Das Dogma der schwarzen Katze – Wie wurde aus einer Katze ein Symbol des Bösen?

Schwarze Katzen gelten bis heute mancherorts als Unglücksbringer.

Sie tauchen neben Hexen auf, gehören zu Halloween und sollen angeblich Pech bringen, wenn sie den Weg kreuzen.

Doch dieses Bild entstand nicht über Nacht – und es wäre zu einfach, seine Entstehung auf einen einzigen Papst oder ein einziges mittelalterliches Dokument zurückzuführen.

Die Geschichte der schwarzen Katze ist vielmehr eine Geschichte darüber, wie sich religiöse Vorstellungen, Aberglaube und kulturelle Bilder über Jahrhunderte miteinander vermischten.

Waren Katzen im Mittelalter grundsätzlich verhasst?

Nein.

Das Mittelalter dauerte viele Jahrhunderte und umfasste sehr unterschiedliche Regionen, Gesellschaften und Vorstellungen.

Katzen waren im Alltag durchaus nützlich. Sie jagten Mäuse und andere kleine Tiere, die Lebensmittelvorräte bedrohten.

Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass Menschen Katzen auch als Gefährten hielten und durchaus Zuneigung zu ihnen entwickelten.

Mittelalterliche Texte und Illustrationen zeigen deshalb kein einheitliches Bild.

Die Katze konnte gleichzeitig:

  • nützliche Mäusejägerin,
  • Haustier,
  • Figur in Geschichten
  • und Symbol für etwas Unheimliches oder Dämonisches sein.

Das passt nicht besonders gut zu der einfachen Vorstellung, im Mittelalter hätten plötzlich alle Menschen Katzen gehasst.

Warum gerieten Katzen überhaupt in Verbindung mit dem Bösen?

Katzen besitzen einige Eigenschaften, die Menschen leicht mit Geheimnisvollem verbinden konnten.

Sie bewegen sich leise, sind auch in der Dämmerung aktiv, ihre Augen reflektieren Licht und sie lassen sich deutlich weniger kontrollieren als viele andere Haustiere.

Solche Eigenschaften bekamen in Geschichten und religiösen Vorstellungen unterschiedliche Bedeutungen.

Ab dem Hoch- und Spätmittelalter wurden Katzen in europäischen Darstellungen zunehmend auch mit Sünde, Häresie, Magie oder dem Teufel verbunden.

Das bedeutete jedoch nicht, dass jede reale Katze als dämonisch angesehen wurde.

1233: Was stand wirklich in „Vox in Rama“?

Besonders häufig wird ein päpstliches Schreiben aus dem Jahr 1233 genannt.

Papst Gregor IX. ließ damals mehrere Fassungen eines Schreibens verbreiten, das heute unter dem Namen Vox in Rama bekannt ist.

Darin ging es nicht um Katzenhaltung.

Beschrieben wurde eine angebliche ketzerische beziehungsweise teufelsverehrende Gruppe in Deutschland.

In der Schilderung eines vermeintlichen Aufnahmerituals taucht tatsächlich eine schwarze Katze auf.

Sie wird innerhalb dieses angeblichen Rituals mit dämonischen Vorstellungen verbunden.

Damit haben wir ein historisches Dokument, in dem eine schwarze Katze ausdrücklich in einem stark negativ-religiösen Zusammenhang erscheint.

Hat der Papst deshalb befohlen, alle Katzen zu töten?

Nein.

Genau an dieser Stelle wird die Geschichte im Internet häufig wesentlich dramatischer erzählt, als es die Quelle hergibt.

In Vox in Rama steht kein allgemeiner Befehl, Katzen oder schwarze Katzen auszurotten.

Das Schreiben richtet sich gegen die angeblichen Teilnehmer der beschriebenen Häresie – nicht gegen die europäische Katzenpopulation.

Die Behauptung

„Papst Gregor IX. erklärte Katzen 1233 für böse und ordnete ihre Vernichtung an“

ist deshalb historisch so nicht haltbar.

