Ein alter König hat drei Söhne – aber besonders große Lust, seinen Thron abzugeben, hat er eigentlich nicht.
Also stellt er ihnen eine Aufgabe nach der anderen.
Der jüngste Prinz landet dabei in einem geheimnisvollen Schloss, in dem Katzen musizieren, jagen und einen ganzen Hofstaat bilden.
Über allem herrscht eine wunderschöne weiße Katze.
Und natürlich ist sie nicht ganz das, was sie zu sein scheint.
Ein König, der seinen Thron lieber behalten möchte
Am Anfang von La Chatte blanche steht ein alter König mit drei Söhnen.
Eigentlich müsste irgendwann einer von ihnen seine Nachfolge antreten.
Der König findet jedoch immer neue Gründe, die Entscheidung hinauszuschieben.
Zunächst schickt er seine Söhne los, um ihm das schönste und kleinste Hündchen zu bringen.
Wer die Aufgabe am besten erfüllt, soll das Königreich erhalten.
Der jüngste Prinz findet ein Schloss voller Katzen
Auf seiner Reise gelangt der jüngste Sohn zu einem prächtigen, geheimnisvollen Schloss.
Dort ist fast alles ungewöhnlich.
Unsichtbare Hände bedienen ihn, Katzen spielen Musik und gehen gemeinsam auf die Jagd.
Herrscherin dieses seltsamen Hofes ist eine elegante weiße Katze, die sprechen kann und den Prinzen freundlich aufnimmt.
Er verbringt so viel Zeit bei ihr, dass er seine eigentliche Aufgabe beinahe vergisst.
Erst kurz vor seiner Abreise erinnert die weiße Katze ihn daran – und schenkt ihm eine Eichel.
Darin steckt ein winziges Hündchen, das tatsächlich kleiner und außergewöhnlicher ist als alle Tiere, die seine Brüder gefunden haben.
Gewonnen? Noch lange nicht.
Der König muss zugeben, dass der jüngste Sohn die Aufgabe gewonnen hat.
Seinen Thron möchte er trotzdem nicht hergeben.
Also stellt er eine zweite Aufgabe:
Die Söhne sollen einen Stoff finden, der so fein ist, dass er durch das Öhr einer Nadel passt.
Wieder kehrt der jüngste Prinz zur weißen Katze zurück.
Und wieder hilft sie ihm.
Der wundersame Stoff ist schließlich so fein, dass er tatsächlich mehrfach durch das kleine Nadelöhr gezogen werden kann.
Dann verlangt der König die schönste Prinzessin
Auch diesmal findet der König einen neuen Vorwand.
Nun sollen seine Söhne nach einem weiteren Jahr mit der schönsten Prinzessin zurückkehren.
Wer sie bringt, soll sie heiraten und endlich König werden.
Für den jüngsten Sohn wird die Aufgabe schwieriger als die vorherigen.
Denn inzwischen ist ihm die weiße Katze selbst sehr ans Herz gewachsen.
Das Geheimnis der weißen Katze
Nun erzählt die Katze dem Prinzen ihre eigene Geschichte.
Sie war ursprünglich eine Prinzessin und Erbin mehrerer Königreiche.
Noch vor ihrer Geburt geriet ihre Mutter jedoch in die Macht von Feen.
Die Königin hatte unbedingt Früchte aus deren Garten essen wollen und ihnen dafür ihr ungeborenes Kind versprochen.
So wuchs die Prinzessin später unter der Kontrolle der Feen auf.
Als sie sich in einen jungen Mann verliebte, widersetzte sie sich deren Plänen – und schließlich wurde sie in die weiße Katze verwandelt.
Ihr Schloss, der Katzenhof und ihre ungewöhnliche Gestalt sind also Teil eines Zaubers.
Die Verwandlung zurück zur Prinzessin
Um den Zauber zu brechen, verlangt die weiße Katze etwas ziemlich Ungeheuerliches vom Prinzen.
Er soll ihr Kopf und Schwanz abschlagen und beides ins Feuer werfen.
Der Prinz weigert sich zunächst entsetzt.
Doch die Katze besteht darauf.
Schließlich vertraut er ihr.
Und statt der Katze erscheint eine wunderschöne Prinzessin.
Damit ist auch die letzte Aufgabe des Königs eigentlich entschieden.
Am Ende braucht niemand um ein einziges Königreich zu streiten
Die verwandelte Prinzessin besitzt selbst sechs Königreiche.
Als sie am Hof erscheint, bietet sie dem alten König und den beiden älteren Brüdern jeweils eines davon an.
Für sich und den jüngsten Prinzen bleiben immer noch genügend Reiche übrig.
Der alte König kann seinen eigenen Thron behalten, die Brüder werden ebenfalls versorgt – und die weiße Katze heiratet den Prinzen.
Damit löst ausgerechnet die vermeintliche „Katze“ am Ende ein Problem, das der König über Jahre selbst nicht lösen wollte.
