Katzen haben neun Leben – wie alt ist dieser Katzenmythos wirklich?

„Katzen haben neun Leben.“

Diesen Satz kennt vermutlich fast jeder.

Gemeint ist natürlich nicht, dass eine Katze tatsächlich mehrfach sterben und wieder auferstehen könnte. Die Redewendung spielt vielmehr mit ihrer erstaunlichen Fähigkeit, gefährliche Situationen zu überstehen.

Doch wie alt ist diese Vorstellung eigentlich?

Mindestens seit dem 16. Jahrhundert lässt sie sich schriftlich nachweisen.

Warum es ausgerechnet neun Leben wurden, wissen wir dagegen bis heute nicht sicher.

1546: Ein erstaunlich früher Beleg

Einer der frühesten sicher belegten englischen Nachweise stammt von John Heywood.

In seiner 1546 veröffentlichten Sammlung A Dialogue Conteinyng the Nomber in Effect of All the Prouerbes in the Englishe Tongue findet sich sinngemäß die Aussage:

„Eine Frau hat neun Leben wie eine Katze.“

Das Interessante daran ist nicht der Vergleich mit der Frau, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der Heywood die neun Leben der Katze erwähnt.

Er erklärt die Vorstellung nicht weiter.

Das spricht dafür, dass seine Leser sie bereits kannten.

Shakespeare kannte die neun Leben ebenfalls

Einige Jahrzehnte später taucht die Vorstellung bei William Shakespeare auf.

In Romeo und Julia provoziert Mercutio Tybalt, den er zuvor als „Rattenfänger“ und „König der Katzen“ verspottet.

Dann spricht er davon, ihm eines seiner neun Leben zu nehmen.

Auch Shakespeare musste seinen Zuschauern offenbar nicht erklären, warum eine Katze neun Leben haben sollte.

Die Vorstellung war zu diesem Zeitpunkt bereits fest genug im englischen Sprachgebrauch verankert, um als Pointe zu funktionieren.

Shakespeare hat den Mythos also nicht erfunden.

Aber warum ausgerechnet neun?

Und genau hier endet der sichere Teil der Geschichte.

Es gibt verschiedene Erklärungsversuche – aber keinen eindeutig belegten Ursprung.

Erklärung 1: Die besondere Bedeutung der Zahl Neun

Die Zahl Neun spielte in unterschiedlichen europäischen Traditionen, Religionen und Erzählungen immer wieder eine besondere Rolle.

Sie ist drei mal drei und taucht häufig in Geschichten, symbolischen Zahlensystemen und Volksüberlieferungen auf.

Deshalb wird vermutet, dass die Neun einfach gut zu einem Tier passte, dem man eine außergewöhnliche Widerstandsfähigkeit zuschrieb.

Ein historischer Beleg nach dem Muster:

„Deshalb bekamen Katzen genau neun Leben“

existiert jedoch nicht.

Erklärung 2: Katzen und Hexenglaube

Eine zweite Spur führt in die frühneuzeitliche Vorstellung von Hexen und Gestaltwandlung.

In William Baldwins Beware the Cat, einem englischen Text aus dem 16. Jahrhundert, wird ausdrücklich eine damals verbreitete Vorstellung erwähnt, nach der eine Hexe die Gestalt einer Katze mehrfach annehmen könne.

Dabei wird ebenfalls die Zahl neun genannt.

Das ist ein spannender historischer Zusammenhang zwischen Katzen, neun Leben und frühneuzeitlichem Hexenglauben.

Trotzdem lässt sich daraus nicht sicher ableiten, dass genau diese Vorstellung die ursprüngliche Quelle der Redewendung war.

Immerhin zeigt Heywoods Text von 1546, dass der Vergleich mit den neun Katzenleben bereits im Umlauf war.

Und das alte Ägypten?

Auch Ägypten wird bei der Suche nach dem Ursprung immer wieder genannt.

Katzen hatten dort zweifellos eine besondere religiöse und gesellschaftliche Bedeutung, und bestimmte ägyptische Götterwelten arbeiteten ebenfalls mit Gruppen von neun Gottheiten.

Doch eine antike ägyptische Quelle, die behauptet:

„Eine Katze besitzt neun Leben“

ist nicht bekannt.

Die Verbindung klingt schön – eine historische Beweiskette von Ägypten bis zur späteren europäischen Redewendung gibt es jedoch nicht.

Vielleicht half die echte Katze dem Mythos

Warum die Vorstellung so langlebig wurde, lässt sich leichter nachvollziehen.

Katzen sind beweglich, besitzen einen ausgeprägten Aufrichtreflex und können aus Situationen entkommen, die für Beobachter erstaunlich wirken.

