Gōtoku-ji – der Tempel der Winkekatzen: Wie eine Legende mit der Maneki-neko verbunden wurde

Weiße Katzenfiguren, wohin man schaut.

Hunderte kleine und große Maneki-neko stehen dicht nebeneinander auf dem Gelände des Gōtoku-ji in Tokio.

Der buddhistische Tempel im Stadtbezirk Setagaya gehört heute zu den bekanntesten Katzenorten Japans und wird immer wieder als Geburtsort der berühmten Winkekatze bezeichnet.

Dahinter steckt eine alte Tempellegende über einen Fürsten, ein Gewitter – und eine Katze, die ihn angeblich zu sich winkte.

Ob die Maneki-neko tatsächlich genau hier entstanden ist, lässt sich historisch allerdings nicht eindeutig beweisen.

Was ist der Gōtoku-ji?

Der Gōtoku-ji ist ein buddhistischer Tempel der Sōtō-Zen-Schule im heutigen Setagaya in Tokio.

Seine Geschichte reicht deutlich weiter zurück als die berühmten Katzenfiguren.

Ein Vorgängertempel entstand bereits im 15. Jahrhundert. Später wurde der Ort eng mit der Familie Ii verbunden, den Herren des Hikone-Lehens.

Auf dem Tempelgelände befinden sich bis heute die Gräber mehrerer Mitglieder dieser Familie.

Besonders wichtig für die Katzengeschichte ist Ii Naotaka.

Die Legende von der winkenden Katze

Der Gōtoku-ji selbst erzählt folgende Geschichte:

Ii Naotaka befand sich auf dem Rückweg von einer Falkenjagd, als er am Tempel vorbeikam.

Am Tor soll eine Katze gesessen haben.

Sie hob ihre Pfote und wirkte auf Naotaka, als würde sie ihn zu sich beziehungsweise in den Tempel hineinwinken.

Der Fürst folgte der Einladung.

Kurz darauf zog ein Gewitter auf und heftiger Regen setzte ein.

Im Tempel war Naotaka geschützt und verbrachte die Zeit im Gespräch mit dem dortigen Priester.

Er deutete die Begegnung als glückliche Fügung.

Nach der Überlieferung unterstützte Naotaka den damals finanziell schwachen Tempel anschließend großzügig.

1633 wurde der Tempel mit seiner Unterstützung wieder aufgebaut.

Aus der Tempelkatze wird eine Glückskatze

Später errichtete der Tempel einen eigenen Bereich für die Katze, die nach seiner Überlieferung dieses Glück gebracht hatte.

Sie wurde als Maneki-neko – die herbeiwinkende Katze verehrt.

Heute gehört der Shōfuku-den fest zum Tempelgelände.

Menschen kommen hierher und bitten unter anderem um:

  • Glück,
  • Gesundheit und Wohlergehen der Familie,
  • Erfolg im Beruf oder Geschäft
  • und gute Begegnungen im Leben.

Und genau hier stehen auch die vielen weißen Katzenfiguren, für die der Gōtoku-ji heute weltweit bekannt ist.

Warum stehen dort so viele Maneki-neko?

Besucher können im Tempel eigene Maneki-neko-Figuren bekommen.

Viele nehmen sie zunächst mit nach Hause und bringen sie später als Dankesgabe zurück, wenn sich ein Wunsch erfüllt hat.

Eine Verpflichtung dazu gibt es nicht.

Über die Jahre sind dadurch große Ansammlungen weißer Katzenfiguren entstanden.

Von winzigen Figuren bis zu deutlich größeren Katzen sitzen sie dicht nebeneinander und machen den Ort zu einem der ungewöhnlichsten Katzenmotive Tokios.

Die Gōtoku-ji-Katze hat keine Münze

Die Maneki-neko des Gōtoku-ji unterscheidet sich außerdem von vielen Winkekatzen, die man heute aus Geschäften und Restaurants kennt.

Sie hebt die rechte Pfote – hält aber keine Goldmünze.

Der Tempel erklärt diese Besonderheit mit einer eigenen Botschaft:

Die Katze schenkt einem Menschen das Glück nicht einfach fertig.

Sie bringt vielmehr eine Gelegenheit oder eine Verbindung zu anderen Menschen.

Was daraus entsteht, hängt vom Menschen selbst ab.

Dankbarkeit und der richtige Umgang mit diesen Begegnungen sollen schließlich zum Glück führen.

Deshalb trägt die Gōtoku-ji-Maneki-neko keine Münze in der Pfote.

Ist Gōtoku-ji wirklich der Geburtsort der Maneki-neko?

Hier wird aus der schönen Geschichte eine historische Frage.

Der Gōtoku-ji wird sehr häufig als Ursprung der Maneki-neko bezeichnet – auch offizielle Tourismusinformationen greifen diese Tradition auf.

