Katzen stehlen Babys den Atem? Ein alter Aberglaube im Faktencheck

Eine Katze schleicht sich an ein schlafendes Baby heran, legt sich dicht an sein Gesicht – und „saugt ihm den Atem aus“.

Diese Vorstellung klingt heute ziemlich absurd.

Doch der Glaube daran hielt sich über Jahrhunderte erstaunlich hartnäckig.

Sogar ein Todesfall aus dem Jahr 1791 wurde damals damit erklärt.

Dass Katzen Menschen den Atem „stehlen“ oder „aussaugen“ können, ist jedoch ein alter Volksglaube und keine biologische Fähigkeit.

Ein erstaunlich langlebiger Aberglaube

Die Vorstellung, Katzen könnten Babys den Atem nehmen, war vor allem in Großbritannien und später auch in Nordamerika verbreitet.

Der Volkskundler Thomas Firminger Thiselton-Dyer beschrieb sie 1880 in seinem Werk English Folk-Lore.

Er schrieb ausdrücklich, dass vielerorts geglaubt werde, Katzen würden den Atem kleiner Kinder aussaugen und dadurch deren Tod verursachen.

Schon damals bezeichnete er diese Vorstellung als falsch.

1791 wurde sogar ein Todesfall der Katze zugeschrieben

Besonders eindrücklich ist ein historischer Bericht, den Thiselton-Dyer aus dem Annual Register zitiert.

Am 25. Januar 1791 wurde demnach nahe Plymouth ein 18 Monate altes Kind tot aufgefunden.

Bei der damaligen Untersuchung kam man zu dem Schluss, das Kind sei gestorben, weil eine Katze ihm den Atem ausgesaugt und dadurch eine Strangulation verursacht habe.

Das zeigt vor allem, wie ernst dieser Glaube damals genommen wurde.

Es ist jedoch kein wissenschaftlicher Beleg dafür, dass eine Katze tatsächlich Atem „aussaugen“ kann.

Eine medizinische Untersuchung nach heutigen Standards gab es nicht. Welche tatsächliche Todesursache vorlag, lässt sich aus einem solchen historischen Bericht heute nicht zuverlässig rekonstruieren.

Woher kam diese Vorstellung?

Eine eindeutig belegte Ursprungsgeschichte gibt es nicht.

Später wurden verschiedene Erklärungen dafür vorgeschlagen.

Eine davon lautet, Katzen würden vom Geruch der Milch am Mund eines Babys angezogen.

Eine andere behauptet, Katzen suchten die Körperwärme eines Kindes.

Teilweise wurde sogar erzählt, eine Katze könne auf ein Baby „eifersüchtig“ sein.

Für die Vorstellung eines gezielten Atemraubs liefern diese Erklärungen jedoch keinen Beleg.

Wahrscheinlich spielte vielmehr eine Mischung aus damaligem Aberglauben, ungeklärten Todesfällen und der Tatsache eine Rolle, dass Katzen tatsächlich gern warme und weiche Schlafplätze aufsuchen.

Eine Katze kann niemandem den Atem aussaugen

Für eine besondere Fähigkeit, Atem aus Mund oder Nase eines Menschen herauszusaugen, gibt es keinerlei wissenschaftlichen Nachweis.

Auch die Vorstellung, eine Katze würde dies absichtlich tun, um einem Baby zu schaden, gehört ins Reich des Aberglaubens.

Wahr oder Miau?

Miau.

Die Geschichte vom „atemstehlenden“ Kater ist historisch real – seine angebliche Fähigkeit ist es nicht.

Aber die Sicherheitsfrage ist trotzdem real

Das bedeutet nicht, dass eine Katze unbeaufsichtigt im Schlafplatz eines Säuglings liegen sollte.

Dabei geht es aber um etwas völlig anderes als den alten Mythos.

Für Babys wird eine eigene, freie und sichere Schlafumgebung empfohlen.

Die American Academy of Pediatrics empfiehlt einen festen, flachen Schlafplatz ohne andere Personen und ohne Gegenstände, die die Atemwege behindern könnten.

Auch der britische NHS empfiehlt für Babys ein eigenes Kinderbett beziehungsweise einen eigenen Schlafplatz. Beim gemeinsamen Schlafen mit einem Baby sollen ausdrücklich auch keine Haustiere mit im Bett liegen.

Eine Katze sollte deshalb nicht unbeaufsichtigt mit einem schlafenden Säugling auf derselben Schlafoberfläche liegen.

