Isaac Newton soll nicht nur die Gravitation und die Optik revolutioniert haben.
Eine besonders hartnäckige Geschichte schreibt ihm noch eine weitere Erfindung zu:
die Katzenklappe.
Der Legende nach ließ Newton eine Öffnung in seine Tür schneiden, damit ihn seine Katze beim Arbeiten nicht ständig beim Rein- und Rauslassen störte.
Als die Katze Junge bekam, soll daneben sogar noch ein zweites, kleineres Loch für die Kitten entstanden sein.
Eine schöne Geschichte.
Aber sehr wahrscheinlich keine wahre Erfindungsgeschichte.
Wie lautet die Newton-Legende?
Newton arbeitete viele Jahre am Trinity College in Cambridge.
Dort soll ihn seine Katze angeblich immer wieder beim Arbeiten gestört haben, weil sie vor der Tür stand und hinein- oder hinausgelassen werden wollte.
Also, so die Erzählung, ließ Newton kurzerhand ein Loch in die Tür schneiden.
Später bekam die Katze Kitten.
Und Newton soll daneben ein zweites, kleineres Loch anbringen lassen haben – eines für die Mutter und eines für die Jungen.
Gerade dieses Detail machte die Geschichte berühmt.
Denn natürlich hätten die kleinen Katzen genauso durch die große Öffnung gehen können.
Woher kennen wir diese Geschichte überhaupt?
Ein wichtiger früher schriftlicher Beleg stammt aus dem Jahr 1827.
Der Mathematiker und ehemalige Trinity-Student John Martin Frederick Wright veröffentlichte damals sein Buch Alma Mater; or, Seven Years at the University of Cambridge.
Darin erzählt er die Geschichte von den zwei Öffnungen in Newtons Tür.
Interessant ist allerdings, dass Wright selbst ihre Echtheit nicht garantieren konnte.
Er berichtete lediglich, dass zu seiner Zeit zwei verschlossene Öffnungen in der betreffenden Tür zu sehen gewesen seien, die größenmäßig zu Katze und Kitten gepasst hätten.
Newton war zu diesem Zeitpunkt bereits seit ungefähr hundert Jahren tot.
Ein zeitgenössischer Bericht aus Newtons eigener Lebenszeit ist das also nicht.
Hatte Newton überhaupt eine Katze?
Auch das ist erstaunlich unsicher.
Newton wird immer wieder mit Katzen und sogar mit einem Hund namens Diamond in Verbindung gebracht.
Doch ein besonders interessantes Zeugnis stammt von seinem Assistenten Humphrey Newton, der in den 1680er-Jahren eng mit ihm zusammenarbeitete.
Er erinnerte sich ausdrücklich daran, dass Newton in seinem Zimmer weder Hund noch Katze hielt.
Das beweist nicht, dass Newton in seinem gesamten Leben niemals eine Katze besaß.
Es zeigt aber, wie dünn die Belege für die berühmte Geschichte tatsächlich sind.
Vor allem hat Newton die Idee nicht erfunden
Selbst wenn Newton wirklich Löcher für Katzen in einer Tür gehabt haben sollte, wäre er nicht der Erfinder der Katzenöffnung gewesen.
Solche Durchgänge gab es schon Jahrhunderte vor seiner Geburt.
Ein besonders schöner schriftlicher Beleg stammt aus dem späten 14. Jahrhundert.
In Geoffrey Chaucers Canterbury Tales findet sich in „The Miller’s Tale“ eine Szene, in der ein Mann ein Loch in einer Tür benutzt, durch das normalerweise die Katze hineinkroch.
Newton wurde erst 1642 geboren.
Die Grundidee, Katzen einen eigenen Durchgang zu ermöglichen, war also lange vor ihm bekannt.
Eine mittelalterliche Katzenklappe?
Mit dem Wort „Katzenklappe“ sollten wir dabei ein wenig vorsichtig sein.
Die heutigen Modelle besitzen meist eine bewegliche Klappe, teilweise sogar mit Magnet, Mikrochip-Erkennung oder Zeitsteuerung.
Historisch handelte es sich häufig schlicht um ein Katzenloch beziehungsweise eine kleine Öffnung in einer Tür oder Wand.
Die Funktion war aber dieselbe:
Die Katze konnte selbstständig hinein- und hinausgehen.
Erhaltene Türen aus dem späten Mittelalter und der Frühen Neuzeit zeigen solche Öffnungen ebenfalls.
Warum hielten Menschen solche Katzenöffnungen für praktisch?
Katzen wurden über Jahrhunderte auch als Mäuse- und Rattenjäger geschätzt.
Gerade in Häusern, Vorratsräumen, Kirchen oder anderen Gebäuden war es praktisch, wenn eine Katze sich frei bewegen konnte.
