Istanbul – die Stadt der Katzen: Warum sie seit Jahrhunderten zum Stadtbild gehören

In Istanbul begegnet man Katzen fast überall.

Sie schlafen vor Geschäften, sitzen auf Mauern und Fensterbänken, warten neben Cafés oder beobachten das Treiben am Bosporus.

Für viele Besucher wirken sie inzwischen fast wie ein Wahrzeichen der Stadt.

Doch die besondere Beziehung zwischen Istanbul und seinen frei lebenden Katzen ist keine moderne Erfindung für Touristen.

Berichte über die Versorgung von Katzen und anderen Straßentieren in der Stadt reichen mehrere Jahrhunderte zurück.

Katzen gehören schon lange zum Leben in Istanbul

Wie viele Katzen heute tatsächlich in Istanbul leben, lässt sich kaum zuverlässig beziffern.

Fest steht aber: Frei lebende Katzen sind seit langer Zeit ein sichtbarer Teil des öffentlichen Lebens.

Historische Reiseberichte aus der osmanischen Zeit beschreiben bereits Menschen, die Tiere auf den Straßen mit Futter versorgten.

Besonders spannend sind Berichte aus dem 16. Jahrhundert.

Reisende schilderten Händler, die Fleisch und Innereien verkauften, damit Einwohner damit unter anderem Katzen und Hunde füttern konnten.

Solche Händler wurden später als Mancacı bezeichnet.

Füttern als Teil des Stadtalltags

Das Bild ist erstaunlich vertraut:

Menschen kaufen Futter, stellen es Straßentieren zur Verfügung und kümmern sich um Tiere, die niemandem allein gehören.

Natürlich war das historische Istanbul nicht dasselbe wie die heutige Millionenstadt.

Doch Forschungen zur Mensch-Tier-Beziehung zeigen, dass sich bestimmte Formen der Fürsorge über lange Zeit erhalten haben.

Auch heute stellen Einwohner vor Häusern und Geschäften Schalen mit Wasser und Futter auf oder kümmern sich dauerhaft um bestimmte Katzen in ihrem Viertel.

Die Tiere sind damit weder klassische Haustiere noch völlig unabhängig vom Menschen.

Viele leben mitten in einer Gemeinschaft, in der unterschiedliche Menschen einen Teil ihrer Versorgung übernehmen.

Warum gerade Istanbul?

Eine einzige Ursache gibt es vermutlich nicht.

Istanbul war über Jahrhunderte eine große Handels- und Hafenstadt.

Wo Lebensmittel gelagert und Waren transportiert wurden, lebten auch Mäuse und Ratten – und Katzen waren als Mäusejäger nützlich.

Dass Katzen auf Schiffen mitreisten und sich über Hafenstädte verbreiteten, ist historisch grundsätzlich plausibel.

Für die heutige Katzenpopulation Istanbuls lässt sich daraus aber keine einfache Ursprungsgeschichte ableiten.

Viel wichtiger dürfte sein, dass Katzen über lange Zeit einen akzeptierten Platz im städtischen Alltag behalten konnten und von Menschen versorgt wurden.

Keine Katze gehört ganz Istanbul – und trotzdem kümmern sich viele

Gerade das unterscheidet viele frei lebende Katzen von unseren klassischen Vorstellungen einer Hauskatze.

Eine Katze kann beispielsweise regelmäßig vor demselben Geschäft schlafen, morgens von einer Anwohnerin Futter bekommen und später bei einem Café Wasser finden.

Sie hat vielleicht keinen einzelnen Menschen, der sie als Haustier hält.

Trotzdem kennt das Viertel sie.

Solche Beziehungen zwischen Menschen, öffentlichen Räumen und Straßentieren wurden sogar wissenschaftlich als ein Teil des immateriellen kulturellen Erbes Istanbuls untersucht.

Tombili – eine Straßenkatze wird zum Denkmal

Wie sehr einzelne Katzen Teil ihres Viertels werden können, zeigt kaum eine Geschichte besser als die von Tombili.

Die Katze aus Kadıköy wurde durch ein Foto weltberühmt, auf dem sie ausgesprochen entspannt an einem Bordstein lehnt.

Das Bild verbreitete sich im Internet und machte Tombili weit über Istanbul hinaus bekannt.

Nach ihrem Tod am 1. August 2016 sammelte eine Petition rund 17.000 Unterschriften für ein Denkmal.

Die Gemeinde Kadıköy unterstützte die Idee.

Die Bildhauerin Seval Şahin schuf eine Statue, die Tombili genau in ihrer berühmten entspannten Haltung zeigt.

Am 4. Oktober 2016 wurde sie an dem Ort enthüllt, an dem das bekannte Foto entstanden war.

Aus einer Katze des Viertels wurde damit tatsächlich ein kleines Stück Stadtgeschichte.

Die romantische Seite ist aber nur ein Teil der Geschichte

Eine Stadt voller Katzen sieht auf Fotos wunderschön aus.

Für die Tiere selbst bedeutet ein Leben auf der Straße jedoch auch Risiken.

Frei lebende Katzen können:

  • krank oder verletzt werden,
  • von Parasiten betroffen sein,
  • Verkehrsunfälle erleiden,
  • bei schlechtem Wetter Schutz benötigen
  • und sich ohne Kastration schnell vermehren.