Nicht weil sie „Atem stiehlt“, sondern weil ein Tier sich unbeabsichtigt ungünstig an oder auf ein sehr kleines Kind legen und dessen freie Atemwege beeinträchtigen könnte.

Katze und Baby müssen deshalb keine Gegner sein

Ein Baby im Haushalt bedeutet nicht, dass die Katze plötzlich ausgeschlossen werden muss.

Entscheidend ist vielmehr eine vernünftige Trennung dort, wo sie tatsächlich notwendig ist:

  • Der Schlafplatz des Babys bleibt frei.
  • Katze und Säugling werden zusammen beaufsichtigt.
  • Die Katze bekommt weiterhin eigene Ruhe- und Rückzugsplätze.
  • Ein unbeaufsichtigtes gemeinsames Schlafen wird vermieden.

Damit lässt sich eine echte Sicherheitsfrage lösen, ohne aus der Katze einen übernatürlichen Bösewicht zu machen.

Warum konnte sich der Mythos so lange halten?

Historisch waren plötzliche Todesfälle bei Säuglingen oft schwer oder gar nicht erklärbar.

Medizinisches Wissen und diagnostische Möglichkeiten waren wesentlich begrenzter als heute.

Wenn dann eine Katze in der Nähe eines verstorbenen Kindes gefunden wurde, bot ein bereits bekannter Volksglaube eine scheinbar einfache Erklärung.

Aus:

„Die Katze war beim Baby.“

wurde schnell:

„Die Katze muss dafür verantwortlich sein.“

Genau darin liegt ein typisches Problem vieler alter Aberglauben: Beobachtung und Ursache werden miteinander verwechselt.

Kurz & knapp

  • Der Glaube, Katzen könnten Babys den Atem aussaugen, ist historisch tatsächlich überliefert.
  • Ein Volkskundewerk von 1880 zitiert sogar einen entsprechenden Todesfall aus dem Jahr 1791.
  • Dieser historische Bericht ist kein Beweis für die angebliche Fähigkeit.
  • Katzen können niemandem den Atem „stehlen“.
  • Erklärungen mit Milchgeruch, Wärme oder Eifersucht sind keine belegten Ursachen des Mythos.
  • Eine echte Sicherheitsfrage gibt es trotzdem: Haustiere sollten nicht unbeaufsichtigt mit Säuglingen auf derselben Schlafoberfläche liegen.
  • Das hat mit dem Freihalten der Atemwege zu tun – nicht mit einem übernatürlichen „Atemraub“.

Wahr oder Miau?

Behauptung:
„Katzen können Babys den Atem stehlen.“

Urteil:
Miau.

Der Aberglaube ist mehrere Jahrhunderte alt.

Eine biologische Fähigkeit zum „Atemsaugen“ gibt es jedoch nicht.

Was davon übrigbleibt, ist eine ganz normale Sicherheitsregel:

Baby und Katze dürfen selbstverständlich zusammenleben – der Schlafplatz eines Säuglings sollte aber kein gemeinsames Katzenbett sein. 🐱❤️

Quellen

T. F. Thiselton-Dyer: „English Folk-Lore“ (1880)
Historische volkskundliche Quelle zum Glauben, Katzen würden den Atem kleiner Kinder aussaugen. Enthält auch das Zitat aus dem Annual Register vom 25. Januar 1791 über den Tod eines 18 Monate alten Kindes nahe Plymouth.
https://darwin-online.org.uk/converted/pdf/1880_Thiselton-Dyer_English_folk-lore_A6090.pdf

T. F. Thiselton-Dyer: „Domestic Folk-Lore“ (1880)
Weiterer zeitgenössischer Beleg für die Verbreitung des Aberglaubens. Thiselton-Dyer bezeichnet die Vorstellung dort ausdrücklich als unwahr.
https://www.gutenberg.org/files/47053/47053-h/47053-h.htm

American Academy of Pediatrics – Safe Sleep
Aktuelle Empfehlungen für eine sichere Schlafumgebung von Säuglingen: eigener fester und flacher Schlafplatz, ohne andere Personen und ohne Gegenstände, die die Atemwege gefährden können.
https://www.aap.org/en/patient-care/safe-sleep/

NHS – Safer sleep advice for babies
Empfehlungen zum sicheren Schlafen. Der NHS empfiehlt einen eigenen Schlafplatz für Babys und weist beim Bedsharing ausdrücklich darauf hin, keine Haustiere gleichzeitig im Bett schlafen zu lassen.
https://www.nhs.uk/best-start-in-life/baby/baby-basics/newborn-and-baby-sleeping-advice-for-parents/safe-sleep-advice-for-babies/

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