Rettete eine Katze ihre Kitten vor der Titanic?

Eine Katze soll kurz vor der Jungfernfahrt der Titanic ihre Kitten eines nach dem anderen vom Schiff getragen haben.

Ein Besatzungsmitglied habe das als Warnung verstanden, sei ebenfalls an Land geblieben – und dadurch dem Untergang entkommen.

Die Geschichte von Jenny, der Schiffskatze der Titanic, klingt fast zu perfekt, um wahr zu sein.

Und tatsächlich steckt darin offenbar ein historischer Kern. Die berühmte Rettungsgeschichte lässt sich jedoch nicht sicher belegen.

Gab es auf der Titanic wirklich eine Katze namens Jenny?

Dafür gibt es zumindest eine bemerkenswerte historische Überlieferung.

Die Stewardess Violet Jessop, die den Untergang der Titanic überlebte, erinnerte sich später in ihren Memoiren an eine Schiffskatze namens Jenny.

Jessop beschrieb Jenny als Teil der Besatzung und berichtete auch, dass die Katze auf der Titanic einen Wurf Kitten bekommen hatte.

Die Katzenfamilie habe sich in der Nähe eines Küchenmitarbeiters namens Jim aufgehalten, der sich um Jenny kümmerte.

Das ist der stärkste Hinweis darauf, dass Jenny und ihre Kitten tatsächlich an Bord gewesen sein könnten.

Warum gab es überhaupt Katzen auf Schiffen?

Eine Katze auf einem großen Schiff war damals nichts besonders Ungewöhnliches.

Ratten und Mäuse konnten Vorräte beschädigen und sich an Bord ausbreiten. Katzen wurden deshalb auf Schiffen als Mäusefänger gehalten und waren gleichzeitig oft Maskottchen oder Begleiter der Besatzung.

Dass auch ein großer Passagierdampfer eine Schiffskatze hatte, passt also durchaus zur damaligen Seefahrt.

Die berühmte Geschichte von Jennys Flucht

Die heute bekannteste Version geht noch deutlich weiter als Violet Jessops Erinnerung.

Demnach soll Jenny ihre Kitten nach der Ankunft der Titanic in Southampton plötzlich von Bord getragen haben.

Eines nach dem anderen soll sie über die Gangway an Land gebracht haben.

Ein Besatzungsmitglied habe das beobachtet und darin ein schlechtes Omen gesehen.

Wenn die Katze das Schiff verlässt, so die Geschichte, sollte er es vielleicht ebenfalls tun.

Er blieb an Land.

Wenige Tage später sank die Titanic.

Damit wäre Jenny rückblickend zur tierischen Lebensretterin geworden.

Woher stammt diese Version?

Eine wichtige Quelle ist ein Zeitungsinterview aus dem Jahr 1964 mit dem ehemaligen Seemann Joe Mulholland.

Mulholland berichtete, er sei auf der Überführungsfahrt der Titanic von Belfast nach Southampton dabei gewesen.

Nach seiner späteren Erinnerung hatte er eine trächtige Katze mit an Bord gebracht.

Die Katze habe auf dem Schiff Junge bekommen und diese nach der Ankunft in Southampton wieder an Land getragen.

Mulholland erklärte, er habe dies als schlechtes Zeichen verstanden und die Titanic ebenfalls verlassen.

Das Problem: Die Geschichte wurde erst Jahrzehnte später erzählt

Die Titanic verließ Southampton am 10. April 1912.

Mulhollands bekannte Erzählung stammt jedoch aus dem Jahr 1964 – also mehr als fünfzig Jahre später.

Auch Violet Jessops Memoiren sind keine unmittelbar nach der Katastrophe entstandene Quelle. Sie schrieb ihre Erinnerungen erst Jahrzehnte nach den Ereignissen nieder; veröffentlicht wurden sie noch später.

Das bedeutet nicht automatisch, dass die Berichte falsch sind.

Erinnerungen können wichtige historische Quellen sein.

Aber je größer der zeitliche Abstand ist, desto vorsichtiger muss man einzelne Details behandeln – besonders dann, wenn eine Geschichte über Jahrzehnte weitererzählt wurde.

Violet Jessop erzählt die entscheidende Rettung nicht

Hier wird es besonders interessant.

Jessop erwähnt Jenny und ihre Kitten.

Sie berichtet aber nicht davon, dass Jenny ihre Jungen in Southampton vom Schiff getragen und dadurch jemanden vor der späteren Katastrophe gewarnt habe.

Ihre Erinnerung bestätigt also einen wichtigen Teil der Geschichte:

Eine Schiffskatze namens Jenny mit Kitten wurde mit der Titanic in Verbindung gebracht.

Die berühmte Flucht der Katzenfamilie bestätigt sie dagegen nicht.

Auch bei Mulhollands Geschichte gibt es Fragezeichen

Historiker und Titanic-Forschende weisen außerdem darauf hin, dass Mulholland in anderen Erzählungen offenbar andere Gründe dafür nannte, warum er die Titanic in Southampton verließ.

In Berichten aus der Zeit rund um den Film A Night to Remember soll beispielsweise ein Streit mit einem Vorgesetzten eine Rolle gespielt haben – ohne die rettende Katze zu erwähnen.

Das macht seine spätere Version nicht automatisch unmöglich.

Es zeigt aber, warum wir aus der Geschichte keine gesicherte Tatsache machen sollten.

