Der Junge, der Katzen zeichnete – eine japanische Volkserzählung über eine ungewöhnliche Begabung

Ein Junge zeichnet Katzen.

Auf Papier, auf Wände, auf Säulen und sogar dorthin, wo er es eigentlich ausdrücklich nicht soll.

Sein Lehrer hält ihn deshalb für ungeeignet für das Leben im Tempel und schickt ihn fort.

Doch ausgerechnet diese scheinbar nutzlose Leidenschaft rettet dem Jungen später das Leben.

„Der Junge, der Katzen zeichnete“ ist eine japanische Volkserzählung, die Lafcadio Hearn 1898 auf Englisch nacherzählte.

Ein Junge, der lieber zeichnet als arbeitet

Die Geschichte beginnt in einem armen japanischen Bauerndorf.

Der jüngste Sohn einer Familie ist klein und körperlich nicht besonders kräftig.

Für die schwere Arbeit auf dem Hof scheint er deshalb weniger geeignet als seine Geschwister.

Dafür besitzt er eine andere Begabung:

Er zeichnet ausgesprochen gern Katzen.

Seine Eltern bringen ihn schließlich zu einem Tempel, wo er zum Priester ausgebildet werden soll.

Überall Katzen

Der Junge lernt schnell und ist eigentlich ein guter Schüler.

Nur mit einer Sache kann er einfach nicht aufhören.

Er zeichnet Katzen.

In die Ränder von Büchern, auf Papierwände, auf Säulen und auf nahezu jede freie Fläche, die er finden kann.

Der alte Priester ermahnt ihn mehrfach.

Doch irgendwann erkennt er, dass der Junge offenbar eher zum Künstler als zum Priester bestimmt ist.

Er schickt ihn fort.

Ein rätselhafter Rat

Bevor der Junge geht, gibt ihm der Priester noch einen merkwürdigen Rat.

Sinngemäß lautet er:

Nachts große Orte meiden und sich an kleine halten.

Der Junge versteht zunächst nicht, was damit gemeint ist.

Doch wenig später wird dieser Satz entscheidend.

Der verlassene Tempel

Statt beschämt nach Hause zurückzukehren, macht sich der Junge auf den Weg zu einem anderen Tempel.

Er weiß allerdings nicht, dass dieser Ort verlassen wurde.

In der Gegend soll ein gefährliches Wesen sein Unwesen treiben – in Hearns Fassung eine riesige, unheimliche Ratte.

Der Junge findet niemanden vor.

Aber er entdeckt große leere Flächen.

Also tut er natürlich das, was er immer tut:

Er zeichnet Katzen.

Viele Katzen.

„Halte dich an kleine Orte“

Als es Nacht wird, möchte der Junge schlafen.

Da erinnert er sich plötzlich an die Warnung seines alten Lehrers.

Statt mitten im großen Tempelraum liegen zu bleiben, kriecht er in einen kleinen geschützten Raum beziehungsweise Schrank und schläft dort ein.

In der Nacht wird er von schrecklichen Geräuschen geweckt.

Draußen scheint ein gewaltiger Kampf stattzufinden.

Der Junge bleibt in seinem Versteck.

Was ist in der Nacht passiert?

Erst am nächsten Morgen wagt er sich wieder heraus.

Im Tempel liegt die riesige Ratte tot am Boden.

Doch niemand außer dem Jungen scheint dort gewesen zu sein.

Dann bemerkt er etwas Seltsames:

An den Mäulern seiner gezeichneten Katzen sind Spuren des Kampfes zu erkennen.

Die Geschichte lässt keinen großen Zweifel daran, was in dieser Nacht geschehen sein soll:

Die Katzenbilder sind lebendig geworden und haben das Monster besiegt.

Ausgerechnet seine „schlechte Angewohnheit“ rettet ihn

Am Anfang der Geschichte scheint das ständige Katzenzeichnen das Problem des Jungen zu sein.

Es hält ihn vom Lernen ab und sorgt schließlich sogar dafür, dass er den Tempel verlassen muss.

Am Ende ist genau diese Fähigkeit seine Rettung.

In Lafcadio Hearns Fassung wird der Junge später ein berühmter Künstler.

Und natürlich zeichnet er weiterhin Katzen.

Woher stammt die Geschichte?

Die Erzählung gehört zur japanischen Volkstradition.

