Der gestiefelte Kater – ein berühmtes Märchen, das älter ist als die Brüder Grimm

Ein Müllerssohn erbt nach dem Tod seines Vaters ausgerechnet den Kater.

Während seine Brüder Mühle und Esel bekommen, scheint für ihn zunächst wenig übrig zu bleiben.

Doch der Kater verlangt ein Paar Stiefel und einen Sack – und beginnt anschließend, das Schicksal seines Herrn ziemlich energisch selbst in die Pfoten zu nehmen.

„Der gestiefelte Kater“ gehört heute zu den bekanntesten europäischen Märchen.

Aber erfunden haben es die Brüder Grimm nicht.

Was passiert im Märchen?

Der Kater nutzt vor allem eines: seine Klugheit.

Er fängt Wild und bringt es dem König als angebliches Geschenk seines Herrn, den er kurzerhand zu einem vornehmen Adeligen erklärt.

In der besonders bekannten französischen Fassung nennt er ihn den Marquis de Carabas.

Schritt für Schritt lässt der Kater den König glauben, sein mittelloser Herr besitze große Ländereien und beträchtlichen Reichtum.

Schließlich überlistet er sogar einen mächtigen Zauberer, bringt dessen Schloss in die Hände seines Herrn und ebnet ihm damit den Weg zu Wohlstand und einer königlichen Hochzeit.

Der eigentliche Motor der Geschichte ist damit nicht der Müllerssohn.

Es ist der Kater.

Die Geschichte ist älter als die Brüder Grimm

Die Brüder Grimm veröffentlichten ihre Fassung 1812.

Verwandte Geschichten waren zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits seit Jahrhunderten bekannt.

Eine der frühesten schriftlich überlieferten Fassungen stammt vom italienischen Schriftsteller Giovanni Francesco Straparola.

Seine Geschichte von Costantino und seiner hilfreichen Katze erschien im 16. Jahrhundert in der Sammlung Le piacevoli notti.

Sie enthält bereits viele Motive, die später für den gestiefelten Kater typisch wurden:

  • einen armen jungen Mann,
  • eine ungewöhnlich kluge Katze,
  • Täuschungen über Reichtum und gesellschaftlichen Rang
  • und schließlich den sozialen Aufstieg ihres Herrn.

Die Katze trägt dort allerdings noch nicht einfach dieselbe Rolle und Ausstattung wie in der später berühmten Version.

Auch Giambattista Basile kannte eine ähnliche Geschichte

Im 17. Jahrhundert veröffentlichte der neapolitanische Autor Giambattista Basile im Pentamerone die Geschichte von Cagliuso.

Auch darin sorgt eine Katze mit List dafür, dass ein armer Mann reich und angesehen wird.

Die verschiedenen Fassungen zeigen:

Es gab nicht plötzlich einen einzelnen Autor, der den gestiefelten Kater vollständig erfand.

Der Stoff entwickelte sich über längere Zeit aus einer ganzen Familie verwandter Erzählungen.

1697: Charles Perrault prägt den Kater, den wir heute kennen

Besonders einflussreich wurde die französische Fassung von Charles Perrault.

Sie erschien 1697 unter dem Titel Le Maître Chat ou le Chat botté – „Der Meisterkater oder der gestiefelte Kater“.

Hier finden sich viele Elemente, die wir heute unmittelbar mit der Geschichte verbinden:

  • die Stiefel,
  • der Sack,
  • der Marquis de Carabas,
  • die Geschenke an den König,
  • die vorgetäuschten Besitztümer
  • und der Zauberer, der sich schließlich in eine Maus verwandelt und vom Kater gefressen wird.

Perraults Version wurde ausgesprochen populär und verbreitete sich weit über Frankreich hinaus.

Und was machten die Brüder Grimm daraus?

Die Brüder Grimm nahmen „Der gestiefelte Kater“ 1812 als Nummer 33 in die erste Ausgabe ihrer Kinder- und Hausmärchen auf.

Ihre Quelle war Jeanette Hassenpflug.

Allerdings bemerkten die Grimms selbst die große Nähe zur französischen Fassung Perraults.

Deshalb verschwand das Märchen bereits aus der zweiten Ausgabe der Sammlung.

In den späteren Anmerkungen erklärten die Brüder ausdrücklich, dass die Fassung wegen ihrer offensichtlichen Abhängigkeit von Perraults Chat botté ausgeschlossen worden war.

Ausgerechnet eines der heute besonders häufig mit den Brüdern Grimm verbundenen Märchen gehörte also nur sehr kurz zu ihrer eigentlichen Sammlung.

Warum gilt es trotzdem oft als Grimm-Märchen?

Die erste Grimm-Ausgabe von 1812 trug erheblich zur Bekanntheit der deutschen Fassung bei.