Eindeutig bewiesen ist ein einziger Ursprungsort jedoch nicht.

In Japan existieren mehrere unterschiedliche Entstehungsgeschichten.

Neben Gōtoku-ji werden beispielsweise Traditionen aus Imado beziehungsweise Asakusa sowie weitere Tempel und Orte mit dem Ursprung der Winkekatze verbunden.

Auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Ursprungserzählungen zeigt verschiedene Überlieferungsstränge.

Historische Darstellungen von winkenden beziehungsweise glückbringenden Katzenfiguren sind spätestens aus dem 19. Jahrhundert bekannt.

Deshalb ist die sauberste Formulierung:

Gōtoku-ji ist einer der bedeutendsten und bekanntesten Orte der Maneki-neko-Tradition – aber nicht zweifelsfrei ihr einziger belegter Geburtsort.

Die Legende und die Geschichte sind nicht dasselbe

Dass Ii Naotaka eine wichtige Rolle in der Geschichte des Tempels spielte, ist historisch belegt.

Auch seine Verbindung zum Gōtoku-ji und die Förderung des Tempels gehören zur überlieferten Tempelgeschichte.

Die Geschichte von der winkenden Katze und dem plötzlich einsetzenden Gewitter ist dagegen eine Tempellegende.

Das macht sie nicht weniger interessant.

Es bedeutet lediglich, dass man zwischen historisch dokumentierter Tempelgeschichte und religiöser beziehungsweise volkstümlicher Überlieferung unterscheiden sollte.

Noch mehr Katzen im Tempel

Wer sich im Gōtoku-ji genauer umsieht, findet die Katze übrigens nicht nur zwischen den vielen Opferfiguren.

Auch an der dreistöckigen Pagode sind Katzenmotive versteckt.

Dort findet man unter anderem eine Katze gemeinsam mit der Ratte des chinesischen Tierkreises.

Der Tempel spielt damit selbst augenzwinkernd mit verschiedenen Katzengeschichten und Traditionen.

Gelegentlich sollen sogar echte Katzen aus der Nachbarschaft über das Gelände spazieren.

Kurz & knapp

  • Gōtoku-ji ist ein buddhistischer Tempel im Tokyoter Stadtbezirk Setagaya.
  • Der Tempel ist historisch eng mit der Familie Ii verbunden.
  • Nach der Tempellegende wurde Fürst Ii Naotaka von einer Katze in den Tempel gewinkt und entging dort einem Gewitter.
  • Naotaka unterstützte den Tempel anschließend; 1633 wurde er mit seiner Hilfe wieder aufgebaut.
  • Heute stehen dort zahlreiche weiße Maneki-neko als Wunsch- und Dankesgaben.
  • Die typische Gōtoku-ji-Katze hebt ihre rechte Pfote und trägt keine Goldmünze.
  • Gōtoku-ji ist einer der bekanntesten Orte der Maneki-neko-Tradition.
  • Ein einzig zweifelsfrei belegter Ursprungsort der Maneki-neko ist historisch jedoch nicht gesichert.

Mo im Gōtoku-ji

Für Mo wäre der Gōtoku-ji vermutlich ein ziemlich ungewöhnlicher Zwischenstopp auf seiner Weltreise.

Hunderte Katzen, die alle ordentlich nebeneinandersitzen und von Besuchern bewundert werden?

Ausnahmsweise wäre er dort wirklich nicht der einzige Kater, den alle anschauen. 😅🐱

Und hinter all den weißen Figuren steckt eine schöne Mischung aus Geschichte, Legende und bis heute lebendiger Tradition.

Quellen

Daikeizan Gōtoku-ji – „Gotokuji and Manekineko“
Offizielle Darstellung der Tempellegende um Ii Naotaka, die winkende Katze und das Gewitter. Außerdem Informationen zu Shōfuku-den, den zurückgebrachten Maneki-neko und der besonderen münzlosen Form der Gōtoku-ji-Katze.

Daikeizan Gōtoku-ji – „Gotokuji Temple“
Offizielle Geschichte des Tempels, seiner Verbindung zur Familie Ii sowie Informationen zu Tempelbauten, Friedhof, Pagode und Shōfuku-den.

GO TOKYO – Gōtoku-ji Temple
Offizielle Tourismusinformationen Tokios zum Tempel und seiner bekannten Maneki-neko-Tradition.

No, Sung Hwan (2020): „A Typological Study on the Origin Story of Maneki Neko, Japan“
Wissenschaftliche Untersuchung verschiedener japanischer Ursprungserzählungen zur Maneki-neko. Sie zeigt, dass mehrere unterschiedliche Traditionslinien existieren und die Herkunft nicht auf eine einzige eindeutig belegte Geschichte reduziert werden kann.

Kommentare

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Katzenwissen mit Mo

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen