Ein armer Junge besitzt nur eine einzige Katze.
Er schickt sie auf einem Handelsschiff in die Ferne – und dort soll sie eine gewaltige Rattenplage beseitigen.
Die Katze wird so wertvoll, dass ihr Besitzer ein Vermögen verdient und später sogar Bürgermeister von London wird.
So wird die Geschichte von Dick Whittington und seiner Katze seit Jahrhunderten erzählt.
Das Spannende daran: Richard Whittington gab es wirklich. Er war reich, erfolgreich und mehrfach Bürgermeister von London.
Nur die Katze, die ihn angeblich reich machte, gehört sehr wahrscheinlich zur Legende.
Die berühmte Geschichte
In der bekanntesten Fassung ist Dick Whittington ein mittelloser Junge, der nach London kommt, um dort sein Glück zu suchen.
Sein wertvollster Besitz ist eine Katze.
Als Kaufleute Waren auf ein Schiff laden, darf auch Dick etwas für eine Handelsreise beisteuern. Da er sonst nichts besitzt, gibt er seine Katze mit.
In einem fernen Land soll das Tier auf eine große Ratten- und Mäuseplage treffen.
Die Katze erweist sich als so hervorragende Jägerin, dass man für sie einen hohen Preis bezahlt.
Dick erhält seinen Anteil am Gewinn, wird wohlhabend und steigt schließlich zum Bürgermeister von London auf.
Eine kleine Katze als Beginn einer großen Karriere – eine ziemlich perfekte Geschichte.
Historisch sieht die Sache allerdings anders aus.
Richard Whittington war eine echte Person
Richard Whittington lebte ungefähr von 1350 bis 1423.
Und tatsächlich wurde er zu einem der erfolgreichsten Männer des spätmittelalterlichen London.
Er war:
- ein erfolgreicher Kaufmann,
- Mitglied der Londoner Mercers‘ Company,
- Händler mit hochwertigen Stoffen,
- Finanzier des englischen Königshauses
- und mehrfach Bürgermeister von London.
Die City of London führt ihn für die Amtszeiten 1397, 1398, 1406 und 1419.
Whittington lieh außerdem den Königen Richard II., Heinrich IV. und Heinrich V. mehrfach Geld.
Er gehörte damit tatsächlich zur wirtschaftlichen und politischen Elite Londons.
Aber er war kein bettelarmer Waisenjunge
Genau hier beginnt die Legende bereits von seinem wirklichen Leben abzuweichen.
Whittington stammte nicht aus bitterer Armut.
Er wurde in eine wohlhabende Familie hineingeboren und kam als junger Mann nach London, um Kaufmann zu werden.
Sein Vermögen entstand durch Handel und seine geschäftlichen Beziehungen – nicht nachweislich durch den Verkauf einer Katze.
Der echte Richard Whittington war also durchaus ein beeindruckender Aufsteiger.
Nur die klassische Geschichte vom völlig mittellosen Jungen macht seinen Weg deutlich dramatischer.
Und was ist mit der berühmten Katze?
Aus Whittingtons eigener Lebenszeit ist keine Quelle bekannt, die erzählt, dass eine Katze sein Vermögen begründet hätte.
Wir können nicht einmal sicher sagen, ob Richard Whittington überhaupt eine Katze besaß.
Natürlich könnte er eine gehabt haben – Katzen waren im mittelalterlichen London keineswegs unbekannt.
Aber:
Für die berühmte Handelsreise seiner Katze gibt es keinen zeitgenössischen historischen Beleg.
Die Katzengeschichte taucht erst viel später auf
Richard Whittington starb 1423.
Die frühesten heute erhaltenen Hinweise auf die bekannte Katzenlegende stammen dagegen erst aus dem frühen 17. Jahrhundert.
Im Februar 1605 wurde ein Theaterstück über Richard Whittington im Londoner Stationers‘ Register eingetragen.
Noch im selben Jahr wurde außerdem eine Ballade über sein Leben registriert.
Besonders spannend ist das Theaterstück Eastward Ho! von George Chapman, Ben Jonson und John Marston aus dem Jahr 1605.
Darin wird bereits von der „famous fable of Whittington and his Puss“ gesprochen – also von der berühmten Fabel über Whittington und seine Katze.
Die Geschichte muss zu diesem Zeitpunkt also bereits bekannt gewesen sein.
Zwischen Whittingtons Leben und den frühesten erhaltenen Hinweisen auf die Katzenlegende liegen allerdings fast zwei Jahrhunderte.
Schon 1605 wurde bezweifelt, dass die Geschichte stimmt
Noch interessanter ist eine weitere zeitgenössische Anspielung.
In Thomas Heywoods Stück If You Know Not Me, You Know Nobody wird Whittingtons wirkliche Karriere beschrieben.
Eine Figur erzählt anschließend die Geschichte, er habe sein Vermögen mit einer Katze gemacht.
Darauf folgt sinngemäß die Antwort:
Damit tue man dem Gentleman Unrecht.
Schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts standen sich also offenbar zwei Richard Whittingtons gegenüber:
der erfolgreiche historische Kaufmann – und der Held einer beliebten Katzengeschichte.
Die Geschichte war wahrscheinlich älter als ihre Verbindung zu Whittington
Auch die Grundidee der Erzählung war nicht einzigartig.