Spätere Märchenausgaben, Kinderbücher und Bearbeitungen verbanden die Geschichte weiterhin mit den Grimms.

So blieb die Zuordnung im allgemeinen Bewusstsein bestehen – obwohl die Brüder selbst das Märchen aus ihrer Sammlung entfernten.

Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie kompliziert die Herkunft berühmter Märchen manchmal sein kann.

Der Kater ist ein ziemlich ungewöhnlicher Märchenheld

Er ist mutig, erfinderisch und seinem Herrn nützlich.

Besonders ehrlich ist er allerdings nicht.

Fast sein gesamter Erfolg beruht auf:

  • geschickter Täuschung,
  • erfundenem gesellschaftlichem Status,
  • Drohungen gegenüber den Menschen auf den Feldern
  • und der Überlistung des Zauberers.

Damit unterscheidet er sich von vielen Märchenfiguren, die für Fleiß, Güte oder moralisches Verhalten belohnt werden.

Der gestiefelte Kater gewinnt vor allem deshalb, weil er seine Umgebung besser durchschaut als alle anderen.

Und die Moral?

Bei Charles Perrault gehört die Moral ausdrücklich zur Geschichte.

Sie ist allerdings nicht ganz eindeutig.

Einerseits legt sie nahe, dass Geschick, Fleiß und Einfallsreichtum manchmal wertvoller sein können als ein großes Erbe.

Andererseits spielt Perrault ironisch damit, wie sehr äußeres Auftreten, Kleidung und vermeintlicher gesellschaftlicher Rang beeinflussen können, wie ein Mensch wahrgenommen wird.

Aus heutiger Sicht bleibt dabei natürlich ein kleiner Haken:

Der Kater erreicht fast alles durch Täuschung.

Ein klassisches „Sei immer ehrlich und gut“-Märchen ist das also eher nicht. 😅

Kurz & knapp

  • „Der gestiefelte Kater“ ist älter als die Brüder Grimm.
  • Verwandte Katzenmärchen finden sich bereits im Italien des 16. und 17. Jahrhunderts bei Straparola und Basile.
  • Die besonders prägende Fassung stammt von Charles Perrault aus dem Jahr 1697.
  • Die Brüder Grimm nahmen das Märchen 1812 in ihre erste Sammlung auf.
  • Ab der zweiten Ausgabe war es nicht mehr enthalten.
  • Grund dafür war nach den Grimm’schen Anmerkungen die starke Abhängigkeit von Perraults französischer Fassung.
  • Der Kater siegt vor allem durch Klugheit, Auftreten und ziemlich viel Täuschung.

Ein Kater mit erstaunlich langer Karriere

Seit Jahrhunderten erzählt man Geschichten von einem Kater, der seinem mittellosen Herrn zu Reichtum und Ansehen verhilft.

Die Namen, Details und Fassungen änderten sich.

Der schlaue Kater blieb.

Vielleicht ist genau das sein Erfolgsrezept:

Er wartet nicht darauf, dass das Märchen gut ausgeht – er sorgt selbst dafür. 😼👢

Quellen

Brüder Grimm – „Der gestiefelte Kater“, Kinder- und Hausmärchen, Erstausgabe 1812
Originalfassung des Märchens aus der ersten Grimm-Ausgabe sowie die Grimm’schen Hinweise auf ältere Fassungen von Perrault, Basile und Straparola.
https://de.wikisource.org/wiki/Der_gestiefelte_Kater_%281812%29

Bolte, Johannes / Polívka, Jiří – Anmerkungen zu „Der gestiefelte Kater“
Die historischen Anmerkungen halten ausdrücklich fest, dass das Märchen ab der zweiten Auflage wegen seiner offensichtlichen Abhängigkeit von Charles Perraults Fassung aus den Kinder- und Hausmärchen ausgeschlossen wurde.
https://de.wikisource.org/wiki/Anmerkungen_zu_den_Kinder-_und_Hausm%C3%A4rchen_der_Br%C3%BCder_Grimm_I/Der_gestiefelte_Kater

D. L. Ashliman, University of Pittsburgh – „Puss in Boots: Folktales of Type 545B“
Vergleichende Sammlung verschiedener internationaler Fassungen des Märchentyps, darunter Straparola, Basile, Perrault und die Brüder Grimm.
https://sites.pitt.edu/~dash/type0545b.html

Bedi, Manfred / Visschers, Marijke – „Der Gestiefelte Kater“ (Universität Regensburg)
Wissenschaftliche Untersuchung zur Entstehungs-, Publikations- und Rezeptionsgeschichte des Märchens, einschließlich Perraults Fassung von 1697 und der Grimm-Ausgabe von 1812.
https://epub.uni-regensburg.de/51812/1/DerGestiefelteKater_Bedi-Visschers.pdf

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