Deshalb gehört zu einer verantwortungsvollen Katzenstadt mehr als das Aufstellen eines Futternapfs.

Kommunen übernehmen ebenfalls Aufgaben

Die Stadtverwaltung von Istanbul unterhält veterinärmedizinische Angebote für Tiere ohne Halter.

Nach aktuellen Angaben der städtischen Veterinärdienste gehören dazu unter anderem:

  • Kastrationen,
  • Impfungen,
  • medizinische Untersuchungen und Behandlungen,
  • Kennzeichnung und Registrierung
  • sowie Notfallversorgung verletzter Tiere.

Auch Bezirke wie Kadıköy arbeiten seit vielen Jahren mit freiwilligen Helfern zusammen und betreiben eigene Programme für Straßentiere.

Damit besteht das berühmte Bild der Istanbuler Katze nicht nur aus Menschen, die gelegentlich Futter hinstellen.

Hinter vielen Tieren steckt ein ganzes Netzwerk aus Anwohnern, Ehrenamtlichen, Tierärzten und kommunalen Einrichtungen.

Warum wirken die Katzen trotzdem so frei?

Weil viele von ihnen tatsächlich nicht wie klassische Haustiere leben.

Sie bewegen sich selbstständig durch ihre Reviere und entscheiden, welchen Menschen sie sich nähern.

Manche lassen sich gern streicheln.

Andere halten lieber Abstand.

Und manche haben offenbar längst beschlossen, dass ein bestimmtes Café, eine Buchhandlung oder ein Hauseingang ihnen gehört. 😅

Gerade dieses Nebeneinander von menschlichem Stadtleben und relativ selbstständig lebenden Katzen prägt das besondere Bild Istanbuls.

Kurz & knapp

  • Frei lebende Katzen gehören seit Jahrhunderten zum Stadtleben Istanbuls.
  • Bereits Reisende des 16. Jahrhunderts berichteten von der Fütterung von Katzen und anderen Straßentieren.
  • Das heutige Zusammenleben knüpft teilweise an lange Traditionen gemeinschaftlicher Tierfürsorge an.
  • Eine einzige gesicherte Erklärung dafür, wie Istanbul zu seiner heutigen großen Katzenpopulation kam, gibt es nicht.
  • Die Hafen- und Handelsgeschichte der Stadt dürfte zur Verbreitung von Katzen beigetragen haben.
  • Einzelne Straßenkatzen können zu echten lokalen Berühmtheiten werden.
  • Tombili aus Kadıköy erhielt 2016 sogar eine eigene Statue.
  • Eine große frei lebende Katzenpopulation benötigt neben Futter auch Kastration und tierärztliche Versorgung.

Mo in Istanbul

Mo würde sich in Istanbul wahrscheinlich erst einmal ziemlich gründlich umsehen.

Und dann feststellen, dass er dort keineswegs automatisch der wichtigste Kater weit und breit wäre.

Auf der nächsten Treppe säße vermutlich schon einer.

Und vor dem Café noch zwei. 😅🐱

Vielleicht ist genau das das Besondere an Istanbul:

Die Katzen stehen nicht nur neben dem Stadtleben – sie gehören seit langer Zeit mitten hinein.

Hinter den berühmten Bildern steckt aber auch Verantwortung.

Denn eine echte Katzenstadt zeigt sich nicht nur darin, wie viele Katzen auf ihren Straßen leben.

Sondern auch darin, wie mit ihnen umgegangen wird.

Quellen

İstanbul Büyükşehir Belediyesi Kültür Sanat – „İstanbul’un Kedi Tarihi“
Beitrag der Stadt Istanbul zur historischen Beziehung zwischen der Stadt und ihren Katzen sowie zur Versorgung von Straßentieren in osmanischer Zeit.

Menekşe, Metin (2022): „Osmanlı Medeniyetinde Hayvan Sevgisinin Mesleğe Dönüşümü: Mancacılık“
Süleyman Demirel Üniversitesi Fen-Edebiyat Fakültesi Sosyal Bilimler Dergisi, Ausgabe 55, S. 84–101. Die Studie wertet unter anderem Reiseberichte aus dem 16. bis 19. Jahrhundert aus und beschreibt die historische Fütterung von Katzen, Hunden und anderen Straßentieren.

Hart, Kimberly (2019): „Istanbul’s intangible cultural heritage as embodied by street animals“
History and Anthropology, 30(4), S. 448–459. Wissenschaftliche Untersuchung darüber, wie heutige Formen der Versorgung von Straßentieren mit historischen Praktiken des osmanischen Istanbul verbunden sind.
DOI: 10.1080/02757206.2019.1610404

Kadıköy Belediyesi – „Kadıköy’ün Bıçkın Kedisi Tombili Heykeli Açıldı“
Offizielle Informationen der Gemeinde Kadıköy zu Tombilis Tod, der Petition mit rund 17.000 Unterstützern und der Enthüllung ihrer Statue am 4. Oktober 2016.

İstanbul Büyükşehir Belediyesi – Veteriner Hizmetleri
Aktuelle Informationen der städtischen Veterinärdienste zu Kastration, Impfung, Kennzeichnung, Registrierung und Behandlung von Tieren ohne Halter.

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