War „Jim“ aus Jessops Erinnerungen derselbe Mann?

Auch das ist nicht sicher.

Violet Jessop schreibt von einem Mann namens Jim, der in der Küche arbeitete und Jenny besonders zugetan gewesen sei.

Mulholland dagegen wird als Heizer beziehungsweise Stoker beschrieben.

Spätere Erzählungen haben diese Personen teilweise miteinander vermischt.

Gerade bei berühmten historischen Geschichten passiert so etwas schnell:

Aus mehreren Erinnerungen und einzelnen Details entsteht mit der Zeit eine besonders runde Geschichte.

Konnte Jenny eine Gefahr vorausgeahnt haben?

Selbst wenn Jenny ihre Kitten tatsächlich von Bord getragen haben sollte, können wir daraus nicht schließen, dass sie den späteren Untergang der Titanic vorhergesehen hätte.

Katzenmütter können ihre Jungen aus vielen Gründen an einen anderen Ort bringen.

Sie reagieren beispielsweise auf Störungen, Veränderungen ihrer Umgebung oder einen Platz, den sie für ihre Jungen als ungeeignet empfinden.

Zwischen Southampton und der späteren Kollision der Titanic mit dem Eisberg lagen außerdem mehrere Tage und eine große Entfernung.

Für eine übernatürliche Vorahnung gibt es keinen Beleg.

Was können wir also wirklich sagen?

  • Violet Jessop erinnerte sich später an eine Schiffskatze namens Jenny auf der Titanic.
  • Nach ihrer Darstellung hatte Jenny dort einen Wurf Kitten.
  • Schiffskatzen waren zu dieser Zeit durchaus üblich und wurden unter anderem zur Bekämpfung von Mäusen und Ratten gehalten.
  • Joe Mulholland erzählte 1964, eine Katze habe ihre Kitten in Southampton von der Titanic getragen und er sei daraufhin ebenfalls an Land geblieben.
  • Diese dramatische Rettungsgeschichte ist jedoch erst Jahrzehnte nach dem Ereignis überliefert.
  • Violet Jessops Bericht bestätigt das Forttragen der Kitten nicht.
  • Dass Jenny eine spätere Katastrophe „vorausgesehen“ habe, lässt sich nicht belegen.

Wahr oder Miau?

Behauptung:
„Jenny rettete ihre Kitten vor der Titanic und warnte dadurch einen Menschen vor dem Untergang.“

Urteil:
Es gibt einen historischen Kern, aber die berühmte Rettungsgeschichte ist nicht sicher belegt.

Dass eine Katze namens Jenny mit Kitten an Bord gewesen sein soll, ist durch die späteren Erinnerungen der Titanic-Stewardess Violet Jessop überliefert.

Dass Jenny die Kitten vor der Abfahrt an Land brachte und damit einen Besatzungsangehörigen zum Verlassen des Schiffes bewegte, stammt aus einer wesentlich später erzählten Geschichte und lässt sich heute nicht zuverlässig bestätigen.

Warum ist die Geschichte trotzdem so bekannt?

Vielleicht gerade deshalb, weil sie so gut zu einer Legende passt.

Die Titanic gilt bis heute als Symbol einer Katastrophe, von der wir wissen, wie sie endete.

Die Vorstellung, dass ausgerechnet eine Katze rechtzeitig gespürt habe, dass etwas nicht stimmt, gibt dieser tragischen Geschichte einen kleinen geheimnisvollen Moment.

Historisch sollten wir trotzdem zwischen dem unterscheiden, was überliefert wurde, und dem, was sich tatsächlich belegen lässt.

Jenny könnte ihre Kitten gerettet haben.

Wir wissen nur nicht, ob sie es wirklich getan hat.

Und vermutlich ist genau das der Punkt, an dem aus Geschichte eine Legende wird. 🐱⚓

Quellen

Encyclopedia Titanica – „Cats on the Titanic“
Ausführliche Quellenanalyse zur Frage nach Jenny und ihren Kitten. Der Beitrag stellt sowohl Violet Jessops Erinnerungen als auch Joe Mulhollands Zeitungsinterview von 1964 gegenüber und weist auf die Unsicherheiten der Rettungsgeschichte hin.
https://www.encyclopedia-titanica.org/cats-on-the-titanic.html

Jessop, Violet / Maxtone-Graham, John: „Titanic Survivor: The Memoirs of Violet Jessop, Stewardess“
Violet Jessops Memoiren enthalten die bekannte Erinnerung an Jenny als Schiffskatze der Titanic und ihren Wurf Kitten. Jessop war selbst als Stewardess auf der Titanic und überlebte den Untergang.
https://books.google.com/books?id=YKWyAAAACAAJ

Royal Museums Greenwich – „Animals at Sea“
Historischer Überblick über Tiere an Bord von Schiffen. Katzen und Hunde wurden sowohl als Maskottchen und Begleiter gehalten als auch zur Bekämpfung von Ratten und Mäusen eingesetzt.
https://www.rmg.co.uk/stories/maritime-history/library-archive/animals-sea

Titanic Belfast – „10th April 1912“
Historischer Überblick über den Beginn der Jungfernfahrt: Die Titanic verließ Southampton am 10. April 1912 mit Ziel New York über Cherbourg und Queenstown.
https://www.titanicbelfast.com/history-of-titanic/on-this-day/10th-april-1912/

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