Ein eigener Durchgang ermöglichte ihr den Zugang, ohne dass ständig jemand eine große Tür öffnen musste.
Die Idee entstand deshalb vermutlich nicht als spektakuläre Erfindung einer einzelnen berühmten Person.
Sie war wahrscheinlich vielmehr eine ziemlich naheliegende praktische Lösung, die an verschiedenen Orten verwendet wurde.
Und was ist mit den zwei Löchern?
Das ist der charmanteste Teil der Geschichte – und gleichzeitig derjenige, der sie besonders wie eine Anekdote wirken lässt.
Ein großes Loch für die Mutterkatze und ein kleines Loch für die Kitten klingt zunächst logisch.
Bis man sich fragt:
Warum sollten die Kitten nicht einfach durch das große Loch gehen?
Genau dieser kleine Denkfehler macht die Geschichte unterhaltsam.
Vielleicht wurde sie deshalb so oft weitererzählt.
Wahr oder Miau?
Behauptung:
„Isaac Newton erfand die Katzenklappe.“
Urteil:
Miau – so stimmt es nicht.
Die bekannte Anekdote über Newton und zwei Katzenlöcher wurde erst lange nach seinem Tod schriftlich überliefert und ist nicht durch zeitgenössische Quellen gesichert.
Vor allem aber sind Katzenöffnungen bereits aus Jahrhunderten vor Newton bekannt.
Selbst wenn er tatsächlich eine solche Öffnung in seiner Tür gehabt haben sollte, hätte er die Idee also nicht erfunden.
Kurz & knapp
- Newton wird häufig die Erfindung der Katzenklappe zugeschrieben.
- Eine bekannte schriftliche Fassung der Geschichte findet sich 1827 bei J. M. F. Wright.
- Sie entstand damit rund ein Jahrhundert nach Newtons Tod.
- Ein zeitgenössischer Beleg dafür, dass Newton diese Katzenlöcher anfertigen ließ, fehlt.
- Auch ein sicherer Nachweis für die Katze aus der Geschichte fehlt.
- Ein Assistent Newtons berichtete sogar, dass Newton während ihrer gemeinsamen Zeit weder Hund noch Katze in seinem Zimmer hielt.
- Katzenöffnungen waren schon lange vor Newton bekannt.
- Geoffrey Chaucer erwähnt bereits im 14. Jahrhundert ein Loch, durch das eine Katze ins Haus gelangte.
Eine gute Geschichte bleibt manchmal einfach hängen
Newton hat der Welt zweifellos genügend echte wissenschaftliche Leistungen hinterlassen.
Die Katzenklappe müssen wir ihm vermutlich nicht auch noch zuschreiben.
Die Geschichte vom großen Loch für die Katze und dem kleinen Loch für die Kitten ist trotzdem so schön absurd, dass sie seit fast zwei Jahrhunderten weitererzählt wird.
Vielleicht ist das weniger Wissenschaftsgeschichte – und mehr ein ziemlich erfolgreicher Katzenwitz. 😅🐱
Quellen
Wright, J. M. F. (1827): „Alma Mater; or, Seven Years at the University of Cambridge“, Band 1.
Eine der frühen schriftlichen Fassungen der Newton-Anekdote. Wright berichtet von zwei verschlossenen Öffnungen in einer Tür, weist aber selbst darauf hin, dass die Geschichte wahr oder falsch sein könne.
https://archive.org/details/almamaterorseve01wriggoog
Harvard University – Geoffrey Chaucer: „The Miller’s Tale“
Der mittelenglische Text enthält bereits im 14. Jahrhundert die Beschreibung eines Lochs in einer Tür, durch das gewöhnlich eine Katze hineinkroch. Damit ist die Grundidee einer Katzenöffnung deutlich älter als Newton.
https://chaucer.fas.harvard.edu/pages/millers-prologue-and-tale
Cambridge University Press – The Mathematical Papers of Isaac Newton, Volume VI
Enthält die Erinnerung von Newtons Assistenten Humphrey Newton, wonach Isaac Newton während ihrer gemeinsamen Zeit weder Hund noch Katze in seinem Zimmer hielt.
https://assets.cambridge.org/97805210/45858/frontmatter/9780521045858_frontmatter.pdf
Smithsonian Magazine – „Where Can You Find the Oldest Cat Door on Earth?“
Überblick über historische Katzenöffnungen und die Newton-Legende. Der Beitrag verweist ebenfalls darauf, dass entsprechende Durchgänge lange vor Newton existierten.
https://www.smithsonianmag.com/smart-news/wheres-the-oldest-cat-door-on-earth-180982901/

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