Die Katze und die alte Ratte – eine Fabel über List, Erfahrung und gesunde Vorsicht

Ein Kater ist unter Mäusen und Ratten so gefürchtet, dass sie sich kaum noch aus ihren Verstecken wagen.

Für einen erfolgreichen Jäger entsteht damit allerdings ein Problem:

Wenn die Beute nicht herauskommt, nützt selbst die beste Jagdfähigkeit wenig.

Also greift der Kater zu immer neuen Tricks.

Fast alle fallen darauf herein.

Nur eine alte, erfahrene Ratte lässt sich nicht täuschen.

Ein außergewöhnlich erfolgreicher Jäger

Jean de La Fontaine beschreibt seinen Kater als wahren Schrecken der Mäusewelt.

Er hat bereits so viele Tiere gefangen, dass sich die übrigen Mäuse und Ratten kaum noch aus ihren Löchern trauen.

Damit funktioniert seine bisherige Jagdstrategie plötzlich nicht mehr.

Der Kater muss sich etwas Neues einfallen lassen.

Der Kater spielt den Toten

Sein erster Plan ist ziemlich raffiniert.

Er hängt sich kopfüber an einem Balken auf und stellt sich tot.

Die Mäuse beobachten ihn zunächst vorsichtig.

Dann glauben einige tatsächlich, die Gefahr sei vorbei.

Sie kommen aus ihren Verstecken und wagen sich immer näher heran.

Genau darauf hat der Kater gewartet.

Plötzlich wird der vermeintlich Tote wieder lebendig – und mehrere seiner Opfer können nicht mehr rechtzeitig fliehen.

Doch ein Trick reicht ihm nicht

Nachdem die Mäuse diesen Plan kennengelernt haben, braucht der Kater eine neue Idee.

Diesmal bedeckt er sein Fell mit Mehl und versteckt sich in einer offenen Mehltruhe.

Zwischen dem weißen Mehl soll er möglichst wenig wie ein gefährlicher Kater aussehen.

Und tatsächlich kommen wieder Tiere näher.

Nur eine hält Abstand:

eine alte Ratte.

Die alte Ratte hat schon zu viel erlebt

La Fontaine beschreibt sie als erfahrenes Tier, das bereits viele Gefahren überstanden hat.

Sogar einen Teil ihres Schwanzes hat sie in früheren Kämpfen verloren.

Als sie den vermeintlichen Mehlsack sieht, wird sie deshalb misstrauisch.

Sie muss nicht erst herausfinden, ob dort wirklich ein Kater liegt.

Ihre Erfahrung reicht ihr.

Sinngemäß lässt sie den Jäger wissen:

Du kannst aussehen wie Mehl oder sogar wie ein ganzer Sack – ich komme trotzdem nicht näher.

Und diesmal funktioniert die List des Katers nicht.

Die Moral: Vorsicht kann schützen

Am Ende formuliert La Fontaine die Moral ausdrücklich:

„La méfiance est mère de la sûreté.“

Sinngemäß:

Vorsicht oder Misstrauen ist die Mutter der Sicherheit.

Damit erzählt die Fabel nicht einfach von einem besonders schlauen Kater.

Sie erzählt auch davon, wie wertvoll Erfahrung sein kann.

Wer bereits erlebt hat, dass etwas gefährlich ist, lässt sich möglicherweise nicht noch einmal von einer neuen Verpackung täuschen.

Der Kater ist klug – aber die Ratte lernt

Interessant ist, dass beide Seiten in dieser Fabel intelligent handeln.

Der Kater passt seine Strategie an.

Wenn die bisherige Jagdmethode nicht mehr funktioniert, erfindet er eine neue.

Die alte Ratte macht jedoch genau dasselbe:

Sie hat aus früheren Erfahrungen gelernt und bewertet die Situation vorsichtiger als die jüngeren Tiere.

Die Geschichte stellt deshalb nicht einfach „schlau gegen dumm“ gegenüber.

Es geht vielmehr um List gegen Erfahrung.

Und diesmal gewinnt die Erfahrung.

