Die Cheshire Cat gehört heute untrennbar zu Alice im Wunderland.
Sie taucht auf und verschwindet wieder, spricht in Rätseln – und manchmal bleibt von ihr nur noch ihr berühmtes Grinsen übrig.
Da liegt die Vermutung nahe, Lewis Carroll habe sich die grinsende Katze einfach ausgedacht.
Doch ausgerechnet ihr bekanntestes Merkmal war schon lange vor Alice bekannt.
„To grin like a Cheshire cat“ war bereits im 18. Jahrhundert eine englische Redewendung.
Warum ausgerechnet eine Katze aus Cheshire grinst, weiß allerdings bis heute niemand sicher.
Die Redewendung ist älter als Alice
Ein früher eindeutig belegter gedruckter Nachweis findet sich im Jahr 1788.
Francis Grose nahm den Ausdruck in die zweite Ausgabe seines A Classical Dictionary of the Vulgar Tongue auf.
Dort erklärt er die „Cheshire Cat“ sinngemäß als Vergleich für jemanden, der beim Lachen deutlich Zähne und Zahnfleisch zeigt.
Die Formulierung war damit spätestens 1788 verständlich genug, um ohne große Erklärung in einem Wörterbuch aufzutauchen.
Sie dürfte im gesprochenen Englisch also durchaus schon vorher verwendet worden sein.
Lewis Carrolls Alice’s Adventures in Wonderland erschien dagegen erst 1865.
Zwischen dem gedruckten Wörterbuchbeleg und Alice liegen somit mehr als 75 Jahre.
Lewis Carroll hat die Cheshire Cat also nicht erfunden?
Hier muss man etwas unterscheiden.
Die Redewendung hat Carroll nicht erfunden.
Die fantastische Figur aus Alice – eine Katze, die nach Belieben erscheint und verschwindet und dabei ihr Grinsen zurücklassen kann – ist dagegen seine literarische Ausgestaltung.
Carroll nahm einen bereits bekannten Ausdruck und machte ihn buchstäblich.
In der Geschichte fragt Alice die Herzogin, warum ihre Katze so grinst.
Die Antwort lautet schlicht: weil es eine Cheshire Cat sei.
Später verschwindet die Katze Stück für Stück, bis schließlich nur noch ihr Grinsen übrig bleibt.
Damit verwandelte Carroll eine alte Redewendung in eines der berühmtesten Bilder der Kinderliteratur.
Carroll selbst stammte aus Cheshire
Die Verbindung zur Grafschaft war für ihn außerdem sehr persönlich.
Lewis Carroll hieß eigentlich Charles Lutwidge Dodgson und wurde 1832 in Daresbury in Cheshire geboren.
Er verbrachte dort seine frühe Kindheit.
Eine Redewendung über eine „Cheshire Cat“ dürfte für einen Mann aus Cheshire also keineswegs so exotisch geklungen haben wie für viele Leserinnen und Leser heute.
Aber warum grinst ausgerechnet eine Katze aus Cheshire?
Genau hier wird es schwierig.
Schon im 19. Jahrhundert wussten die Menschen offenbar nicht mehr sicher, woher der Ausdruck ursprünglich stammte.
In der Zeitschrift Notes and Queries diskutierten Leser bereits 1850 und 1852 verschiedene Erklärungen.
Das heißt:
Noch bevor Alice erschien, war die Herkunft der Redewendung bereits ein Rätsel.
Theorie 1: Katzen aus Cheshire-Käse
1850 berichtete ein Leser von Notes and Queries, dass in Bath einige Jahre zuvor Cheshire-Käse in Form einer Katze verkauft worden sei.
Sogar Borsten sollen eingesetzt worden sein, um Schnurrhaare darzustellen.
Der Schreiber vermutete, dass daraus die Redewendung entstanden sein könnte.
Das klingt wunderbar passend.
Beweisen lässt es sich allerdings nicht.
Es besteht sogar ein grundsätzliches Problem:
Die Käsekatzen könnten genauso gut wegen der bereits bekannten Redewendung hergestellt worden sein.
Dann wären sie nicht deren Ursprung, sondern eine Anspielung darauf.
Theorie 2: Löwen, die eher wie Katzen aussahen
Eine andere Erklärung erschien 1852 ebenfalls in Notes and Queries.
Demnach soll ein Schildermaler in Cheshire Löwen auf Wirtshausschilder gemalt haben.
Die Tiere seien ihm allerdings so wenig gelungen, dass sie eher wie Katzen aussahen.
