugsmöglichkeiten wichtig, in denen eine Katze nicht ständig mit den anderen interagieren muss.

Das Ziel ist nicht, jede Katze dauerhaft von den anderen zu trennen.

Sie sollte aber selbst entscheiden können, ob sie gerade Nähe oder Abstand möchte.

Wenn sich die Beziehungen plötzlich verändern

Auch Katzen, die jahrelang gut miteinander gelebt haben, können plötzlich Spannungen entwickeln.

Mögliche Auslöser sind beispielsweise:

  • Schmerzen oder Erkrankungen,
  • eine neu eingezogene Katze,
  • Veränderungen im Zuhause,
  • eine fremde Katze vor dem Fenster
  • oder ein veränderter Geruch nach einem Tierarztbesuch.

Wenn eine Katze plötzlich gereizter wird, sich stark zurückzieht oder eine langjährige Beziehung zwischen zwei Katzen deutlich kippt, sollte deshalb auch eine gesundheitliche Ursache abgeklärt werden.

Und bei uns?

Auch bei uns verteilen sich die Futterplätze inzwischen ganz selbstverständlich.

Die Kitten haben ihren Futterplatz im Wohnzimmer.

Mo, Merle und Lilith fressen in der Küche – und die vier draußen eben draußen.

Das ist kein allgemeiner Plan für jeden Mehrkatzenhaushalt.

Aber genau darum geht es:

Die Aufteilung sollte zur jeweiligen Katzengruppe, ihrem Alltag und ihren Beziehungen passen.

Kurz & knapp

  • Mehrere Katzen im selben Haushalt bilden nicht automatisch eine einzige soziale Gruppe.
  • Enge Katzenfreunde zeigen häufig gegenseitiges Putzen, Reiben und Schlafen in Körperkontakt.
  • Friedliches Nebeneinander ohne enge Freundschaft ist ebenfalls völlig in Ordnung.
  • Wichtige Ressourcen sollten mehrfach und möglichst räumlich getrennt angeboten werden.
  • Nebeneinander fressen beweist keine Freundschaft.
  • Spannungen zeigen sich häufig durch Anstarren, Blockieren, Ausweichen oder Rückzug – nicht erst durch Kämpfe.
  • Alter, Gesundheit, Temperament und individuelle Vorlieben verändern die Bedürfnisse einer Katze.
  • Ein guter Mehrkatzenhaushalt bietet nicht alles für alle an einem Ort, sondern passende Möglichkeiten für jede Katze.

Mehr Katzen bedeuten vor allem mehr unterschiedliche kleine Persönlichkeiten unter einem Dach.

Und wenn jede davon genügend Möglichkeiten für Nähe, Abstand und eigene Entscheidungen bekommt, kann daraus ein ziemlich entspanntes Zusammenleben werden. 🐱❤️

Quellen

Rodan I. et al. (2024): „2024 AAFP Intercat Tension Guidelines: Recognition, Prevention and Management“ – Journal of Feline Medicine and Surgery.
Aktuelle umfassende Leitlinie zum Zusammenleben mehrerer Katzen. Behandelt unter anderem soziale Gruppen, subtile Anzeichen von Spannung, individuelle Bedürfnisse und die räumliche Trennung wichtiger Ressourcen.
https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/1098612X241263465

Feline Veterinary Medical Association – 2024 Intercat Tension Guidelines
Offizielle Informationsseite zur aktuellen Leitlinie mit Materialien für Mehrkatzenhaushalte und zur Erkennung und Vorbeugung sozialer Spannungen.
https://catvets.com/resource/2024-intercat-tension-guidelines/

Ellis S. L. H. et al. (2013): „AAFP and ISFM Feline Environmental Needs Guidelines“ – Journal of Feline Medicine and Surgery.
Grundlegende Leitlinie zur katzengerechten Umgebung. Beschreibt unter anderem soziale Gruppen, affiliatives Verhalten und die Bedeutung mehrfach vorhandener, räumlich verteilter Ressourcen.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11383066/

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