War „Vox in Rama“ trotzdem bedeutungslos für das Katzenbild?

Auch das wäre zu einfach.

Das Dokument zeigt sehr deutlich, dass Katzen – und ausdrücklich eine schwarze Katze – bereits im 13. Jahrhundert innerhalb religiöser Vorstellungen als Teil eines angeblich dämonischen Rituals dargestellt werden konnten.

Solche Bilder entstanden nicht ausschließlich durch dieses eine Schreiben und verschwanden danach auch nicht wieder.

Über die folgenden Jahrhunderte wurden Katzen immer wieder mit Magie, Hexerei, Teufelsvorstellungen und dem Übernatürlichen verbunden.

Besonders im späteren Mittelalter und in der Frühen Neuzeit wurden diese Verbindungen stärker sichtbar.

Und wie kam die Katze zur Hexe?

Die Vorstellung von sogenannten Vertrautengeistern oder „familiars“ spielte später besonders in europäischen Hexereivorstellungen eine Rolle.

Dabei konnten Tiere als Begleiter oder übernatürliche Helfer einer vermeintlichen Hexe verstanden werden.

Katzen gehörten zu diesen Tieren – waren aber keineswegs die einzigen.

Auch Hunde, Kröten, Hasen oder andere Tiere konnten in solchen Vorstellungen auftreten.

Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Katze jedoch zu einem der bekanntesten Symbole.

Die schwarze Katze passte durch ihre dunkle Fellfarbe besonders gut in spätere Bildwelten von Nacht, Magie und dem Unheimlichen.

Hat die Katzenverfolgung die Pest verursacht?

Auch diese Geschichte wird häufig erzählt:

Die Kirche habe Katzen ausrotten lassen, dadurch hätten sich Ratten stark vermehrt – und deshalb sei der Schwarze Tod besonders verheerend gewesen.

So eindeutig lässt sich das historisch nicht belegen.

Es gibt keinen gesicherten Nachweis für eine europaweite, durch Vox in Rama ausgelöste Vernichtung der Katzenbestände.

Damit fehlt bereits eine entscheidende Voraussetzung für diese einfache Erklärung.

Auch die Ausbreitung der mittelalterlichen Pest war wesentlich komplexer, als die Formel „weniger Katzen = mehr Ratten = Pest“ vermuten lässt.

Die Behauptung sollte deshalb nicht als gesicherte historische Tatsache weitergegeben werden.

Schwarze Katze gleich Unglück?

Selbst das ist kulturell keineswegs einheitlich.

Während schwarze Katzen in manchen Regionen mit Unglück verbunden wurden, galten und gelten sie andernorts sogar als Glücksbringer.

Aus England sind beispielsweise Traditionen bekannt, in denen eine schwarze Katze ausdrücklich für Glück oder Schutz steht.

Während des Ersten Weltkriegs wurden dort sogar schwarze Katzen als Glücksamulette getragen.

Das zeigt sehr schön:

Nicht die Katze trägt eine Bedeutung in sich – Menschen geben ihr diese Bedeutung.

Warum hält sich das Bild trotzdem so hartnäckig?

Weil Symbole erstaunlich langlebig sein können.

Jahrhundertealte Vorstellungen von Hexerei und Magie wanderten in Literatur, Kunst und später in Filme, Halloween-Dekorationen und moderne Popkultur.

Die schwarze Katze wurde dadurch immer wieder zusammen mit:

  • Hexen,
  • Vollmond,
  • Magie,
  • Unglück
  • und dem Übernatürlichen

dargestellt.

Aus einer historischen Vorstellung wurde ein kulturelles Bild – und irgendwann wirkt ein solches Bild so selbstverständlich, dass kaum noch jemand fragt, woher es eigentlich stammt.

Ein kleines Wort zum „Dogma“

Der Titel dieses Beitrags ist bewusst etwas zugespitzt.

