Schwarzer Hut, Besen – und daneben natürlich eine schwarze Katze.
Heute gehört dieses Bild so selbstverständlich zur Vorstellung einer Hexe, dass es fast wirkt, als wären Hexen und Katzen schon immer miteinander verbunden gewesen.
Historisch ist es deutlich komplizierter.
Die berühmte „Hexenkatze“ hat keinen einzelnen Ursprung.
Ihr Bild entwickelte sich über Jahrhunderte aus mittelalterlichen Dämonenerzählungen, frühneuzeitlichen Vorstellungen von Tiergeistern, Hexenprozessen und späteren Bildern und Geschichten.
1233: Ein schwarzer Kater in einer Dämonenerzählung
Ein früher und häufig genannter Beleg stammt aus dem Jahr 1233.
In dem päpstlichen Schreiben Vox in Rama beschrieb Papst Gregor IX. angebliche Rituale einer als ketzerisch dargestellten Gruppe in Deutschland.
Darin erscheint unter anderem ein schwarzer Kater.
Nach der Schilderung soll eine schwarze Katzenfigur während eines Rituals lebendig geworden sein und von den Beteiligten verehrt worden sein.
Wichtig ist jedoch, was daraus nicht folgt:
Vox in Rama erklärt nicht alle Katzen zu dämonischen Tieren und enthält keinen allgemeinen Befehl, Katzen zu töten.
Die Quelle zeigt vielmehr, dass eine schwarze Katze bereits im 13. Jahrhundert in einer konkreten christlichen Dämonenerzählung auftauchen konnte.
Das war noch nicht die klassische „Hexenkatze“
Die bekannte Vorstellung einer Hexe mit ihrer persönlichen Katze entstand daraus nicht unmittelbar.
Im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Europa gab es zahlreiche Vorstellungen darüber, dass Dämonen, Geister oder übernatürliche Wesen Tiergestalt annehmen könnten.
Katzen waren dabei nur eine Möglichkeit.
Auch Hunde, Kröten, Hasen, Mäuse, Wiesel und andere Tiere tauchten in solchen Erzählungen auf.
Erst später verbanden sich solche Vorstellungen immer stärker mit dem Hexenglauben.
Der „Familiar“ – ein übernatürlicher Helfer
Besonders wichtig wurde im frühneuzeitlichen England die Vorstellung des sogenannten familiar spirit.
Damit meinte man einen angeblich übernatürlichen Geist oder Dämon, der einer beschuldigten Hexe dienen sollte.
Diese Wesen wurden in Gerichtsberichten häufig in Tiergestalt beschrieben.
Und auch hier gilt:
Der Familiar war keineswegs automatisch eine schwarze Katze.
Er konnte wie ein Hund, eine Kröte, ein Kaninchen, ein Wiesel, eine Maus oder eben eine Katze aussehen.
1566: Eine weiße Katze von Chelmsford
Ein besonders interessantes Beispiel stammt aus einem englischen Hexenprozess von 1566 in Chelmsford.
Ein zeitgenössisches Flugblatt berichtet von mehreren beschuldigten Frauen, darunter Elizabeth Francis und Agnes Waterhouse.
Elizabeth Francis soll nach dem Bericht von ihrer Großmutter einen übernatürlichen Helfer erhalten haben:
eine weiß gefleckte Katze namens „Sathan“.
Später soll sie die Katze an Agnes Waterhouse weitergegeben haben.
Waterhouse wiederum erzählte im Verhör von demselben Geist in anderen Tiergestalten.
Ob diese Aussagen freiwillig entstanden, durch Befragung beeinflusst wurden oder überhaupt historische Ereignisse außerhalb der Anschuldigungen beschreiben, ist eine andere Frage.
Für unser Thema zeigt der Bericht aber etwas Wichtiges:
Eine frühe „Hexenkatze“ musste keineswegs schwarz sein.
Hexenprozesse sind keine Beweise für Übernatürliches
Bei solchen Quellen ist eine klare Trennung wichtig.
Ein Prozessbericht beweist, dass Menschen von einem übernatürlichen Tier erzählten, daran glaubten oder eine beschuldigte Person damit in Verbindung brachten.
