Katzen besitzen einen erstaunlichen Aufrichtreflex.
Wenn sie fallen, können sie ihren Körper in der Luft orientieren und häufig so drehen, dass ihre Pfoten nach unten zeigen.
Daraus ist allerdings ein gefährlicher Mythos entstanden:
„Katzen landen immer sicher auf ihren Pfoten.“
Das stimmt nicht.
Denn selbst wenn eine Katze tatsächlich auf ihren Pfoten landet, kann der Aufprall schwere Verletzungen verursachen.
Was ist der Aufrichtreflex?
Der sogenannte Aufrichtreflex hilft einer fallenden Katze dabei, ihre Körperlage zu erkennen und sich während des Falls zu drehen.
Eine wichtige Rolle spielt dabei das Gleichgewichtssystem im Innenohr.
Versuche mit Katzen zeigen, dass der Reflex vor allem durch das vestibuläre System gesteuert wird und nicht davon abhängt, dass die Katze den Boden sehen kann.
Auch die sehr bewegliche Wirbelsäule und die Möglichkeit, Vorder- und Hinterkörper gegeneinander zu bewegen, helfen der Katze bei der Drehung.
So kann sie Kopf und Körper ausrichten und versuchen, mit den Pfoten nach unten zu landen.
Der Reflex entwickelt sich schon bei jungen Katzen
Kitten beherrschen diese Fähigkeit nicht unmittelbar nach der Geburt vollständig.
In Untersuchungen zur Entwicklung verschiedener Haltungsreflexe zeigte sich, dass der Aufrichtreflex während der ersten Lebenswochen zunehmend ausreift.
Der Luft-Aufrichtreflex war ungefähr bis zur fünften Lebenswoche deutlich entwickelt.
Das zeigt zugleich:
Es handelt sich nicht um Magie, sondern um einen komplexen neurologischen und körperlichen Reflex.
Warum landen Katzen trotzdem nicht immer auf den Pfoten?
Der Aufrichtreflex braucht Zeit.
Bei einem sehr kurzen oder ungünstigen Sturz kann die Katze möglicherweise nicht vollständig reagieren.
Auch Verletzungen, Erkrankungen des Gleichgewichtssystems oder andere körperliche Einschränkungen können die Fähigkeit beeinträchtigen.
Und selbst eine vollständig erfolgte Drehung garantiert nicht, dass die Landung kontrolliert oder ungefährlich ist.
„Die Pfoten zeigen nach unten“ ist nicht dasselbe wie „die Katze landet unverletzt“.
Auf den Pfoten landen kann trotzdem wehtun
Beim Aufprall muss der Körper die Energie des Falls aufnehmen.
Die Beine können einen Teil davon abfedern – aber sie können physikalische Kräfte nicht verschwinden lassen.
Bei Stürzen aus großer Höhe können deshalb unter anderem auftreten:
- Brüche an Beinen und Pfoten,
- Verletzungen an Kiefer und Gesicht,
- Brustkorbverletzungen,
- Lungenprellungen oder ein Pneumothorax,
- Wirbelsäulenverletzungen,
- innere Verletzungen
- und Schock.
Tierärztlich wird die typische Kombination solcher Verletzungen nach einem Sturz aus größerer Höhe als High-Rise-Syndrom bezeichnet.
Was zeigen Untersuchungen verunglückter Katzen?
Eine klassische Untersuchung aus dem Jahr 1987 wertete 132 Katzen aus, die nach Stürzen aus großer Höhe tierärztlich behandelt wurden.
Bei 90 Prozent der Tiere wurde eine Verletzung des Brustkorbs festgestellt.
Weitere häufige Befunde waren Verletzungen im Gesicht, Knochenbrüche, Schock und Gelenkverletzungen.
Eine neuere wissenschaftliche Übersichtsarbeit bestätigt ebenfalls, dass Stürze zu sehr unterschiedlichen Verletzungen an Brustkorb, Bauch, Knochen und Gesicht führen können.
Der Aufrichtreflex hilft Katzen zwar – er macht sie aber keineswegs unverwundbar.
Ist ein höherer Sturz manchmal sicherer?
Hier kursiert ein weiterer hartnäckiger Mythos.
Manchmal wird behauptet, Katzen würden ab einer bestimmten Höhe wieder weniger schwer verletzt, weil sie mehr Zeit hätten, sich auszurichten.
Solche Aussagen gehen unter anderem auf ältere Untersuchungen zurück.
Sie sollten jedoch nicht als Sicherheitsregel verstanden werden.
Bei Studien, die ausschließlich Katzen auswerten, die nach einem Sturz in einer Tierklinik vorgestellt wurden, entsteht ein Problem:
Tiere, die am Unfallort starben oder gar nicht in die Klinik gebracht wurden, tauchen in den Daten nicht auf.
Auch neuere Forschung zeigt deshalb keinen simplen Zusammenhang nach dem Motto:
„Je höher, desto ungefährlicher.“
Ein Sturz aus großer Höhe ist immer ein ernstes Risiko.
Fenster und Balkone bleiben deshalb gefährlich
Dass Katzen gut klettern und einen Aufrichtreflex besitzen, schützt sie nicht zuverlässig vor Abstürzen.