Die Geschichte ist älter als La Fontaine

La Fontaine veröffentlichte „Le Chat et un vieux Rat“ 1668 im dritten Buch seiner Fabeln als Fabel Nummer 18.

Die Grundidee hatte jedoch schon deutlich ältere Vorläufer.

In einer Äsop zugeschriebenen Fabel stellt sich ebenfalls ein Kater tot, um die Mäuse aus ihren Verstecken zu locken.

Eine vorsichtige Ratte durchschaut ihn und weigert sich, näherzukommen.

Auch beim römischen Fabeldichter Phaedrus findet sich ein verwandtes Motiv:

Dort kann ein altes Wiesel keine schnellen Mäuse mehr fangen, bedeckt sich deshalb mit Mehl und wartet auf Tiere, die es für Nahrung halten.

Eine erfahrene Maus erkennt jedoch die Gefahr.

La Fontaine verband und bearbeitete solche älteren Motive zu seiner eigenen Fassung.

1668: La Fontaines erste große Fabelsammlung

Die ersten sechs Bücher von La Fontaines Fables choisies, mises en vers erschienen 1668 in Paris.

„Die Katze und die alte Ratte“ gehört bereits zu dieser ersten Sammlung.

La Fontaine griff immer wieder Stoffe aus der antiken Fabeltradition auf.

Er erzählte sie jedoch nicht einfach wortgetreu nach, sondern gestaltete Figuren, Sprache und Situationen neu.

Gerade bei diesem Kater ist das gut zu erkennen:

Aus einer kurzen Warnung vor Täuschung wird bei La Fontaine eine kleine Geschichte über einen außergewöhnlich erfinderischen Jäger und einen Gegner, der ihm dank seiner Lebenserfahrung einen Schritt voraus bleibt.

Kurz & knapp

  • La Fontaines Kater versucht seine Beute mit mehreren Tricks aus ihren Verstecken zu locken.
  • Zunächst stellt er sich tot.
  • Später bedeckt er sich mit Mehl und versteckt sich in einer Mehltruhe.
  • Eine alte, erfahrene Ratte durchschaut den zweiten Trick und hält Abstand.
  • Die Moral lautet sinngemäß: Vorsicht ist die Mutter der Sicherheit.
  • La Fontaine veröffentlichte die Fabel 1668 als Buch III, Fabel 18.
  • Verwandte Motive finden sich bereits bei Äsop und Phaedrus.

Manchmal ist Erfahrung der beste Schutz

Der Kater dieser Geschichte ist eindeutig clever.

Er beobachtet seine Beute, verändert seine Strategie und erfindet immer neue Möglichkeiten, sie zu täuschen.

Doch die alte Ratte besitzt etwas, das sich nicht so leicht austricksen lässt:

Erfahrung.

Sie muss nicht beweisen, dass im Mehl tatsächlich ein Kater steckt.

Es reicht ihr zu wissen, dass etwas verdächtig aussieht – und Abstand zu halten.

Manchmal ist der klügste Zug eben nicht, herauszufinden, ob man recht hat.

Sondern einfach nicht näher hinzugehen. 🐱🐀

Quellen

Jean de La Fontaine – „Le Chat et un vieux Rat“, Fables, Livre III, Fable XVIII
Originaltext der Fabel mit dem vorgetäuschten Tod, dem mit Mehl bedeckten Kater, der alten Ratte und der abschließenden Moral.

Bibliothèque nationale de France – Fables de La Fontaine
Bibliografische Einordnung: Die ersten sechs Bücher der Fabeln erschienen 1668; „Le Chat et un vieux Rat“ gehört zum ersten Fabelband.

Äsop – „Der Kater und die Ratten“
Ältere verwandte Fabel, in der ein Kater sich tot stellt, um die Ratten aus ihren Verstecken zu locken.

Phaedrus – „Die Wiesel und die Mäuse“, Fabulae Aesopiae, Buch IV
Antiker verwandter Stoff mit einem alten Wiesel, das sich mit Mehl bedeckt, um Mäuse zu täuschen.

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