Er beweist nicht, dass ein solcher Geist tatsächlich existierte.
Geständnisse und Zeugenaussagen entstanden außerdem unter Bedingungen, die wir heute keinesfalls als verlässliche Ermittlungsmethoden betrachten würden.
Beschuldigte wurden unter Druck gesetzt, durchsucht, eingesperrt und teilweise massiv misshandelt.
Viele Menschen wurden aufgrund solcher Vorstellungen verfolgt, verurteilt und getötet.
1647: Matthew Hopkins und die vielen Tiergeister
Im 17. Jahrhundert wurde das Bild der tierischen Begleiter durch gedruckte Berichte noch weiter verbreitet.
Ein bekanntes Beispiel ist Matthew Hopkins‘ The Discovery of Witches von 1647.
Hopkins war während der englischen Hexenverfolgungen als sogenannter „Witch-finder“ tätig.
In seinem Buch beschreibt er angebliche Familiars in sehr unterschiedlichen Gestalten.
Darunter finden sich:
- ein weißes Kätzchen,
- ein kleiner Hund,
- ein windhundartiges Wesen,
- ein schwarzes Kaninchen
- und ein Iltis.
Auch die bekannte Illustration des Buches zeigt mehrere tierartige Wesen um beschuldigte Frauen.
Solche Drucke trugen dazu bei, die Vorstellung von Hexen und ihren tierischen Begleitern einem immer größeren Publikum vor Augen zu führen.
Warum blieb ausgerechnet die Katze hängen?
Darauf gibt es wahrscheinlich keine einzige Antwort.
Katzen boten für solche Geschichten mehrere Eigenschaften, die sich leicht geheimnisvoll deuten ließen:
- Sie sind besonders in der Dämmerung und Nacht aktiv.
- Sie bewegen sich leise und selbstständig.
- Ihre Augen reflektieren Licht auffällig.
- Sie lebten gleichzeitig sehr nah beim Menschen und behielten dennoch viel Eigenständigkeit.
Dazu kamen bereits vorhandene Erzählungen über Katzen in dämonischen Zusammenhängen.
Über Jahrhunderte konnten sich diese verschiedenen Vorstellungen miteinander vermischen.
Und warum gerade die schwarze Katze?
Auch schwarze Katzen tauchten tatsächlich in dämonischen und späteren Hexereivorstellungen auf.
Aber sie waren nicht von Anfang an die einzige oder zwingende Hexenkatze.
Die Quellen nennen Katzen verschiedener Farben und daneben zahlreiche völlig andere Tiere.
Das heute vertraute Bild der schwarzen Katze als klassischem Hexenbegleiter entstand deshalb eher durch eine lange kulturelle Verdichtung:
Geschichten wurden wiederholt, Bilder kopiert, Motive vereinfacht – und irgendwann wurde aus vielen unterschiedlichen Tiergeistern immer häufiger die schwarze Katze neben der Hexe.
Konnte sich eine Hexe selbst in eine Katze verwandeln?
Auch diese Vorstellung findet sich in historischen Überlieferungen.
Menschen erzählten davon, dass angebliche Hexen Tiergestalt annehmen konnten.
Katzen waren dabei wiederum nur eine von mehreren möglichen Formen.
Solche Geschichten verstärkten die Verbindung zusätzlich:
Die Katze konnte in einer Erzählung der Begleiter einer Hexe sein – in einer anderen sollte die Hexe selbst als Katze erscheinen.
Für Menschen, die an solche Vorstellungen glaubten, konnte eine völlig gewöhnliche Katze dadurch schnell verdächtig wirken.
Aus vielen Vorstellungen wird ein einziges Symbol
Die Entwicklung lässt sich deshalb nicht auf einen Moment reduzieren.
Es gab nicht den einen Tag, an dem jemand beschloss:
„Ab jetzt gehört eine schwarze Katze zu jeder Hexe.“
Stattdessen kamen über Jahrhunderte mehrere Stränge zusammen:
- mittelalterliche Dämonenerzählungen,
- Vorstellungen von Tiergestalten und Verwandlung,
- der frühneuzeitliche Glaube an Familiars,
- Hexenprozesse und ihre gedruckten Berichte
- und später Literatur, Kunst und populäre Bildtraditionen.