Aus den missglückten Löwen seien deshalb im Volksmund „Cheshire Cats“ geworden.
Auch diese Geschichte wurde später häufig wiederholt.
Ein überzeugender historischer Nachweis dafür, dass genau so die Redewendung entstand, fehlt jedoch.
Theorie 3: Glückliche Katzen im Milchland
Und dann gibt es noch eine besonders einfache Erklärung.
Cheshire war für seine Milchwirtschaft und seinen Käse bekannt.
Eine Katze in einer Gegend voller Milch, Sahne und Mäuse hätte schließlich allen Grund zu grinsen.
Charmant?
Auf jeden Fall.
Historisch bewiesen?
Nein.
Auch diese Erklärung gehört eher in den Bereich der Volksetymologie – also nachträglicher Geschichten, mit denen Menschen versuchen, eine rätselhafte Redewendung verständlich zu machen.
Vielleicht werden wir die Antwort nie erfahren
Der Sprachwissenschaftler Anatoly Liberman hat sich für Oxford University Press ausführlich mit dem Ausdruck beschäftigt.
Sein Fazit ist wenig märchenhaft, aber wissenschaftlich sauber:
Wir kennen zahlreiche alte Erklärungsversuche, können aber keine davon überzeugend als Ursprung beweisen.
Bei Redewendungen ist das gar nicht ungewöhnlich.
Sie können lange mündlich verwendet werden, bevor jemand sie erstmals aufschreibt. Wenn später nach ihrem Ursprung gefragt wird, ist die ursprüngliche Situation möglicherweise längst vergessen.
Das trifft offenbar auch auf die grinsende Katze aus Cheshire zu.
Was wissen wir wirklich?
- „To grin like a Cheshire cat“ ist spätestens 1788 gedruckt belegt.
- Die Redewendung ist damit deutlich älter als Alice im Wunderland.
- Schon im 19. Jahrhundert war ihre genaue Herkunft unklar.
- Katzenförmiger Cheshire-Käse wurde als mögliche Erklärung vorgeschlagen.
- Auch missglückte Löwen auf Wirtshausschildern gehören zu den alten Erklärungsversuchen.
- Eine weitere Vermutung verbindet das Grinsen mit Cheshires Milchwirtschaft.
- Keine dieser Theorien ist als Ursprung sicher belegt.
- Lewis Carroll machte aus dem bekannten Ausdruck 1865 seine berühmte literarische Cheshire Cat.
Und dann kam Alice
Vielleicht liegt Carrolls eigentliche Leistung gerade darin, dass er die Redewendung nicht erklären wollte.
Er nahm sie einfach ernst.
Wenn eine Cheshire Cat nun einmal grinst – warum sollte dann nicht irgendwann die Katze verschwinden und nur das Grinsen übrig bleiben?
Aus einem alten englischen Ausdruck wurde dadurch eine Figur, die heute auf der ganzen Welt bekannt ist.
Und die ursprüngliche Frage bleibt trotzdem offen:
Käsekatze? Missglückter Löwe? Zufriedene Hofkatze?
Schöne Geschichten gibt es viele.
Eine sichere Antwort haben wir bis heute nicht. 😺
Quellen
Francis Grose: „A Classical Dictionary of the Vulgar Tongue“, 2. Auflage, 1788
Früher sicherer gedruckter Beleg für die Redewendung „grin like a Cheshire cat“. Das digitalisierte Original befindet sich unter anderem in der Wellcome Collection.
https://wellcomecollection.org/works/caxhr9u8/items
Oxford University Press / Anatoly Liberman – „The eternal Cheshire cat“
Sprachhistorische Einordnung der Redewendung und ihrer verschiedenen Ursprungstheorien. Enthält unter anderem die 1850 und 1852 in „Notes and Queries“ veröffentlichten Erklärungsversuche mit Katzenkäse und Wirtshausschildern.
https://blog.oup.com/2017/02/cheshire-cat-idiom-origin/
Lewis Carroll: „Alice’s Adventures in Wonderland“, 1865
Originaltext mit der Cheshire Cat, ihrem charakteristischen Grinsen und ihrem allmählichen Verschwinden.
https://www.gutenberg.org/ebooks/11
The Lewis Carroll Society – Biographical Keynotes
Biografische Angaben zu Charles Lutwidge Dodgson alias Lewis Carroll, geboren 1832 in Daresbury, Cheshire.
https://lewiscarrollsociety.org.uk/biographical-keynotes/

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