Es gab kein kirchliches Dogma mit dem Inhalt:

„Schwarze Katzen sind böse.“

Vielmehr entstand das negative Bild aus vielen verschiedenen religiösen, kulturellen und volkstümlichen Vorstellungen.

Vox in Rama ist ein spannendes Puzzlestück dieser Geschichte – aber nicht ihr alleiniger Ursprung.

Kurz & knapp

  • Katzen waren im Mittelalter nicht grundsätzlich verhasst.
  • Sie wurden als Mäusejäger genutzt und konnten auch Haustiere sein.
  • Gleichzeitig tauchten Katzen zunehmend in Vorstellungen vom Dämonischen und Unheimlichen auf.
  • In Vox in Rama von 1233 erscheint eine schwarze Katze in der Beschreibung eines angeblich dämonischen Rituals.
  • Das Schreiben enthält keinen allgemeinen Befehl, Katzen zu töten.
  • Eine europaweite Katzenvernichtung als Ursache der Pest ist historisch nicht gesichert.
  • Das Bild der schwarzen Katze als Hexen- oder Unglückssymbol entwickelte sich über Jahrhunderte.
  • In anderen Traditionen gelten schwarze Katzen sogar als Glücksbringer.

Nicht die Katze war böse

Schwarze Katzen wurden nicht mit einer besonderen Fähigkeit geboren, Unglück zu bringen.

Menschen machten sie über Jahrhunderte zu einem Symbol ihrer religiösen Vorstellungen, Ängste und Geschichten.

Und genau deshalb lohnt sich der Blick zurück:

Hinter einem scheinbar uralten „Aberglauben“ steckt häufig eine viel kompliziertere Geschichte.

Die schwarze Katze war dabei einfach nur eine Katze.

Und wahrscheinlich wollte Erwin sowieso nur irgendwohin. 🐈‍⬛❤️

Quellen

Monumenta Germaniae Historica – Vox in Rama
Historische Edition des päpstlichen Schreibens von 1233. Der Text beschreibt eine angebliche häretische Zeremonie, in der eine schwarze Katze vorkommt; ein allgemeiner Befehl zur Tötung von Katzen ist darin nicht enthalten.
Carl Rodenberg (Hrsg.): Epistolae saeculi XIII e regestis pontificum Romanorum selectae, MGH Epistolae saeculi XIII, Bd. 1, S. 432 ff.
https://www.dmgh.de/

British Library – „A useful companion for a scholar: cats in the Middle Ages“
Beispiele für Katzen als Mäusejäger, Begleiter und Haustiere im mittelalterlichen Europa und damit für ein deutlich vielfältigeres Katzenbild als die Vorstellung einer allgemeinen Ablehnung.
https://www.bl.uk/stories/blogs/posts/a-useful-companion-for-a-scholar-cats-in-the-middle-ages

British Library – „Cats in Medieval Manuscripts“
Überblick über die unterschiedlichen Rollen mittelalterlicher Katzen: Haustier, Mäusejäger, literarische Figur, magisches Tier und teilweise Begleiter des Teufels.
https://shop.bl.uk/products/cats-in-medieval-manuscripts-new-edition

Universidad Complutense de Madrid – Base de Datos Digital de Iconografía Medieval: „Gato“
Wissenschaftliche Übersicht zur Katze in der mittelalterlichen Bildsprache. Beschrieben wird unter anderem die zunehmende negative Symbolik ab dem Hochmittelalter und die spätere Verbindung mit Hexerei und Satanismus.
https://www.ucm.es/bdiconografiamedieval/gato

Science Museum Group – Schwarze Katze als Glücksamulett, 1914–1918
Historisches Beispiel dafür, dass schwarze Katzen keineswegs überall als Unglückssymbole galten. Ein britischer Soldat trug eine schwarze Katze als Schutz- und Glücksamulett.
https://collection.sciencemuseumgroup.org.uk/objects/co103795/paper-amulet-in-the-shape-of-a-black-cat-england-1914-1918

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