Aus einem vielfältigen historischen Geflecht entstand schließlich eines der bekanntesten Bilder unserer heutigen Hexenvorstellung.
Kurz & knapp
- Die Verbindung zwischen Hexe und Katze hat keinen einzigen Ursprung.
- Bereits 1233 erscheint ein schwarzer Kater in der Dämonenerzählung von Vox in Rama.
- Das Schreiben enthält jedoch keinen allgemeinen Befehl, Katzen zu töten.
- In frühneuzeitlichen Hexereivorstellungen konnten sogenannte Familiars viele verschiedene Tiergestalten besitzen.
- 1566 wird in einem englischen Hexenprozess eine weiß gefleckte Katze erwähnt.
- Auch Hunde, Kröten, Kaninchen, Mäuse und andere Tiere tauchten als angebliche Familiars auf.
- Die schwarze Katze wurde erst im Laufe der Zeit zum besonders bekannten Hexensymbol.
- Hexenprozessakten dokumentieren historische Vorstellungen und Anschuldigungen – keine bewiesenen übernatürlichen Ereignisse.
Und Mo?
Mo hätte historisch vermutlich gar nicht schwarz sein müssen, um in irgendeiner Geschichte zum geheimnisvollen Katzenwesen erklärt zu werden.
Ein Kater, der nachts durchs Haus schleicht, plötzlich an Orten auftaucht, an denen eben noch niemand war, und Menschen minutenlang wortlos anstarrt?
Für frühere Erzähler hätte das wahrscheinlich vollkommen ausgereicht. 😅🐱
Heute wissen wir zum Glück:
Eine geheimnisvolle Katze ist zunächst einmal einfach eine Katze.
Quellen
Papst Gregor IX. – „Vox in Rama“ (1233)
Mittelalterliche Quelle, in der im Rahmen der Beschreibung eines angeblichen ketzerischen Rituals ein schwarzer Kater vorkommt. Der Text erklärt jedoch nicht Katzen allgemein für dämonisch und enthält keinen allgemeinen Aufruf zu ihrer Tötung.
Monumenta Germaniae Historica, Epistolae saeculi XIII, Band 1, S. 432–435.
https://www.dmgh.de/mgh_epp_saec_xiii_1/index.htm#page/432/mode/1up
„The Examination and Confession of Certaine Wytches at Chensforde“ (1566)
Zeitgenössischer Bericht über die Hexenprozesse von Chelmsford. Darin wird unter anderem eine weiß gefleckte Katze namens „Sathan“ als angeblicher übernatürlicher Helfer beschrieben. Der Bericht ist auch Gegenstand moderner Forschung zu frühneuzeitlichen Hexenprozessen.
Wallace Notestein – „A History of Witchcraft in England from 1558 to 1718“
Historische Aufarbeitung englischer Hexenprozesse mit ausführlicher Wiedergabe und Einordnung des Chelmsford-Falls von 1566, einschließlich Elizabeth Francis, Agnes Waterhouse und der weiß gefleckten Katze.
https://www.gutenberg.org/ebooks/31511
Matthew Hopkins – „The Discovery of Witches“ (1647)
Historische Primärquelle zu frühneuzeitlichen Vorstellungen von Familiars. Hopkins beschreibt angebliche Geister in zahlreichen Tiergestalten, darunter Kätzchen, Hunde, Kaninchen und Iltisse.
https://www.gutenberg.org/ebooks/14015
Julie Stone Peters – „Staging Witchcraft Before the Law“ (Cambridge University Press)
Moderne wissenschaftliche Untersuchung darüber, wie Hexereivorwürfe, Geständnisse und angebliche übernatürliche Beweise vor frühneuzeitlichen Gerichten erzeugt und dargestellt wurden. Behandelt unter anderem den Chelmsford-Prozess von 1566.
https://www.cambridge.org/core/elements/staging-witchcraft-before-the-law/5482BAAB92A91D52E0AE24B8B8DCC90A

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