Sie können von einer Fensterbank abrutschen, einem Vogel oder Insekt hinterherspringen oder sich erschrecken.
Deshalb sollten besonders Fenster und Balkone in höheren Stockwerken gesichert werden.
Möglich sind zum Beispiel:
- stabile, katzensichere Netze,
- fest montierte Gitter oder Schutzsysteme,
- gesicherte Fenster
- und ein vollständig geschützter Balkon.
Auch gekippte Fenster sind gefährlich: Katzen können in dem V-förmigen Spalt abrutschen und sich dort schwer verletzen.
Wenn eine Katze tatsächlich abstürzt
Nach einem Sturz sollte man sich nicht allein davon beruhigen lassen, dass die Katze anschließend laufen kann.
Manche Verletzungen sind von außen zunächst kaum sichtbar.
Besonders Probleme im Brustkorb oder innere Verletzungen können sich erst später deutlich zeigen.
Warnzeichen sind beispielsweise:
- erschwerte oder schnelle Atmung,
- Lahmheit oder steifer Gang,
- Schmerzen beim Aufstehen oder Hinlegen,
- ungewöhnliche Schwäche oder Teilnahmslosigkeit,
- Blutungen,
- Probleme beim Fressen
- oder die Unfähigkeit zu stehen oder zu laufen.
Nach einem schweren Sturz sollte eine Katze deshalb möglichst ruhig transportiert und tierärztlich untersucht werden.
Bei Atemnot, starken Blutungen, Bewusstseinsstörungen oder deutlichen neurologischen Auffälligkeiten handelt es sich um einen Notfall.
Kurz & knapp
- Katzen besitzen einen echten Aufrichtreflex.
- Das Gleichgewichtssystem im Innenohr spielt dabei eine zentrale Rolle.
- Der Reflex ermöglicht vielen Katzen, ihren Körper während eines Falls zu drehen.
- Er garantiert aber keine Landung auf allen vier Pfoten.
- Selbst eine Pfotenlandung kann schwere Verletzungen verursachen.
- Stürze können Brustkorb, Knochen, Gesicht, Wirbelsäule und innere Organe verletzen.
- Fenster und Balkone sollten deshalb gesichert werden.
- Nach einem schweren Sturz ist eine tierärztliche Untersuchung sinnvoll – auch wenn die Katze zunächst relativ normal wirkt.
Und für mich ist dieses Thema persönlich
Meine zweite Katze Lucy ist damals aus dem vierten Stock auf Beton gestürzt.
Sie hat sich dabei die Wirbelsäule gebrochen.
Ich vermisse sie bis heute.
Deshalb ist mir bei diesem Thema ein Satz besonders wichtig:
„Katzen landen auf ihren Pfoten“ darf niemals mit „Katzen können sicher fallen“ verwechselt werden.
Der Aufrichtreflex ist beeindruckend.
Aber er ist kein Schutzschild. ❤️🐾
Quellen
Sechzer J. A. et al. (1984): „Development and maturation of postural reflexes in normal kittens“ – Experimental Neurology.
Untersuchung zur Entwicklung verschiedener Haltungs- und Aufrichtreflexe bei Kitten. Der Luft-Aufrichtreflex entwickelte sich im Verlauf der ersten Lebenswochen.
DOI: 10.1016/0014-4886(84)90084-0
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/6499990/
Crémieux J., Veraart C., Wanet M. C. (1984): „Development of the air righting reflex in cats visually deprived since birth“ – Experimental Brain Research.
Die Untersuchung zeigt, dass der Aufrichtreflex auch ohne visuelle Informationen normal entwickelt werden kann und vor allem vestibulär gesteuert wird.
DOI: 10.1007/BF00235481
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/6723872/
Whitney W. O., Mehlhaff C. J. (1987): „High-rise syndrome in cats“ – Journal of the American Veterinary Medical Association.
Klassische Untersuchung von 132 Katzen nach Stürzen aus großer Höhe. Dokumentiert unter anderem häufige Brustkorbverletzungen, Knochenbrüche, Gesichtstraumata und Schock.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/3692980/
Robinson G. W. et al. (2022): „High-rise syndrome in cats and dogs“ – Journal of Veterinary Emergency and Critical Care.
Wissenschaftliche Übersichtsarbeit zu Verletzungsmustern, Diagnostik und Behandlung nach Stürzen aus großer Höhe.
DOI: 10.1111/vec.13206
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35650712/
Cats Protection – „Our Guide to Indoor Cats“
Hinweise zum Risiko von Stürzen aus Fenstern und von Balkonen sowie zu sicheren Gittern, Netzen und Fensterschutzsystemen.
https://www.cats.org.uk/help-and-advice/home-and-environment/indoor-cats
VCA Animal Hospitals – „First Aid for Falls in Cats“
Veterinärmedizinische Hinweise zu möglichen Verletzungen nach einem Sturz, Warnzeichen und dem richtigen Vorgehen nach einem Unfall.
https://vcahospitals.com/know-your-pet/first-aid-for-falls-in-cats

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