Geschichten, in denen eine Katze in einem von Nagetieren geplagten Land großen Wert erlangt und ihrem Besitzer Reichtum bringt, sind aus verschiedenen europäischen und orientalischen Erzähltraditionen bekannt.
Ähnliche Motive existierten unabhängig von Richard Whittington.
Wann genau eine solche Erzählung erstmals mit dem Londoner Kaufmann verbunden wurde, lässt sich heute nicht sicher rekonstruieren.
Möglicherweise passte die Geschichte einfach besonders gut zu einem Mann, der bereits als außergewöhnlich erfolgreicher Londoner Kaufmann bekannt war.
Warum blieb ausgerechnet diese Version erhalten?
Weil sie natürlich wesentlich schöner zu erzählen ist als:
„Ein gut ausgebildeter Kaufmann machte mit Textilien und Finanzgeschäften Karriere.“ 😅
Die Legende besitzt alles, was eine gute Geschichte braucht:
- einen armen Helden,
- eine Reise,
- eine clevere Katze,
- eine überraschende Wendung
- und den Aufstieg vom Niemand zum Bürgermeister.
Im Laufe des 17. Jahrhunderts wurde die Geschichte in Balladen, Büchern, Theaterstücken und später Puppenspielen immer wieder neu erzählt.
Schließlich wurde sie zu einer der bekanntesten Londoner Legenden.
Bis heute gehört Dick Whittington and His Cat zu den klassischen britischen Weihnachts-Pantomimen.
Der echte Whittington braucht die Katze eigentlich gar nicht
Die historische Person ist auch ohne das berühmte Tier ziemlich bemerkenswert.
Whittington nutzte sein Vermögen nicht nur für sich selbst.
Er finanzierte und unterstützte unter anderem öffentliche Einrichtungen, Armenfürsorge und Bauprojekte in London.
Nach seinem kinderlosen Tod floss ein großer Teil seines Vermögens in wohltätige Zwecke.
Mit seinem Nachlass wurde unter anderem die erste Bibliothek am Londoner Guildhall unterstützt, die 1425 entstand.
Sein Name blieb also schon ohne Katzenlegende über Jahrhunderte mit London verbunden.
Wahr oder Miau?
Richard Whittington gab es wirklich?
Wahr.
Er wurde ein sehr wohlhabender Londoner Kaufmann?
Wahr.
Er war mehrfach Bürgermeister von London?
Wahr.
Er begann als völlig mittelloser Waisenjunge?
Miau.
Eine Katze wurde auf Handelsreise geschickt und machte ihn reich?
Dafür gibt es keinen historischen Beleg.
Seine Katze beseitigte in einem fernen Land eine Rattenplage?
Miau.
Die Katzengeschichte wurde erst lange nach Whittingtons Lebenszeit greifbar?
Wahr.
Kurz & knapp
- Richard Whittington lebte ungefähr von 1350 bis 1423.
- Er war ein erfolgreicher Kaufmann, königlicher Finanzier und mehrfach Bürgermeister von London.
- Er stammte nicht aus bitterer Armut.
- Aus seiner Lebenszeit gibt es keinen Beleg für die berühmte Katze.
- Die frühesten erhaltenen Hinweise auf die Katzenlegende stammen aus dem Jahr 1605.
- Schon damals wurde sie als bekannte Fabel bezeichnet.
- Ähnliche Erzählungen über Katzen, die ihren Besitzern Reichtum bringen, existierten auch unabhängig von Whittington.
- Der historische Kern ist also echt – die Katze gehört sehr wahrscheinlich zur späteren Legende.
Und Mo?
Eine einzige Handelsreise antreten, irgendwo eine Rattenplage erledigen und anschließend ein Vermögen nach Hause schicken?
Mo würde diese Version der Geschichte vermutlich für vollkommen realistisch halten.
Zumindest solange jemand anderes das Schiff fährt. 😅🐱
Und vielleicht ist das genau der Grund, warum die Geschichte von Dick Whittington und seiner Katze so lange überlebt hat:
Richard Whittington war ein echter außergewöhnlicher Mensch – aber mit einer Katze wurde seine Geschichte einfach noch besser.
Quellen
City of London Corporation – The Mayoralty: Richard (Dick) Whittington
Offizielle Informationen zu Whittingtons Herkunft, seiner Karriere als Kaufmann und königlicher Finanzier sowie seinen Amtszeiten als Bürgermeister von London.
City of London / Guildhall Library – „Whittington: The Man, The Myth and The Cat“
Ausstellung zur historischen Person Richard Whittington und zur späteren Entstehung der bekannten Geschichte vom armen Jungen und seiner Katze.
London Museum – „The Lord Mayors of London“
Historische Einordnung Whittingtons als Sohn einer wohlhabenden Familie, Stoffhändler und erfolgreicher Londoner Kaufmann sowie zur späteren Verbindung seiner Biografie mit der Katzengeschichte.
Folger Shakespeare Library – Lost Plays Database: „Richard Whittington“
Dokumentiert die frühesten erhaltenen Hinweise auf die Legende um Whittington und seine Katze, darunter das 1605 registrierte Theaterstück und die zeitgenössischen Anspielungen in Eastward Ho! und If You Know Not Me, You Know Nobody.
Chapman, George; Jonson, Ben; Marston, John – „Eastward Ho!“ (1605)
Zeitgenössisches Theaterstück, in dem Whittington und seine Katze bereits ausdrücklich als bekannte Fabel erwähnt werden.

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