Ein Feenmärchen mit bekannter Autorin
„Die weiße Katze“ ist kein anonym überliefertes Volksmärchen.
Es handelt sich um ein literarisches Feenmärchen der französischen Schriftstellerin Marie-Catherine d’Aulnoy.
La Chatte blanche erschien am Ende des 17. Jahrhunderts in ihrem Märchenzyklus Contes nouveaux ou Les Fées à la mode. Üblicherweise wird die Veröffentlichung auf 1698 datiert.
D’Aulnoy gehörte zu den bedeutenden französischen Märchenautorinnen ihrer Zeit.
Ihre Geschichten richteten sich ursprünglich nicht einfach nur an kleine Kinder. Sie waren kunstvoll geschriebene Erzählungen für ein erwachsenes, höfisches Publikum und spielten mit Themen wie Macht, Ehe, gesellschaftlichen Erwartungen und weiblicher Selbstbestimmung.
ATU 402 – die tierische Braut
In der internationalen Märchenforschung wird die Geschichte dem Typ ATU 402 „The Animal Bride“ zugeordnet.
Dazu gehören Erzählungen, in denen eine zunächst tiergestaltige oder verzauberte Frau am Ende ihre menschliche Gestalt erhält.
Später entstanden zahlreiche verwandte Geschichten.
Auch die Brüder Grimm kannten d’Aulnoys Märchen und verwiesen in ihren Anmerkungen auf „Die weiße Katze“, als sie ähnliche Stoffe behandelten.
Warum ist die Katze hier so interessant?
Die weiße Katze ist keineswegs nur eine Prinzessin, die darauf wartet, gerettet zu werden.
Sie besitzt ihr eigenes Schloss, regiert einen Hofstaat, verfügt über magische Möglichkeiten und löst praktisch jede Aufgabe, an der die Menschen scheitern.
Der Prinz braucht zwar Mut und Vertrauen.
Aber fast alles, was ihn seinem Ziel näherbringt, stammt von ihr.
Damit ist sie eine ungewöhnlich mächtige Märchenfigur – erst recht für eine Geschichte aus dem 17. Jahrhundert.
Kurz & knapp
- „Die weiße Katze“ stammt von Marie-Catherine d’Aulnoy.
- Das französische Feenmärchen erschien am Ende des 17. Jahrhunderts, meist auf 1698 datiert.
- Ein König stellt seinen drei Söhnen nacheinander mehrere Aufgaben, um seine Thronübergabe hinauszuzögern.
- Der jüngste Prinz erhält bei allen Aufgaben Hilfe von einer geheimnisvollen weißen Katze.
- Die Katze ist in Wirklichkeit eine verzauberte Prinzessin.
- Sie besitzt selbst sechs Königreiche und löst damit am Ende sogar den Streit um die Nachfolge.
- Das Märchen gehört zum internationalen Erzähltyp ATU 402 „The Animal Bride“.
- Anders als viele Volksmärchen ist „Die weiße Katze“ ein literarisches Märchen mit bekannter Autorin.
Vielleicht war die Katze ohnehin die bessere Herrscherin
Der König verbringt mehrere Jahre damit, seinen Söhnen immer schwierigere Aufgaben zu stellen.
Der Prinz reist hin und her.
Und die weiße Katze?
Sie besitzt längst ihr eigenes Schloss, einen kompletten Hofstaat, mehrere Königreiche und für jedes Problem die passende Lösung.
Vielleicht war die Frage also nie, ob die Katze wieder eine Prinzessin werden kann – sondern warum eigentlich niemand ihr direkt den Thron angeboten hat. 😅🐱👑
Quellen
Marie-Catherine d’Aulnoy – „La Chatte blanche“
Französischer Volltext des Märchens. Enthält die drei Aufgaben des Königs, den Katzenhof, die Vorgeschichte der verzauberten Prinzessin und das Ende mit ihren sechs Königreichen.
https://fr.wikisource.org/wiki/La_Chatte_blanche
De Montfort University – The Hockliffe Project
Bibliografische Einordnung von „La Chatte blanche“ als Erzählung aus d’Aulnoys Contes nouveaux ou Les Fées à la mode und zur Veröffentlichung am Ende des 17. Jahrhunderts.
https://hockliffe.dmu.ac.uk/items/0042.html
Claire-Lise Malarte-Feldman: „Le héros animal dans les contes de fées de Mme d’Aulnoy“
Wissenschaftliche Untersuchung der Tierfiguren in den Märchen Madame d’Aulnoys und ihrer literarischen Funktion.
https://shs.cairn.info/article/DHS_042_0119/pdf
University of Pittsburgh – Folktale Type 402: The Animal Bride
Vergleichsmaterial zur internationalen Märchentradition des Tierbraut-Motivs, zu der „Die weiße Katze“ gezählt wird.
https://sites.pitt.edu/~dash/type0402.html

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