Wer schon einmal von einer Katze abgeschleckt wurde, kennt das Gefühl:
Eine Katzenzunge fühlt sich eher nach feinem Schleifpapier als nach einem weichen Kuss an.
Verantwortlich dafür sind besondere Strukturen auf der Zungenoberfläche – sogenannte filiforme Papillen.
Diese kleinen, verhornten und nach hinten gerichteten Strukturen machen die Katzenzunge zu einem erstaunlich vielseitigen Werkzeug.
Warum fühlt sich die Katzenzunge so rau an?
Auf der Oberseite der Zunge sitzen zahlreiche Papillen.
Die filiformen Papillen bestehen aus keratinisiertem Gewebe – also einem Material, das auch bei Haaren und Krallen eine wichtige Rolle spielt.
Besonders im mittleren Bereich der Zunge besitzen sie eine scharfe, nach hinten gerichtete Spitze.
Dadurch wirken sie wie winzige Häkchen.
Genau diese Struktur ist dafür verantwortlich, dass sich ein Katzenkuss so rau anfühlt.
Eine eingebaute Fellbürste
Eine der wichtigsten Aufgaben dieser Papillen zeigt sich bei der Fellpflege.
Wenn eine Katze ihre Zunge durch das Fell zieht, können die Häkchen zwischen die Haare gelangen.
Sie helfen dabei:
- lose Haare aufzunehmen,
- Schmutz und kleine Fremdkörper aus dem Fell zu entfernen,
- Haare voneinander zu trennen
- und Speichel im Fell zu verteilen.
Deshalb funktioniert die Katzenzunge tatsächlich ein wenig wie eine sehr spezielle Bürste.
Die Papillen transportieren sogar Speichel
2018 untersuchten Alexis Noel und David Hu die Zungen verschiedener Katzenarten genauer – von der Hauskatze bis zum Löwen.
Dabei zeigte sich etwas Besonderes:
Die Spitzen bestimmter Papillen besitzen eine kleine rinnenartige beziehungsweise hohle Struktur.
Durch Kapillarkräfte kann dort Speichel aufgenommen und beim Putzen tief ins Fell transportiert werden.
Die Papillen helfen dadurch, Flüssigkeit nicht nur auf der Felloberfläche zu verteilen, sondern näher an die Haut zu bringen.
Putzen kann auch beim Abkühlen helfen
Der verteilte Speichel erfüllt dabei nicht nur eine Reinigungsfunktion.
Wenn er auf Fell und Haut verdunstet, kann dabei Wärme abgegeben werden.
Die Untersuchung von Noel und Hu zeigte, dass die über die Zunge verteilte Feuchtigkeit tatsächlich zur Kühlung beitragen kann.
Das macht die Fellpflege zu einem erstaunlich vielseitigen Vorgang:
Die Katze reinigt ihr Fell, entfernt lose Haare, verteilt Speichel – und kann dadurch gleichzeitig einen Teil ihrer Körperwärme abgeben.
Warum landen dann Haare im Katzenmagen?
Die nach hinten gerichteten Papillen haben einen kleinen Nachteil.
Haare, die einmal von der Zunge aufgenommen wurden, lassen sich nicht immer einfach wieder ausspucken.
Sie werden in Richtung Rachen transportiert und beim Putzen häufig verschluckt.
Der größte Teil dieser Haare passiert normalerweise den Verdauungstrakt.
Ein Teil kann sich jedoch im Magen sammeln und zur Bildung von Haarballen beitragen.
Besonders während stärkerer Haarungsphasen kann die Menge verschluckter Haare zunehmen.
Die Zunge hilft auch beim Fressen
Die raue Oberfläche ist nicht nur bei der Fellpflege nützlich.
Die nach hinten gerichteten Papillen helfen der Katze außerdem dabei, Nahrung im Maul zu bewegen und kleine Nahrungsbestandteile aufzunehmen.
Bei einer fleischfressenden Tierart kann die raue Zunge zudem dabei helfen, Fleisch beziehungsweise Gewebe zu greifen und von Oberflächen zu lösen.
Sie gehört damit gemeinsam mit Zähnen und Kiefer zum hoch spezialisierten Fressapparat der Katze.
Hat die raue Oberfläche etwas mit Geschmack zu tun?
Nicht in erster Linie.
Die filiformen Papillen, die für das typische raue Gefühl verantwortlich sind, erfüllen vor allem mechanische Aufgaben.
Geschmacksknospen sitzen dagegen an anderen Papillentypen der Katzenzunge, beispielsweise an fungiformen Papillen.
Raue Zunge und Geschmackssinn sollte man deshalb nicht miteinander gleichsetzen.