Wer immer wieder erlebt, wie eine Katze nach einem Sprung, Sturz oder einer riskanten Kletteraktion scheinbar unbeeindruckt weiterläuft, kann schnell den Eindruck bekommen:

Dieses Tier hat mehr als ein Leben.

Das erklärt allerdings eher, warum die Redewendung glaubwürdig wirkte und über Jahrhunderte erhalten blieb – nicht, warum ursprünglich gerade die Zahl Neun gewählt wurde.

Nicht überall haben Katzen neun Leben

Auch die Zahl selbst ist kulturell nicht überall gleich.

Im Englischen und in vielen mitteleuropäischen Traditionen sind es gewöhnlich neun Leben.

Im Spanischen kennt man dagegen die Redewendung von den sieben Leben einer Katze.

Historische spanische Sprichwortsammlungen erwähnen ausdrücklich, dass Katzen sieben Leben beziehungsweise sieben Seelen zugeschrieben würden.

Das ist ein weiterer Hinweis darauf, dass wir es mit Volksglauben zu tun haben – nicht mit einer einheitlichen alten Lehre über Katzen.

Was wissen wir wirklich?

  • Die Vorstellung von mehreren Katzenleben ist mehrere Jahrhunderte alt.
  • Neun Katzenleben sind im Englischen spätestens 1546 bei John Heywood schriftlich belegt.
  • Shakespeare griff die Vorstellung später in Romeo und Julia auf.
  • Er hat den Mythos also nicht erfunden.
  • Warum ausgerechnet die Zahl Neun gewählt wurde, ist nicht sicher geklärt.
  • Symbolik der Zahl Neun, Hexenglaube und andere Traditionen werden als mögliche Zusammenhänge diskutiert.
  • Eine direkte Herkunft aus dem alten Ägypten ist nicht belegt.
  • In anderen Sprachräumen werden Katzen teilweise sieben statt neun Leben zugeschrieben.

Wahr oder Miau?

Behauptung:
„Katzen haben neun Leben.“

Urteil:
Miau.

Katzen haben natürlich nur ein einziges Leben.

Die Vorstellung von den neun Leben ist jedoch erstaunlich alt und lässt sich mindestens bis ins England des 16. Jahrhunderts zurückverfolgen.

Wo genau sie entstand und warum es gerade neun Leben wurden, bleibt offen.

Ein Mythos, der fast selbst neun Leben hat

Seit beinahe 500 Jahren taucht die Vorstellung immer wieder auf.

In Sprichwörtern, Theaterstücken, Büchern und bis heute im ganz normalen Sprachgebrauch.

Vielleicht ist damit ausgerechnet der Mythos selbst erstaunlich schwer totzukriegen. 😅🐱

Die Katze hat ein Leben.

Die Geschichte von ihren neun Leben hat dagegen schon einige Jahrhunderte überstanden.

Quellen

Oxford English Dictionary – „cat“, historische Belege
Das OED führt John Heywoods Formulierung von 1546 als frühen Beleg für die Vorstellung von neun Katzenleben und dokumentiert außerdem Shakespeares spätere Verwendung in Romeo and Juliet.
https://doi.org/10.1093/OED/1724218343

John Heywood: „A Dialogue Conteinyng the Nomber in Effect of All the Prouerbes in the Englishe Tongue“ (1546)
Historische Sprichwortsammlung mit dem frühen Satz „A woman hath nine lives like a cat“.
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/0e/The_proverbs_of_John_Heywood._Being_the_%22Proverbes%22_of_that_author_printed_1546._Ed.%2C_with_notes_and_introduction_%28IA_cu31924027146566%29.pdf

Folger Shakespeare Library – „Romeo and Juliet“, Act 3, Scene 1
In der Auseinandersetzung mit Tybalt spricht Mercutio ausdrücklich von einem seiner „nine lives“ – ein Beleg dafür, dass die Vorstellung zu Shakespeares Zeit bereits bekannt war.
https://www.folger.edu/explore/shakespeares-works/romeo-and-juliet/read/3/1/

William Baldwin: „Beware the Cat“
Frühneuzeitlicher Text, in dem Katzen, neun Leben und die Vorstellung von Hexen in Katzengestalt miteinander verbunden werden. Die überlieferten Ausgaben stammen aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.
https://catalog.folger.edu/record/426676

Centro Virtual Cervantes – Françoise Cazal: „Gatos y gatas en el Vocabulario de refranes de Correas“
Wissenschaftliche Untersuchung historischer spanischer Katzen-Sprichwörter. Dokumentiert unter anderem die Vorstellung, Katzen hätten sieben Leben beziehungsweise sieben Seelen.
https://cvc.cervantes.es/literatura/criticon/pdf/071/071_035.pdf

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