Eine verwandte Überlieferung ist unter dem Namen „Eneko to Nezumi“ – etwa „Die gemalten Katzen und die Ratte“ bekannt.

Lafcadio Hearn – später in Japan auch als Koizumi Yakumo bekannt – brachte die Geschichte 1898 für ein englischsprachiges Publikum heraus.

Sie erschien als Nummer 23 der „Japanese Fairy Tale Series“ des Verlegers Takejirō Hasegawa in Tokio.

Die Originalausgabe wurde von dem japanischen Künstler Suzuki Kason illustriert.

Ein besonderes Buch aus dem Jahr 1898

Die damalige Ausgabe war ein sogenanntes Chirimen-bon – ein auf speziell behandeltem, kreppartig wirkendem Papier gedrucktes Buch.

Solche aufwendig gestalteten Bücher wurden im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert unter anderem für ein internationales Publikum hergestellt.

Die Ausgabe von The Boy Who Drew Cats umfasste 24 Seiten und verband Hearns englischen Text mit farbigen Illustrationen von Suzuki Kason.

Hearn hat die Geschichte nicht einfach erfunden

Hearn war also nicht der ursprüngliche Erfinder des Stoffes.

Er bearbeitete eine bereits bestehende japanische Erzähltradition für seine englische Fassung.

Wie bei vielen Volksgeschichten gibt es dabei unterschiedliche Varianten.

Der Kern bleibt jedoch ähnlich:

Ein Junge zeichnet Katzen, übernachtet an einem gefährlichen Ort und entdeckt anschließend, dass seine gemalten Katzen eine monströse Ratte besiegt haben.

Was kann man aus der Geschichte mitnehmen?

Die Erzählung schreibt keine ausführliche Moral vor.

Man kann sie aber durchaus als Geschichte über Begabung, Intuition und den Wert ungewöhnlicher Interessen lesen.

Was zunächst wie eine Schwäche wirkt, wird später zur besonderen Stärke des Jungen.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum die Geschichte bis heute weitererzählt wird.

Kurz & knapp

  • „Der Junge, der Katzen zeichnete“ gehört zur japanischen Volkstradition.
  • Eine verwandte Überlieferung ist als „Eneko to Nezumi“ bekannt.
  • Lafcadio Hearn veröffentlichte seine englische Fassung 1898.
  • Sie erschien als Nummer 23 der „Japanese Fairy Tale Series“ von Takejirō Hasegawa.
  • Die Illustrationen der historischen Ausgabe stammen von Suzuki Kason.
  • In Hearns Geschichte retten die gezeichneten Katzen den Jungen vor einer riesigen Ratte.
  • Am Ende wird der Junge ein berühmter Künstler.

Und Mo?

Mo hätte vermutlich sofort verstanden, dass ein Raum voller Katzenbilder keinesfalls verschwendete Wandfläche ist.

Ob er allerdings selbst stillsitzen würde, während jemand ihn zeichnet, ist eine andere Frage. 😅🐱

In dieser Geschichte lohnt es sich jedenfalls, die Katzenbilder etwas genauer anzusehen.

Quellen

Tokyo Woman’s Christian University – Chirimen Book Collection: „The Boy Who Drew Cats“
Universitäre Sammlung der historischen Ausgabe. Dokumentiert Lafcadio Hearn, Illustrator Suzuki Kason, Verlag T. Hasegawa, Erscheinungsjahr 1898 und die Einordnung als Nummer 23 der „Japanese Fairy Tale Series“.
https://www.lab.twcu.ac.jp/icsc/collection/chirimen/0027.html

National Diet Library Japan – „The Boy Who Drew Cats“
Bibliografischer Nachweis der 1898 in Tokio veröffentlichten Ausgabe als Nummer 23 der „Japanese Fairy Tale Series“.
https://ndlsearch.ndl.go.jp/

Cincinnati & Hamilton County Public Library – Digital Library
Digitalisierte historische Ausgabe von 1898 mit Hearns Text und den ursprünglichen Illustrationen.
https://cdm16998.contentdm.oclc.org/digital/collection/p16998coll8/id/13

Rissho University Library – „The Boy Who Drew Cats“
Universitäre Einordnung der Geschichte. Nennt „Eneko to Nezumi“ als zugrunde liegende Volkserzählung und fasst den Kern mit dem verlassenen Tempel, den Katzenbildern und der besiegten Ratte zusammen.
https://www.ris.ac.jp/library/learn/ex54-digital.html

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