Und schmecken Katzen wirklich kein Süß?
Hier gibt es tatsächlich eine Besonderheit.
Bei den meisten Säugetieren entsteht der Rezeptor für süßen Geschmack aus zwei Bestandteilen.
Bei Katzen ist das Gen Tas1r2, das für einen dieser Bestandteile benötigt wird, nicht funktionsfähig.
Dadurch kann der normalerweise für süßen Geschmack zuständige Rezeptor nicht vollständig gebildet werden.
Katzen reagieren deshalb auf Zucker und andere süße Stoffe anders als beispielsweise Menschen.
Das hat aber nichts mit den rauen Papillen zu tun.
Eine Zunge mit mehreren Werkzeugen
Auf den ersten Blick sieht die Katzenzunge einfach nur rau aus.
Unter dem Mikroskop zeigt sich jedoch, wie spezialisiert sie ist.
Die Form der Papillen unterscheidet sich sogar je nach Bereich der Zunge.
Schon Untersuchungen aus den 1980er-Jahren zeigten, dass die filiformen Papillen an der Zungenspitze anders aufgebaut sind als diejenigen im mittleren oder hinteren Bereich.
Die Katzenzunge ist also keineswegs gleichmäßig mit identischen „Häkchen“ bedeckt.
Kurz & knapp
- Die raue Katzenzunge entsteht vor allem durch filiforme Papillen.
- Diese verhornten Strukturen besitzen teilweise nach hinten gerichtete, hakenartige Spitzen.
- Sie helfen bei der Fellpflege und beim Entfernen loser Haare.
- Bestimmte Papillen können Speichel aufnehmen und tief ins Fell transportieren.
- Verdunstender Speichel kann zur Kühlung beitragen.
- Die Zunge unterstützt auch beim Aufnehmen und Festhalten von Nahrung.
- Die für die Rauigkeit verantwortlichen Papillen sind nicht hauptsächlich für den Geschmack zuständig.
- Katzen besitzen keinen funktionsfähigen klassischen Süßgeschmacksrezeptor – das ist jedoch ein eigenes Merkmal ihres Geschmackssinns.
Und bei Mo?
Wenn Mo abschleckt, fühlt sich das ungefähr so liebevoll an, wie wenn ein sehr kleiner Teppichhaken Zuneigung zeigt. 😅
Herzlich gemeint ist es natürlich trotzdem.
Und hinter diesem etwas gewöhnungsbedürftigen Katzenkuss steckt ein ziemlich ausgeklügeltes Werkzeug:
Bürste, Speichelverteiler und Esshilfe in einer einzigen Zunge. 🐱👅
Quellen
Noel A. C., Hu D. L. (2018): „Cats use hollow papillae to wick saliva into fur“ – Proceedings of the National Academy of Sciences.
Untersuchung der Zungen verschiedener Katzenarten. Die Forschenden zeigten, dass spezialisierte Papillen Speichel aufnehmen, tief ins Fell transportieren und dadurch Fellpflege und Verdunstungskühlung unterstützen.
DOI: 10.1073/pnas.1809544115
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6298077/
Boshell J. L., Wilborn W. H., Singh B. B. (1982): „Filiform papillae of cat tongue“ – Acta Anatomica.
Mikroskopische Untersuchung der filiformen Papillen. Sie zeigt unterschiedliche Formen je nach Bereich der Katzenzunge und die charakteristischen nach hinten gerichteten Spitzen.
DOI: 10.1159/000145583
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/7180385/
Robinson P. P., Winkles P. A. (1990): „Quantitative study of fungiform papillae and taste buds on the cat’s tongue“ – The Anatomical Record.
Untersuchung der für den Geschmack relevanten fungiformen Papillen und ihrer Geschmacksknospen auf der Katzenzunge.
DOI: 10.1002/ar.1092260112
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/2297077/
Li X. et al. (2005): „Pseudogenization of a Sweet-Receptor Gene Accounts for Cats‘ Indifference toward Sugar“ – PLOS Genetics.
Die Studie zeigte, dass bei Katzen das Tas1r2-Gen nicht funktionsfähig ist und deshalb kein normaler T1R2/T1R3-Süßgeschmacksrezeptor gebildet werden kann.
DOI: 10.1371/journal.pgen.0010003
https://journals.plos.org/plosgenetics/article?id=10.1371/journal.pgen.0010003
Merck Veterinary Manual – „Physical Description of Cats“
Veterinärmedizinische Übersicht zur Anatomie der Katze. Beschreibt die rauen Papillen der Zunge und ihre Funktion beim Fressen und bei der Fellpflege.
https://www.merckvetmanual.com/cat-owners/introduction-to-cats/physical-description-of-cats

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